Themenüberblick

Wo Künstler Landluft schnuppern

Schon vor hundert Jahren hat es Künstler wie Gustav Klimt im Sommer hinaus aus der Stadt an kühle Seen und ins Gebirge gezogen. Heute werden Kreative nach Bad Gastein (Salzburg) und nach Millstatt (Kärnten) eingeladen, um dort die heiße Zeit schöpferisch zu verbringen. Zwischen Rückzug ins Grüne und Tourismustrubel entstehen neue Ideen.

Egal ob als Souvenir, Postkarte oder in Form der mit Blattgold verzierten „Original Klimt Praline“: Am Attersee, wo der Jugendstilkünstler ab 1900 den Sommer genoss und die schöne Landschaft verewigte, dient Klimt längst als Cash Cow. Um mehr Niveau bemüht sich das Gustav Klimt Zentrum: Diesen Sommer stehen in der eindrucksvollen Villa Paulick in Seewalchen (Oberösterreich), wo sich der Maler im Gästebuch verewigte, ein Theaterstück und Führungen auf dem Programm.

Inspiration im Würfel

Markante Bauten am See, die für Geschmack und kulturelles Bewusstsein der Bauherren stehen, gibt es auch heute noch. Das Unternehmerpaar Marion und Erwin Soravia beauftragte 2010 Hans Hollein mit Ateliergebäuden am Millstätter See. Im Rahmen ihres Artist-in-Residence-Programms SoArt laden sie von Mai bis September jeden Monat drei Künstlerinnen und Künstler ein. Holleins Ensemble aus zwei Würfelbauten - einer davon gekippt - und einem Pavillon sind nachts beleuchtet.

Artist-in-Residence-Programms SO ART

Marion Soravia

Holleins Atelierkuben leuchten nachts

„Diese Architektur inspiriert die Künstler“, sagt Kurator Edek Bartz, der seit 2013 bei SoArt für einen Mix aus Alt und Jung, Heimisch und International sorgt. Anfangs habe er noch Zweifel gehabt, ob Holleins Boxen auch praktisch wären. Schließlich haben die in Leichtbauweise errichteten Studios keine Wände zum Bilderaufhängen. Aber die Gäste, die einen Monat lang bleiben, arbeiten oft auf dem Boden oder an Staffeleien.

Artist-in-Residence-Programms SO ART

Marion Soravia

Mit dem Elektroboot zum Künstlerrefugium

Mehr Raum für Ideen

„Für viele sind die hohen Ateliermieten in der Stadt ein riesiges Problem“, sagt Bartz. Etliche Künstler hätten in Millstatt Großformatiges oder Serien produziert, für die in ihren eigenen Studios gar kein Platz wäre. So schuf etwa Anna Jermolaewa einen Zyklus von Aquarellen über gestürzte Lenin-Statuen, der jetzt in der Schau „Look! New Akquisitions“ in der Albertina zu sehen ist. Die US-Künstlerin Sadie Laska hat bereits 40 Leinwände für Gemälde bestellt, die sie im Herbst in Paris zeigt.

Artist-in-Residence-Programms SO ART

Anna Jermolaewa

Künstlerin Jermolaewa mit ihren Aquarellen

Die Häuser von SoArt liegen mitten im Wald. Um Semmeln zu kaufen, müssen die Künstler mit dem Elektroboot ans andere Seeufer fahren. Gastgeberin Marion Soravia erzählt von einem Künstler aus Paris, den so viel Abgeschiedenheit anfangs total überforderte. Beflügelt von der Natur entstand dann aber ein ganz neuer Werkblock. „Die Abgeschiedenheit hat mich zu Beginn schon gestresst“, erzählt auch Andreas Duscha, der im Mai bei SoArt logierte. Bald genoss der Künstler jedoch die „splendid isolation“ des Kärntner Refugiums.

Im Dunst des Wasserfalls

Mitten im Hotelbetrieb finden sich hingegen die sieben Künstlerinnen und Künstler wieder, die jährlich zur sommer.frische.kunst nach Bad Gastein kommen. „Wir bieten jungen Positionen vier Wochen unbeschwertes Arbeiten“, sagt die verantwortliche Kuratorin Andrea von Goetz. Sie können im Hotel wohnen und speisen, als Atelierhaus wurde das ehemalige Kraftwerk am Gasteiner Wasserfall adaptiert. Insgesamt 50.000 Euro gibt der Tourismusverband jährlich für das 2011 initiierte Projekt aus.

 Wasserkraftwerk von Bad Gastein

Marion Soravia

Aus dem ehemaligen Kraftwerk Bad Gastein wurde ein Atelierhaus

Wie Millstatt hat auch Bad Gastein seine besten Zeiten hinter sich. Der einstige Nobelskiort kämpft seit Ende der 1990er Jahre mit Leerständen im Stadtkern - eine Lösung der Investorenmisere ist nicht in Sicht. Dennoch gelang es progressiven Hoteliers, das Ruder herumzureißen: Mit „Alpendorf wieder hip“ und „Auferstanden trotz Ruinen“ ließen die Medien Bad Gastein 2016 hochleben. Die Kunst spielte bei diesem Imagewandel keine geringe Rolle.

Morbider Reiz leerer Grandhotels

„Gerade die leeren Grandhotels machen den Ort spannend“, findet Alexandra Baumgartner, die im Vorjahr im einstigen „Monte Carlo der Alpen“ weilte. Der morbide Flair entspreche auch ihrer eigenen Kunst, in der es um Abgründe und Grenzzustände geht. Das besondere Zuckerl der Gasteiner Residency stellt aber das Ausstellungswochenende dar. Dieses Jahr bringen wieder von 28. bis 30. Juli Sammler, Galeristen und Kunstaficionados Jetset-Flair in den Ort. Sie werden auch mit Projekten namhafter Künstler wie Gerwald Rockenschaub und Jeppe Hein geködert.

Bad Gastein

Marion Soravia

Das Gasteinertal im Sommer

„Wir hatten schon einen großen Druck, weil wir super Arbeiten zeigen wollten“, betont Baumgartner, der wenig Zeit zum Seele-baumeln-Lassen blieb. Mit den Kollegen aus London, Leipzig und Stockholm verstand sie sich so gut, dass sie heuer gemeinsam das Art Weekend besuchen. „Wir sind mittlerweile so etwas wie eine Familie“, schildert auch die gut vernetzte Organisatorin Von Goetz, die zu den meisten der rund 50 früheren Teilnehmer Kontakt hält. Schließlich tragen sie die Botschaft vom kunstaffinen Alpendorf in die Welt hinaus.

Links: