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Einbruch des Weinmarkts?

Wer tief ins Weinglas schauen will, hat in Großbritannien schon immer auch tiefer in die Geldbörse greifen müssen: Doch obwohl Wein auf der Insel vergleichsweise teuer ist, kamen die Briten auf den Geschmack. Seit zwei Jahrzehnten explodiert der Absatz, die Weinumsätze sind kurz davor, jene von Bier zu überflügeln. Der „Brexit“ könnte dem Weinboom nun aber einen herben Dämpfer versetzen.

Großbritannien ist weltweit nach Deutschland der weltgrößte Weinimporteur, rechnet man pro Kopf, liegt die Insel sogar auf dem ersten Platz. Rund die Hälfte der Importe stammt aus der EU. Die britische Weinbranche hat also viel zu verlieren, entsprechend heftig fielen die Warnungen ihrer Vertreter schon vor dem „Brexit“-Referendum aus.

Der Weinkonsum in Großbritannien hatte in den 70er Jahren deutlich angezogen. Auch in Pubs begann der Absatz anzuziehen: Weintrinker fingen an, es sich auch einiges kosten zu lassen, sich von den Biertrinkern abzuheben. In den 90er Jahren setzte dann ein regelrechter Boom ein, auch der Anteil von Wein am Gesamtalkoholkonsum schoss in die Höhe - auch weil der Bierverbrauch zuletzt deutlich zurückging. Wein wird, so britische Studien, vor allem zu Hause konsumiert. Und: Vor allem Frauen sind für den Weinboom verantwortlich, sie haben ihn in der Biernation salonfähig gemacht.

Drei Modellrechnungen

Erste Modellrechnungen bestätigen nun die Sorgen. Die australischen Ökonomen Kym Anderson von der University of Adelaide und Glyn Wittwer von der Victoria University haben drei Szenarios verglichen. Zunächst wurde berechnet, wie sich der Weinhandel ohne „Brexit“ entwickeln würde. In diesem Fall würde sich - bei einem britischen Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 2,6 Prozent und einem stabilen Pfund - wenig verändern. Die Importe würden bis 2025 leicht steigen, ebenso der Konsum. Die Preise würden sogar geringfügig sinken.

Preissteigerung und weniger Konsum

Bei einem „Brexit“ mit überschaubaren wirtschaftlichen Auswirkungen gehen die Ökonomen von einem Wirtschaftswachstum von 1,7 Prozent aus - und einem Verfall des Pfund um zehn Prozent. Für die Weinpreise errechneten die Forscher einen elfprozentigen Anstieg, die konsumierte Menge würde um 17 Prozent zurückgehen.

Ein „Brexit“ mit großen Auswirkungen - nur 0,9 Prozent Wirtschaftswachstum und Pfund-Abwertung von 20 Prozent - würde die Weinpreise um 22 Prozent in die Höhe treiben. Der Konsum würde damit gar um 28 Prozent einbrechen.

Zölle mit überschaubarem Einfluss

In beiden „Brexit“-Szenarios gehen die Forscher davon aus, dass die britische Regierung bis 2025 kein neues Freihandelsabkommen mit der EU erreicht haben wird. Allerdings haben Zölle einen vergleichsweise geringen Einfluss. Sie betragen derzeit für Nicht-EU-Länder durchschnittlich 13 Pence pro Liter. Fällig werden sie bei einem EU-Austritt nicht nur für die europäischen Weinhersteller: Chile und Südafrika haben dank entsprechender Handelsabkommen auch freien Zugang zum EU-Markt. Die beiden Länder liegen in der Liste der Weinimporteure nach Großbritannien auf den Plätzen sechs und neun.

Allgemeinwirtschaftliche Lage als Hauptfaktor

Die beiden Hauptfaktoren sind also allgemeinwirtschaftliche Auswirkungen des „Brexit“: ein stagnierendes bis fallendes Pro-Kopf-Einkommen und ein schwächelndes Pfund. Man verweist darauf, dass das Pfund seit dem Referendum im Vorjahr bereits 14 Prozent seines Werts gegenüber dem Euro verloren hat. Der britische Handelsverband Wine and Spirit Trade Association (WSTA) deutete vor Kurzem darauf hin, dass der Preis für eine Flasche Wein auf das Allzeithoch von 5,56 Pfund pro Flasche gestiegen ist.

Allein in den vergangenen drei Monaten habe der Preis mit einer Steigerung von drei Prozent stärker angezogen als in den zwei Jahren davor. Die Branchenvertreter fordern von der Regierung zudem eine Senkung der Weinsteuer, die derzeit bei 2,16 Pfund pro Flasche liegt - die 20-prozentige Mehrwertsteuer noch nicht eingerechnet.

Kleiner, aber feiner Markt für Österreich

Österreich hat 2016 700.000 Liter Wein nach Großbritannien exportiert, das entspricht rund drei Prozent der heimischen Weinexporte, heißt es von Österreich Wein Marketing. Auch wenn das gegenüber 2015 einen Rückgang bedeutet, gab es in den vergangenen Jahren einen Boom. Gegenüber 2012 hat sich die Exportmenge verdoppelt, gegenüber 2000 vervierzehnfacht. Im Vergleich zu andern Ländern wird eher höherpreisiger Wert nach Großbritannien exportiert. Im Spiel der Exportländer spielt Österreich bei den Briten allerdings nur eine sehr kleine Rolle.

Chance für britische Weine

Ebenfalls eine nur kleine Rolle spielt bisher der in Großbritannien hergestellte Wein. Laut dem Onlineportal Quartz wittern die wenigen hundert Winzer, die vor allem in Südengland und Wales Wein produzieren, Morgenluft. Bisher konnte man aufgrund der geringen Produktionsmengen preislich mit der ausländischen Konkurrenz nicht mithalten und produzierte vor allem Sekt.

In Fachkreisen wird der britische Wein durchwegs gelobt, nun hofft man im geänderten Preisumfeld auch auf steigende Absätze im eigenen Land. Für britische Weintrinker hat das Fachmagazin „Decanter“ einen anderen Vorschlag: Mit einem Auto mit großem Kofferraum noch schnell die besten Weinbaugebiete Europas abzuklappern, bevor sich das Land aus der EU verabschiedet.

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