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Popstar mit vielen Stimmen

Songs wie „Good Vibrations“ und „California Girls“ sind zentrale Elemente des Popkanons - das Album „Pet Sounds“ gilt bis heute als unübertroffenes Meisterwerk, dessen Schöpfer Brian Wilson von Beginn an unter Genieverdacht gestanden hat, doch aufgrund seiner Krankheit bald in der Nähe des Wahnsinns angesiedelt wurde. In der Autobiografie „Ich bin Brian Wilson“ schildert Wilson seine Berg- und Talfahrten.

Wilson hört Stimmen in seinem Kopf. Die von Chuck Berry, aber auch Phil Spector spricht regelmäßig zu ihm, und leider auch sein Vater Murry, was zumeist mit sehr schlechten Gefühlen verbunden ist. Und da sind auch noch andere Stimmen, die er keinen bestimmten Menschen zuordnen kann, die aber seit Jahrzehnten zu ihm sprechen, was eine unheimliche Vertrautheit erzeugt. Wilson hat Angst, dass ihn diese Stimmen, die ihn niedermachen, sogar töten könnten. „Angst“ lautet auch der Titel des ersten Kapitels der Autobiografie.

Die Drogen helfen nicht

Sein Gehirn spielt Wilson seit Jahrzehnten Streiche, was das ursächliche Problem für eine Unzahl an weiteren Problemen in seinem Leben bedeutet. Die Drogen, mit denen er früh in Kontakt gekommen ist, haben sich als schlechter Therapieansatz erwiesen, was bizarre Folgen auf anderer Ebene hatte.

Beach Boys 1966

AP

Die Beach Boys 1966. V. l. n. r.: Mike Love, Brian Wilson und Carl Wilson. Unten: Al Jardine und Dennis Wilson.

Der Kreativkopf der Beach Boys landete in den 1970ern und 1980ern in den Fängen eines dubiosen Mediziners, der Wilsons Depressionen und Übergewicht mittels 24-Stunden-Therapie und militanter Abschottung von seinem Umfeld behandelt hat, was auch finanziellen Wahnsinn bedeutete, der über Jahre andauerte.

Dank seiner Frau Melinda, die in den 1980er Jahren maßgeblich dafür verantwortlich war, dass der Mediziner seinen Einfluss verlor, ist eine gewisse Stabilität eingetreten, ein Umstand, der sich jederzeit wieder ändern kann. Wilsons Leben bedeutet eine Berg- und Talfahrt, die er nun, pünktlich zu seinem 75. Geburtstag, den er am Dienstag begeht, in einer bemerkenswerten Autobiografie schildert.

Buchhinweis

Brian Wilson: Ich bin Brian Wilson. Eichborn, 586 Seiten, 28,80 Euro.

Geschichte einer Krankheit

„Meine Geschichte handelt von Musik, Familie und Liebe, aber auch von psychischer Krankheit“, erklärt Wilson in der Einleitung das Bestimmende in seinem Leben. Die Autobiografie, die in Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Autor und Journalisten Ben Greenman („New Yorker“) entstanden ist, will Lesern vermitteln, was es tatsächlich bedeutet, in der Haut Wilsons zu stecken - was es mitunter bedeutet, mit einer psychischen Krankheit durchs Leben zu gehen und zum Spielball anderer Menschen zu werden. Das Buch handelt auch von Ohnmacht, insbesondere hinsichtlich der Rolle des Vaters, der gewalttätig war. Bei den Wilsons hat die Faust regiert.


Beach Boys mit ihrem Stern am Walk of Fame

AP/Lennox McLendon

Die Beach Boys feierten 1980 ihren Stern auf dem Walk of Fame in Los Angeles. V. l. n. r.: Love, Carl Wilson, Brian Wilson, Jardine und Bruce Johnston.

Mädchen, Strand und Autos

Und natürlich geht es auch um die Geschichte einer der bedeutendsten Bands aller Zeiten - die Geschichte der Beach Boys, die in den 1960er Jahren insbesondere mit den Beatles um die erhabensten Popsounds wetteiferten, und die mit ihrer Musik einem Lebensgefühl zu globalem Durchbruch verholfen haben, das heute noch in leichter Abwandlung als Nonplusultra von Freiheit verstanden wird. Strand, Mädchen, Surfen und Autos, deren Radios lange genug auf einen wirklich passenden Sound gewartet hatten.

Doch noch mehr als um das Bandgefüge an sich, das mit seinen Brüdern Carl und Dennis sowie Wilsons Cousin Mike Love zunächst fast ein reiner Familienverband war, dreht sich „Ich bin Brian Wilson“ um das Erschaffen der Songs und Sounds, um das Tüfteln und Produzieren und um den Weg, sich das nötige Rüstzeug für kreative Großtaten wie „Pet Sounds“ anzueignen – alles unter den Vorzeichen der Krankheit und den sich mehrenden Stimmen in Wilsons Kopf.

Die Welt durch Kinderaugen

Wilson erzählt von seinen Einflüssen, wichtigen Versatzstücken und was es für ihn bedeutet hat, die Produktionen von Spector erstmals zu hören, der in den 1950er Jahren den Popsound revolutionierte, indem er ihm eine bombastische Note in Form der berühmten „Wall of Sound“ verliehen hat. Es hat ihn dermaßen geprägt, dass Spectors Stimme heute noch in seinem Kopf sitzt.

Wilsons Tonfall ist sympathisch bescheiden. Die Sätze sind kurz, wie Zeilen von Popsongs und immer wieder blitzt Demut durch. Manches mag naiv klingen, doch Wilson betrachtet die Welt auch durch die Augen eines Kindes und macht so sich und seine Krankheit fassbarer. Vermeintlich Banales ist Wilson mitunter sehr wichtig - etwa das „Glücksrad“ und „Jeopardy!“ im TV. Struktur ist alles.

Beach Boys mit dem Music Award 1988

AP/Reed Saxon

Die Beach Boys 1988 bei den American Music Awards in Los Angeles. V. l. n. r.: Johnson, Brian Wilson, Love, Carl Wilson und Jardine.

Aber „Ich bin Brian Wilson“ ist auch ein Buch über die glänzende Pionierzeit und die frühen zentralen Protagonisten des Pop- und Rock-and-Roll-Geschäfts, als Klischees erst erfunden und entsprechend ausgelebt wurden. Wobei das Namedropping und die vielen Verweise auf Songs Menschen ohne Fanzugang für die Musik jener Zeit mitunter überfordern könnten.

Eine Frage der Perspektive

Und die Autobiografie, die Wilson seiner Frau widmet, erzählt sehr ausführlich die Liebesgeschichte zwischen ihm und Melinda, genauso wie sie das Wilson-Biopic „Love and mercy“ darstellt, das vor zwei Jahren im Kino zu sehen war - Wilson und seine Frau waren damals in die Entwicklung des Filmplots involviert. Das Buch fügt sich entsprechend nahtlos an das großartige Biopic an.

Und besonders rührend gibt sich die Autobiografie immer dann, wenn Wilson in aller Bescheidenheit über große Momente erzählt. Etwa wie es sich anfühlt, wenn Paul McCartney einem gesteht, dass es sich bei „God Only Knows“ ohne Zweifel um den größten Popsong aller Zeiten handelt. Oder wenn Wilson beschreibt, welche Bedeutung das Zwischenmenschliche für ihn hat und wie sehr er in seiner Situation darauf angewiesen ist - dann entsteht mitunter das erfrischende Gefühl, dass nicht er, sondern die Welt verrückt ist.

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