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Kompromiss mit EU aufgekündigt

Vor rund einem Monat hat die EU-Kommission der rechtsnationalen Regierung in Polen mit einem Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof gedroht, doch Warschau hat die Mahnungen ignoriert und macht nun Ernst mit dem Schlägern von ganzen Flächen im Bialowieza-Nationalpark, dem letzten größeren Urwald Europas.

In den vergangenen Tagen haben Forstarbeiter mit dem Fällen von Bäumen in dem Naturschutzgebiet und Weltnaturerbe an der Grenze zu Weißrussland begonnen. In Bialowieza finden sich viele Bäume, die älter als 100 Jahre alt sind. Die Regierung erklärt, die Schlägerung sei nötig, um den Befall durch den Borkenkäfer zu stoppen. Laut EU widerspricht das aber den Bestimmungen für Natura-2000-Nationalparks wie Bialowieza.

Greenpeace-Aktivisten im Wald

Greenpeace/Jakub Smolen

Mit Plakaten, Demos und Aktivismus kämpfen Naturschützer gegen Bagger, Forstarbeiter und Kettensäge

„Wald wird selbst damit fertig“

Nicht nur Umweltschützer, auch Experten widersprechen dem Argument der polnischen Regierung. Der im weißrussischen Teil tätige Mitarbeiter der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft, Michael Brombacher, betonte bereits im Frühjahr, der Borkenkäferbefall sei im Naturwald kein echtes Problem. „Der Wald wird damit selbst fertig, er regeneriert sich von alleine." Kritiker vermuten daher teils auch wirtschaftliche Interessen hinter der umstrittenen Entscheidung. Umweltaktivisten von Greenpeace versuchen nun, die Schlägerung zu verhindern - und banden sich in den vergangenen Tagen teils an die schweren Geräte, die in das Waldgebiet gebracht wurden.

Greenpeace-Aktivisten im Wald

Greenpeace/Grzegorz Broniatowski

Greenpeace-Aktivisten versuchen seit Tagen immer wieder, die Forstarbeiten zu stören und auf die Schlägerei aufmerksam zu machen

EU warnt vor „irreparabler Schädigung“

Die Kommission kritisiert eine im März beschlossene Verdreifachung des Holzschlags in dem geschützten Gebiet, das als letzter Urwald Europas bekannt ist. Da die Abholzung bereits begonnen habe, bei der „unter anderem hundertjährige und noch ältere Bäume gefällt“ werden, drohe eine „gravierende irreparable Schädigung“, betonte damals die EU-Behörde. Der polnische Umweltminister Jan Szyszko zeigte sich dagegen unbeeindruckt und sagte, sein Land habe „keine Angst, den Streit vor dem Europäischen Gerichtshof auszutragen“.

Eindruck aus dem Urwald in Bialowieza

Greenpeace/Adam Lawnik

Bereits im Mittelalter war der Wald ein Jagdrevier für die polnischen Könige, später für die russischen Zaren. Außer von den deutschen Besatzern im Zweiten Weltkrieg, die massiv schlägerten, wurden in Bialowieza kaum Bäume gefällt.

Polen liefert sich derzeit an mehreren Fronten mit der EU ein politisches Tauziehen. Vor allem Reformen im Justizbereich der Regierungspartei PiS haben aus Sicht der EU-Wächter das polnische Verfassungsgericht als Kontrollorgan eingeschränkt und den Rechtsstaat in Gefahr gebracht. Die Kommission leitete daher - erstmals in der EU-Geschichte - ein Rechtsstaatsverfahren ein, das die Einhaltung grundlegender demokratischer Vorgaben prüft und im Extremfall auch Sanktionen vorsieht.

150.000 Hektar fast unberührte Natur

Der Wald von Bialowieza erstreckt sich über 150.000 Hektar entlang der Grenze zwischen Polen und Weißrussland. Ein Teil der Wälder ist Schutzgebiet und zählt zum Weltnaturerbe und Biosphärenreservat der UNO-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO). Menschliche Eingriffe sind dort nur sehr eingeschränkt erlaubt, Besucher dürfen sich nur auf bestimmten Routen bewegen.

