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Ziehvater mit eiserner Maske

Mit „Spider-Man: Homecoming“ ist Peter Parker (Tom Holland) endgültig in das Kinouniversum von Marvel zurückgekehrt - dieses Mal nicht als Aspirant in der Redaktion des „Daily Bugle“, sondern bei den Avengers. Als Iron Man Tony Starks (Robert Downey Jr.) Praktikant geht er in New York auf Verbrecherjagd. Spider-Mans Weg zum Superhelden erweist sich als steinig - und äußerst amüsant.

Im Vorjahr war Spider-Man dabei, als die verfeindeten Avengers-Fraktionen in „The First Avengers: Civil War“ auf dem Leipziger Flughafen aufeinandertrafen. Nun fühlt sich Parker, mittlerweile 15, zu Höherem berufen. Doch bevor es gegen Gegner geht, die die Welt vernichten wollen, ist erst einmal üben, üben, üben angesagt. Konkret heißt das für Parker, mit einem von Stark entwickelten Spezialanzug in New York des Nächtens Kleinkriminellen das Handwerk zu legen.

Anders als etwa Captain America (Chris Evans) ist Parker aber nur ein Nebenerwerbssuperheld. Tagsüber drückt er die Schulbank, wo er sich, hochbegabt und bisweilen unterfordert, in Tagträumen verliert. Highschool-Alltag und Superheldendasein lassen sich nur schwer unter einen Hut bringen. Aus genau dieser Unvereinbarkeit schöpft der Film seine Kraft. Regisseur Jon Watts legt seinen Film zwischen Coming-of-Age-Komödie und Actionstreifen an. Und so fällt es nicht einmal so stark auf, dass die Marvel Studios das bereits zweite Spider-Man-Reboot seit den frühen 2000er Jahren vorlegen.

Zweites Reboot in 15 Jahren

Im Jahr 2002 startete Sam Raimi seine „Spider-Man“-Trilogie, in der Hauptrolle war Toby Maguire zu sehen. Zehn Jahre später ließ Marc Webb die Serie mit zwei Kinofilmen wiederaufleben, dieses Mal mit Andrew Garfield als Superhelden. Im Vorjahr dann schlüpfte der britische Schauspieler Holland erstmals ins rot-blaue Kostüm.

Szene aus dem Film "Spider-Man: Homecoming"

2017 Sony Pictures Releasing GmbH

Der Erzieher (Jon Favreau alias Happy Hogan), der Mentor (Tony Stark) und der angehende Avenger (v. l. n. r.)

Der nun in den österreichischen Kinos anlaufende Film „Spider-Man: Homecoming“ entstand in Kooperation zwischen Sony Pictures - das die Filmrechte auf den Charakter besitzt - und Marvel, dessen legendäre Mitarbeiter Stan Lee und Steve Ditko die Figur in den 1960er Jahren erdachten. Parker kehrt also im wahrsten Wortsinn in seine Heimat zurück. Die Fans danken es ihm: An seinem Eröffnungswochenende spielte der Film allein in Nordamerika umgerechnet 102 Mio. Euro ein. Nicht schlecht angesichts der Tatsache, dass die Geschichte in den letzten 15 Jahren so oft auf der Leinwand zu sehen war.

Doppelleben bringt Mehrfachbelastung

Obwohl der Film dicht mit dem Rest des filmischen Marvel-Universums verwoben ist, schafft es Regisseur Watts, den Plot einigermaßen abgespeckt und verständlich zu halten. Der eigenbrötlerische Einserschüler Parker lebt bei seiner Tante May (großartig: Marisa Tomei). Sie sorgt sich ob der Doppelbelastung Schule und Praktikum bei Starks Firma um Peters Gesundheit. Parker selbst ringt mit seinen Gefühlen für die ältere Schulkollegin Liz (Laura Harrier). Dass Peters bester Freund, der nerdig-nervige Ned (Jacob Batalon) hinter dessen Doppelleben kommt, macht die Sache für den Nachwuchshelden auch nicht besser.

Szene aus dem Film "Spider-Man: Homecoming"

2017 Sony Pictures Releasing GmbH

Zeit zum Nachdenken: Spider-Man, eingesperrt in einem Hochsicherheitslagerhaus

Bei einem seiner nächtlichen Streifzüge kommt Spider-Man Adrian Toomes (Michael Keaton) alias The Vulture auf die Spur. Der ist eigentlich Unternehmer in der Entsorgungsbranche. Als er einen Großauftrag - die Bergung jener außerirdischen Waffen, die beim Kampf der Avengers gegen den nordischen Gott Loki über New York verstreut wurden - an Tony Stark verliert, beschließt er, die bereits eingesammelten Bruchstücke zu Hightech-Waffen zusammenzuschrauben. Da Parkers Ziehvater mit der eisernen Maske untätig bleibt, wird Spider-Man selbst aktiv - und das, obwohl er noch nicht einmal alle Funktionen seines Anzugs unter Kontrolle hat.

Bodenständiger Bösewicht

Dass Marvels neues Werk (neben „Wonder Woman“) der bisher gelungenste Blockbuster dieses Sommers ist, liegt nicht zuletzt am Ensemble. Hollands Spider-Man tastet sich, gleichermaßen naiv und selbstbewusst, an die Rolle des Helden heran. Tomei verleiht Parkers Tante eine unbekümmerte Leichtigkeit. Über allem steht aber Keatons Performance, die The Vulture für US-Medien zum besten Marvel-Bösewicht seit Jahren macht.

Szene aus dem Film "Spider-Man: Homecoming"

2017 Sony Pictures Releasing GmbH

The Vulture - bodenständiger Schurke gegen „die da oben“

The Vulture ist kein Loki, kein verrückter Gott, der sprichwörtlich das Tor zu Hölle öffnen will, und auch keine fiese künstliche Intelligenz wie Ultron, der die Avengers und bei dieser Gelegenheit gleich die ganze Weltbevölkerung auslöschen will. Toomes ist ein fleißiger, bodenständiger Familienmensch. Er rechtfertigt seine Gier damit, Verantwortung für seine Mitarbeiter tragen zu müssen, ist selbst zu Reichtum gekommen und hegt dennoch eine tiefe Abneigung gegen „die da oben“. Beides, und die diffuse Angst vor dem gesellschaftlichen Abstieg, lässt ihn immer stärker auf die schiefe Bahn geraten - und macht ihn nicht nur zum Anti-Stark, sondern auch zum perfekten Bösewicht der Donald-Trump-Ära.

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