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Benachteiligung beginnt im Kleinkindalter

Eine Wiener Volksschullehrerin, die aus beruflichen Gründen anonym bleiben möchte, erzählt im Interview mit ORF.at von fehlender Unterstützung für Kinder und Lehrende, von „Elitenbildung“ in einzelnen Klassen, die auf Kosten der anderen Klassen geht, und warum sie Eltern gerne viel mehr in die Pflicht nehmen würde.

ORF.at: Sie unterrichten in einer Wiener Volksschule. Was sind für Sie die größten Herausforderungen?

Die größte Herausforderung ist, den Spagat zwischen den besten und den schwächsten Schülern, die dem Unterricht kaum beziehungsweise gar nicht folgen können, zu machen: zu differenzieren und alles so herunterzuschrauben, dass es selbst die schwächsten Schüler verstehen.

ORF.at: Wie viele Kinder Ihrer Klasse verstehen so wenig Deutsch, dass sie dem Unterricht nicht gut folgen können?

Acht von 25 Kindern können dem Unterricht kaum folgen. Drei von ihnen gar nicht, die anderen fünf ein bisschen. Unter diesen acht Kindern sind aber zwei Flüchtlingskinder, die erst vor ein paar Monaten zu uns gekommen sind.

ORF.at: Sind im Jahr davor, im Herbst 2015, auch Flüchtlingskinder in die Klasse gekommen?

Ja.

ORF.at: Die zählen Sie also nicht zu den Kindern, die dem Unterricht wegen sprachlicher Hürden nur schlecht folgen können?

Nein, diese Kinder können dem Unterricht mittlerweile folgen. Die sechs anderen Kinder, die dem Unterricht kaum folgen können, sind in Österreich geboren, alle aus türkischen Familien, und sie sind alle ein Jahr in den Kindergarten und ein Jahr in die Vorschule gegangen.

ORF.at: Wie kommt es, dass diese Kinder kaum Deutsch verstehen?

Bis zum verpflichtenden Kindergartenjahr kommen sie mit Deutsch kaum in Kontakt, und den Kindergarten besuchen viele dann sehr unregelmäßig oder nur für zwei oder drei Stunden am Tag. Ein paar Stunden Schule am Vormittag reichen nicht aus, um eine Sprache zu lernen, wenn sie den Rest des Tages und am Wochenende kein Deutsch sprechen und hören.

ORF.at: Was bedeutet es für den Unterricht, wenn ein Drittel der Kinder die Unterrichtssprache kaum versteht?

Für mich bedeutet es, dass ich differenzieren muss. Wenn wir schreiben sollen dann zum Beispiel die einen ein Minimum von fünf, sechs Wörtern in einem Satz haben, und die anderen sollen zumindest einen Satz zusammenbringen.

Für die guten Schüler bedeutet es, dass sie warten müssen, weil sie mit den Arbeiten schon fertig sind, während etwas immer wieder erklärt werden muss, weil einige die Arbeitsaufträge nicht verstehen, nicht selbstständig lesen können und das Gelesene nicht verstehen. Für den Rest der Klasse ist das ein enormer Zeitaufwand und ein Zeitverlust.

ORF.at: Sie müssen also stark auf die unterschiedlichen Geschwindigkeiten eingehen. Wie viel Unterstützung haben Sie dabei?

Ich habe offiziell fünf Stunden in der Woche eine Begleitlehrerin. Wenn sie krank ist, kommt kein Ersatz. Die Förderstunde für die Kinder, die ihr zugeteilt sind, fällt dann auch aus. Uns wird gesagt, es gibt niemanden, der vertreten kann, wir haben zu wenige Leute. Es kommt einfach niemand.

ORF.at: Abgesehen von Deutschkenntnissen – wie geht es den Kindern Ihrer Klasse, die flüchten mussten, psychisch?

Ich habe ein Flüchtlingskind, das stark traumatisiert ist. Das wurde jetzt eineinhalb Jahre nicht behandelt. Da bin ich schon Sturm gelaufen und habe immer wieder gemeldet, dass es eine Behandlung braucht. Und dass ich Hilfe brauche.

Erst vor ein paar Wochen haben wir einen Sozialarbeiter bekommen, weil wir jetzt endlich als „Brennpunktschule“ eingestuft worden sind. Der kommt aber nur für zwei Stunden in der Woche und ist in dieser Zeit für die ganze Schule zuständig. Er schaut sich das Kind jetzt aber einmal in der Woche an und spricht mit ihm und hat versprochen, dass da irgendwas passiert.

ORF.at: Was würde Ihre Klasse brauchen, damit die Situation sich verbessert?