Bisons im Urwald in Bialowieza

APA/AFP/Janek Skarzynski

Auch Wisente sind in den Bialowieza-Wäldern noch zu finden

Einzigartige Flora und Fauna

Die Artenvielfalt von Flora wie Fauna ist in dem polnisch-weißrussischen Waldgebiet einzigartig und erinnert laut der Website des deutschen Wissenschaftsmagazins Spektrum „beinahe an den tropischen Regenwald“. Auf einen einzigen Baumriesen würden mehr als 200 weitere Pflanzenarten kommen. Etwa 3.500 Pilzarten hätten Wissenschaftler in dem Urwald gezählt.

Eindruck aus dem Urwald in Bialowieza

Greenpeace/Adam Wajrak

In Bialowieza können Bäume noch auf natürliche Weise sterben und zahlreichen Tieren als Behausung und Futter dienen

Viele von ihnen seien auf Totholz spezialisiert. Insgesamt ist der Wald Heimat für mehr als 20.000 Tierarten – wegen des Wisents ist der Wald schon seit Langem geschützt. Neben Wildschweinen und Elchen leben auch Bären, Wölfe und Luchse in dem weitläufigen Gebiet. Dazu kommen 150 Vogelarten, darunter alle acht in Mitteleuropa heimischen Spechtarten.

Entwässerung als Problem

Der letzte in dieser Größe erhaltene Urwald in Europa ist aber auch von anderer Seite in Gefahr. Im Osten, auf der weißrussischen Seite, wurde bereits in den 1970er Jahren damit begonnen, die an den Wald angrenzenden Niedermoore trockenzulegen. Dazu wurden laut „Spektrum“ schnurgerade Entwässerungsgräben gezogen. Die Flächen dienen heute als Kuhweiden - die Milch wird nach Russland geliefert. Die Nachfrage ist aufgrund der EU-Sanktionen entsprechend hoch. Dabei würden Experten bereits beobachten, dass wegen der Austrocknung etwa statt Eichen vor allem Hainbuchen wachsen - und sich in der Folge auch die Fauna verändere.

Füchse im Urwald in Bialowieza

Greenpeace/Adam Wajrak

Für Tiere ist das riesige, naturbelassene Waldgebiet ein Paradies

In Weißrussland versucht man nun bereits, mittels Verschluss der langen Kanäle die Entwässerung zu verhindern und eine langsame Rückkehr der Niedermoore zu erreichen und die weitere Absenkung des Grundwasserspiegels zu stoppen.

Mühsamen Kompromiss aufgekündigt

Auf der polnischen Seite sind laut „Spektrum“ von 630 Quadratkilometern nur 105 streng geschützt. Der Rest sei bisher aber sehr zurückhaltend genutzt worden. Im Jahr 2012 wurde - von der EU vermittelt - ein Plan für die langfristige nachhaltige Nutzung der Wälder fixiert. Bei dem mühsam ausverhandelten Kompromiss wurde vereinbart, dass bis 2023 maximal 63.400 Festmeter Holz geschlägert werden dürfen.

Karte zeigt den Bialowieza-Nationalpark in Polen

Map Resources/ORF.at

Die Zustimmung dazu war auch Voraussetzung für den Erhalt des UNESCO-Weltnaturerbestatus. Die 2016 in die Regierung gewählte PiS schlug sich aber im Ringen zwischen Naturschützern und Waldnutzern auf die Seite Letzterer und verdreifachte die Quote. Auch deshalb, weil die Quote bereits im Vorjahr fast aufgebraucht war. Vor allem erlaubt die neue Regelung auch, nicht nur einzelne Bäume zu fällen, sondern ganze Flächen zu schlägern. Zudem darf nun auch der Waldboden gepflügt und können darauf Jungbäume aus der Baumschule gepflanzt werden.

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