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Vergessener Wegbereiter des Journalismus

Max Winter war ein Weltverbesserer: Egal, ob er geschrieben oder Politik betrieben hat, die Sympathie des Wiener Sozialisten hat stets den Rechtlosen und Armen gegolten. Vor 80 Jahren starb der Mann, der heute zu den Wegbereitern des modernen Journalismus zählt, selbst verarmt und vertrieben im amerikanischen Exil.

Das wichtigste Wort in den Reportagen von Winter lautet „wir“. Wenn sich der Wiener Journalist undercover unter Obdachlose, Trinker, Strafgefangene und ausgebeutete Lohnarbeiter mischte, wollte er einer von ihnen sein, sehen, riechen, fühlen, was sie fühlten - und notfalls mit ihnen schuften und frieren. Die Reportagen, die Winter anschließend für die sozialistische „Arbeiter Zeitung“ verfasste, ließen ihre Schilderung erbarmungswürdiger Zustände stets in Forderungen nach Reformen münden. Und in Rufzeichen: „Bauet Obdachlosenasyle! Schaffet Kinderspielplätze!“, lauten Winters empathische Exklamationen.

Als Autor war Winter weniger ein um Objektivität bemühter Journalist als ein Propagandist im Dienst der linken Sache. Doch im Gegensatz zu vielen Salonlinken seiner Zeit machte sich Winter die Mühe, wirklich an Ort und Stelle zu gehen und nachzusehen, ob und wie sich die Thesen von Karl Marx im Wiener Alltag umsetzen lassen könnten.

1.500 Alltagsreportagen

Rund 1.500 Reportagen verfasste Winter über die Jahre. Oft legte er dazu seine „Elendsmaskerade“ an, wie er seine Rechercheverkleidung selbstironisch nannte: „Ich mochte ganz stilgerecht aussehen“, schrieb er etwa über die Lumpen, in denen er im Winter 1898 eine Nacht in einem Obdachlosenquartier zubrachte - und vergaß dabei nicht zu erwähnen, dass er sich gleich am nächsten Morgen wieder in den „warmen Winterrock“ hüllen konnte, während seine Schlafgenossen notdürftig bedeckt in den eiskalten Tag entlassen wurden. Es macht Winter sympathisch, dass er die eigenen Privilegien in seinen Texten reflektiert.

Lithografie zeigt Max Winter an seinem 60. Geburtstag

Österreichische Nationalbibliothek/Projekt ANNO

Max Winter

Geboren am 9. Jänner 1870 in Tarnok, Österreich-Ungarn, gestorben am 11. Juli 1937 in Hollywood. Winter war ein österreichischer Journalist, Schriftsteller und linker Reformpolitiker. Er gilt als der Schöpfer der Sozialreportage im deutschsprachigen Raum.

Winter selbst war ein Sohn aus bürgerlichem Hause, der Vater stand als höherer Beamter im Sold der Bahn, die Mutter arbeitete als Modistin. Winter war Wohlstand gewohnt und scheute sich nicht, zuzugeben, dass er in der Notunterkunft keinen Schlaf fand, während die vom Alkohol betäubten Bettnachbarn zu schnarchen begannen: „Der Polster war schmierig. Ich wollte den Ueberzug wenden“, schrieb er, aber „auf der anderen Seite war er speckig. Ich begnügte mich also mit der schmierigen Seite.“

Vom Gerichtsreporter zum Undercover-Journalisten

Winter hatte seine journalistische Karriere im Alter von 23 Jahren beim „Neuen Wiener Journal“ begonnen. 1895 holte ihn Victor Adler von dort zur „Arbeiter Zeitung“, dem Zentralorgan der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP). Dort verfasste er zunächst Gerichtsreportagen, später dann seine oft mehrseitigen, im hinteren Teil des Blatts veröffentlichten Sozialreportagen, die ihn bekannt machten.

1905 erschienen sie in Buchform. Der Band „Im unterirdischen Wien“ enthielt unter anderen Winters berühmt gewordene Reportage über die Wiener Kanalstrotter, jene armen „Fettfischer“, die Fett- und Knochenreste aus den Kloaken klaubten, um sie an Seifensieder zu verkaufen. „Wenn jemand auf einen Gulden kommen will, muss er sechzig, siebzig Kilo hochschleppen. Da gehört Humor dazu“, beschreibt Winter, selbst nicht ohne Humor, Wiens übelriechendsten Arbeitsplatz.