Wir brauchen auf jeden Fall mehr Unterstützung: Wenn die Begleitlehrerin krank ist, dass einfach ein Ersatz da ist. Und es würde auch sehr helfen, wenn die Kinder mit einem Grundwortschatz in die Schule eintreten. Dass man nicht einfach alle in eine Klasse steckt, egal, in welchem Stadium sie stecken.

Es kommen ja dann auch oft unter dem Jahr Kinder dazu. Eine Kollegin hat jetzt in der ersten Klasse das vierte Kind dazubekommen, das kein Wort Deutsch spricht. Das muss man dann auch in die Klasse eingliedern. Und das ist halt schon ein Wahnsinn. Da gibt es einfach viel zu wenig Unterstützung. Die Kinder, die gar nicht Deutsch sprechen, bekommen einen eigenen Förderkurs. Aber wenn diese Lehrerin krank ist, kommt auch kein Ersatz.

ORF.at: Haben nicht alle Kinder, die als außerordentliche Schüler gelten, Anspruch auf einen Deutschförderkurs?

Ich habe mehrere außerordentliche Kinder, und nur die, die gar kein Deutsch verstehen, dürfen in den Förderkurs, weil wir so viele Kinder haben, die kaum Deutsch sprechen. Ich habe zwei Kinder, die voriges Jahr in diesem Kurs waren. Die verstehen schon ein bisschen Deutsch und bekommen heuer keine Förderung mehr. Die zwei werden nicht gefördert, obwohl sie als außerordentlich eingestuft sind.

Eine Lehrerin ist dann zusätzlich für Deutschförderkurse gekommen, weil ja das Budget aufgestockt worden ist. Sie ist dann aber wieder abgezogen worden, um für einen Krankenstand zu supplieren. Dadurch fällt der Deutschförderkurs wieder weg.

ORF.at: Was würden Sie in der Volksschule konkret ändern?

Wenn Kinder kein Deutsch verstehen, würde ich sie auf keinen Fall in die Klasse integrieren. Wenn es nur ein oder zwei Kinder sind, dann natürlich schon. Dann kann ich integrieren. Aber wenn 18 von 25 nicht gut Deutsch sprechen, dann kann ich niemanden integrieren. Ich würde Schwerpunktklassen, ähnlich den Vorschulklassen, machen, damit die Kinder zuerst einen Grundwortschatz aufbauen. Wenn sie bei Schuleintritt in eine Klasse kommen, in der viele nicht Deutsch können, dann würde ich viel mehr Kurse machen und die Kinder gar nicht direkt in die Klasse setzen, sondern die Deutschkenntnisse einmal ein Jahr lang aufbauen.

Ich würde außerdem die Eltern viel mehr in die Pflicht nehmen, zum Beispiel bei Kindern, die oft fehlen. Viele Kinder fehlen oft und ohne Begründung. Die Kinder erzählen dann, „die Mama ist nicht aufgestanden“ oder „die Mama war müde“ oder „die Mama wollte nicht“. Ich würde ab – Hausnummer – 140 Fehlstunden die Familienbeihilfe für einen Monat streichen.

ORF.at: Diese sogenannten Ausländerklassen, die sie eben beschrieben haben, werden ja ebenso wie Sanktionen, etwa das Kürzen der Familienbeihilfe, von vielen Bildungsexperten und auch Politikern eher abgelehnt.

Warum geben dann die Professoren und die Politiker ihre Kinder nicht in „Brennpunktschulen“, wenn es so toll funktioniert? Wo sind diese Kinder?

ORF.at: Fehlt es an Realitätsbewusstsein?

Ja. Ich glaube, man bewegt sich in seinem eigenen sozialen Umfeld und kann sich gar nicht vorstellen, was in manchen Familien abgeht. Bei mir in der Klasse gibt es sehr viele Kinder, die kein einziges Buch zu Hause haben. Deren Eltern nicht lesen. Das ist keine Ausnahme, das ist die Realität.

ORF.at: Fällt Ihnen auf, ob Kinder zu Hause oder in der Nachmittagsbetreuung unterstützt und gefördert werden?

Bei uns gehen die Kinder in die Lernhilfe. Das Angebot ist für sozial schwache Familien gedacht und ist auch sehr günstig. Da haben die Kinder bei den Hausübungen kein Problem. Aber wenn Lernzielkontrollen sind oder wir über ein Thema sprechen, das eigentlich Hausübung war, merke ich schon, dass die Kinder überhaupt kein Verständnis oder Wissen über diese Thematik haben. Dass zwar die Hausübungen in Ordnung sind, aber das Wissen nicht vorhanden ist.

ORF.at: Wie funktioniert die Kooperation mit den Eltern?

Es finden oft Elterngespräche statt, ich lade die Eltern auch ein. Face to face wird die Problematik dann erkannt, aber mehr schon nicht. Es wird nichts gemacht, um Problemen entgegenzuwirken.

ORF.at: Welche Verantwortung haben Eltern Ihrer Meinung nach?

Lernen sollte in der Schule stattfinden. Ein bisschen üben, ein bisschen nachfragen, das sollten die Eltern machen. Der Aufwand dafür ist nicht so groß. Ich sehe die Verantwortung der Eltern mehr darin, dass sie den Kindern gewisse Fertigkeiten beibringen – und zwar nicht erst im Schulalter, sondern schon im Kindergartenalter oder im Kleinkindalter.

Ich sehe viele Kinder, die nicht mit einer Schere schneiden können, die nicht kleben können, diese Sachen. Vielleicht sind die Kinder wenig draußen, unternehmen wenig. Das ist zumindest das, was die Kinder erzählen. Wir haben zum Beispiel über die Schnecke gelernt, und ich habe Kinder in der Klasse, die haben noch nie eine Schnecke gesehen.

ORF.at: Glauben Sie, dass auch die guten, unauffälligen Schülerinnen und Schüler in einer Klasse wie Ihrer zu kurz kommen?

Ja, das glaube ich ganz sicher. Die guten Schüler und die, die zu Hause unterstützt werden, bleiben auf der Strecke.

ORF.at: Was raten Sie deren Eltern?

In einer Klasse, wie ich sie habe, weiß ich, dass die Kinder das Wissen, das sie mitbringen, nicht wirklich ausbauen können. Ein bisschen schon, sie haben schon einen großen Lernzuwachs, weil sie auch sehr interessierte Kinder sind. Aber ich glaube, dass für solche Kinder wesentlich mehr möglich wäre. In Privatschulen ist dieses Angebot gegeben.

ORF.at: Damit meinen Sie besonders begabte Kinder?

Nein, nein, ganz normale Kinder, unter Anführungszeichen. Was wir halt vor dreißig Jahren unter normal verstanden haben: ein Kind, das schneiden kann, das sich die Schuhe zubinden kann, das artikulieren kann, wie es ihm geht. Das auch ein bisschen einen Bezug zur Umwelt hat.

ORF.at: Alles Dinge, die nichts mit Deutschkenntnissen zu tun haben.

Nein, es hängt mit der Bildungsnähe der Eltern zusammen.

ORF.at: Welche Lösung könnte es dafür geben? Mehr Durchmischung? Auch in öffentlichen Volksschulen sammeln sich ja oft Kinder aus sogenannten bildungsnahen Familien, zum Beispiel in den Mehrstufenklassen.

Bei den Mehrstufenklassen sind die Direktionen meistens froh, dass sie engagierte Eltern haben. Diese Eltern machen aber auch Druck. Sie sagen, entweder mein Kind kommt in die Mehrstufenklasse oder ich gebe es gar nicht in diese Schule. Und dann gibt man sie lieber in die Mehrstufenklasse, als dass man sie verliert.

Ich glaube, dass hier auch Stärke der Schulleitung wichtig ist, denn eine Schulleitung kann schon sagen: So ist die Situation – wir brauchen Zugpferde in allen unseren Klassen, dann schaffen wir das gemeinsam. Ich glaube, wenn man gut argumentiert, stößt man auch auf Verständnis. Es ist schon eine Elitenbildung in den Mehrstufenklassen.

Dabei wäre das Konzept der Mehrstufenklasse ja gerade ideal für Kinder mit schlechteren Deutschkenntnissen, weil man hoppen kann: Wenn ich in Mathematik gut bin, kann ich mit den Drittklasslern mitmachen, wenn ich in Deutsch ein bisschen schwächer bin, kann ich noch in der ersten Klasse mitmachen.

ORF.at: Welche Zukunft haben die Kinder aus Ihrer Klasse, die keine Unterstützung von zu Hause bekommen und in der Schule nicht ausreichend gefördert werden können?

Ich sehe für sie eine sehr schlechte Zukunft, weil diese Kinder extrem passiv sind. Sie haben keinen eigenen Antrieb. Auch beim Spielen haben sie extreme Schwierigkeiten. Man merkt, dass viele noch nie ein Gesellschaftsspiel gespielt haben. Ich fürchte, dass sich da auch in der NMS nichts ändern wird.

ORF.at: Wo sehen Sie diese Kinder in zehn Jahren?

Zu Hause. Wo ihre Eltern auch sind.