Gemeinderat, Feminist, Kinderfreund

In den Kriegsjahren 1914 - 1918 leitete Winter die Abendausgabe der „Arbeiter Zeitung“ als Chefredakteur. Durch diese „organisatorische“ Arbeit geriet sein eigenes Schreiben ins Hintertreffen - Reportagen gibt es aus dieser Zeit kaum. Stattdessen wandte sich Winter direkt der Politik zu, saß bis Kriegsende als Abgeordneter für die SDAP im Reichsrat und wurde nach dem Zerfall der Monarchie Mitglied der Nationalversammlung. Nach dem Krieg sorgte er als Wiener Gemeinderat selbst für Schlagzeilen, indem er sich vor allem für die Rechte von Kindern starkmachte. 1917 gründete Winter den Reichsverein Kinderfreunde, dem er bis 1930 als Obmann vorstand.

Zeitung aus dem Jahr 1926

Österreichische Nationalbibliothek/Projekt ANNO

Cover der Arbeiterinnenzeitschrift „Die Unzufriedene“ (1923 - 1934)

Indirekt mischte Winter allerdings weiter in der österreichischen Medienlandschaft mit. 1923 gründete der Mann, der sich schon immer für Frauenrechte starkgemacht hatte, mit anderen eine progressive Zeitung für werktätige Frauen: Unter dem von Winter vorgeschlagenen Titel „Die Unzufriedene“ erschien sie um 1930 in der sensationell hohen Auflage von 160.000 Exemplaren. Im österreichischen Ständestaat musste das Arbeiterinnenblatt ab 1934 allerdings sein aufmüpfiges Auftreten mäßigen, wurde umbenannt in „Unabhängige Wochenschrift für alle Frauen“ und später zu einem biederen NS-Zeitgeistblatt namens „Das kleine Frauenblatt“ umgebaut - doch zu diesem Zeitpunkt war der in die USA „zwangsausgewanderte“ Winter sowieso nicht mehr in das Projekt involviert.

Zwangsexil in Hollywood

Denn Winter war kurz nach dem gescheiterten Februar-Aufstand 1934 für eine Vortragsreise in die USA aufgebrochen. Am 4. März hielt er in der New Yorker Carnegie Hall einen Vortrag vor mehreren tausend Zuhörern, in dem er Engelbert Dollfuß „Arbeitermörder“ nannte. Unter den Zuhörern befand sich auch ein Angehöriger des österreichischen Konsulats, der ihn in der Heimat anschwärzte. Die austrofaschistische Regierung machte kurzen Prozess und entzog dem unbequemen Reisenden die Staatsbürgerschaft.

Winter durfte nicht mehr zurück nach Wien - und fand sich in der Fremde erstmals ganz real ohne Geld und Unterkunft. In Hollywood versuchte er sich als Drehbuchautor, doch die Skripten, die er Max Reinhardt und Charlie Chaplin anbot, fanden keinen Anklang. Am 11. Juli 1937 starb Winter einsam und verarmt in einem Krankenhaus in Hollywood.

Archivbild vom Kinderfreibad am Max-Winter-Platz

Österreichische Nationalbibliothek/Albert Hilscher

Der nach Winter benannte Platz mit Kinderbad im Wiener Stuwerviertel, 1957

Polizei verbietet Grabrede

Winters Urne wurde nach Österreich überführt, wo sie am 17. September 1937 auf dem Matzleinsdorfer Evangelischen Friedhof beigesetzt wurde. Obwohl das Begräbnis geheim gehalten werden sollte, berichten Zeitungen von Hunderten, ja manche von mehreren tausend Weggefährten und Bewunderern, die ihm die letzte Ehre erweisen wollten.

Laut einer Meldung der damals schon im Pariser Exil erscheinenden „Arbeiter Zeitung“ soll die Polizei ehemalige Kollegen Winters an ihren Grabreden gehindert und schließlich sogar die Trauergesellschaft mit Gewalt vom Friedhof vertrieben haben.

„Günter Wallraff der k. u. k. Monarchie“

Erst Jahrzehnte nach seinem Tod wurde der Mann, der zu seiner Zeit vor allem als unbequemer Reformpolitiker und Gründer der Wiener Kinderfreunde wahrgenommen wurde, auch als Erfinder der Sozialreportage im deutschsprachigen Raum entdeckt. In den 1980er Jahren begann man, Winters Schriften wieder aufzulegen. Mit vielen Jahrzehnten Verspätung kam der unermüdliche Reformer, nach dem im Wiener Stuwerviertel ein Platz benannt ist, auch als Autor zu Würden und wurde posthum zum „Günter Walraff der k. u. k. Monarchie“ (Deutschlandfunk) erklärt.

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