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Projekt am Roten Meer als Initialzündung

Mit Strukturreformen und einer Diversifizierung der Wirtschaft will sich Saudi-Arabien unabhängiger vom Öl machen. Dem größten Erdölexporteur der Welt macht der Preisverfall zu schaffen - das belegen auch steigende Arbeitslosenzahlen. „Vision 2030“ nennt sich das Projekt, das die Ökonomie des extrem konservativen islamischen Landes neuordnen soll. Darin inkludiert: der Ausbau des Tourismus.

Ein Projekt der Superlative umfasst ein bisher weitgehend unberührtes Areal am Roten Meer, berichtete das US-Nachrichtenportal Bloomberg. Zwischen den Küstenstädten Umludsch und al-Wadschh sollen auf einer Fläche von 34.000 Quadratkilometern - größer als Belgien - luxuriöse Tourismusresorts entstehen, die „internationalen Standards“ entsprechen.

Gesetzliche Ausnahmen

Finanziert wird das Vorhaben vom staatlichen Investitionsfonds, Kapital soll auch von internationalen Konzernen kommen. 50 naturbelassene Inseln, lange Strände und schlafende Vulkane sollen Besucher locken. Geplant ist, hier ein „halbautonomes“ Areal zu errichten, in dem „unabhängige Gesetze und Regeln gelten, die von einem nicht staatlichen Gremium entwickelt und verwaltet werden“. Touristen aus den meisten Ländern werden entweder gar kein Visum benötigen oder es online beziehen können.

Karte von Saudi-Arabien

Grafik: Omniscale/OSM/ORF.at

Der Spatenstich für das saudische Rotes-Meer-Projekt soll im dritten Quartal 2019 erfolgen, die erste Phase Ende 2022 abgeschlossen sein. Zu diesem Zeitpunkt sollen Hotels und Residenzen errichtet und die Anreise von Land, Luft und Wasser aus möglich sein. Offiziellen Angaben zufolge sollen hier langfristig 35.000 Arbeitsplätze entstehen und 15 Milliarden Rijal (3,4 Mrd. Euro) an Wirtschaftsleistung generiert werden.

Zugang zu Weltkulturerbe

Besucher werden auch Zugang zur Ausgrabungsstätte Mada’in Salih im Nordwesten des Landes erhalten. Es handelt sich um die antike Stadt Hegra, eine Handelsmetropole, die von den Nabatäern und den Thamud bewohnt wurde. Mada’in Salih ist bekannt für die über 100 aus dem Fels gemeißelten Monumentalgräber aus der Zeit vom ersten vorchristlichen bis zum ersten nachchristlichen Jahrhundert. Es wurde 2008 als erste saudische Stätte von der UNESCO als Weltkulturerbe ausgezeichnet.

Madain Saleh

APA/AFP/Hassan Ammar

Mada’in Salih wurde 2008 von der UNESCO auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt

Dass in dem Luxusresort andere Regeln herrschen sollen als im übrigen Land hat gute Gründe. In der ultrakonservativen Monarchie gilt eine besonders puritanische Auslegung des Islams, der Wahhabismus. Alkohol, Kinos und Theater sind untersagt. Die Geschlechtertrennung wird strikt überwacht und von der Religionspolizei durchgesetzt. Für Frauen gelten strenge Kleidungsvorschriften, lange Gewänder sind Pflicht, nackte Schultern, Arme oder Beine sind in der Öffentlichkeit verboten. Einem Tourismusprojekt, das vor allem auf Besucher aus dem Ausland setzt, wäre die bedingungslose Einhaltung dieses Regelwerks wenig zuträglich.

Öffnung auf Raten

Mit der Realisierung der „Vision 2030“ soll allerdings auch eine vorsichtige Öffnung der saudischen Gesellschaft verbunden sein. Zuletzt übernahm eine Reihe von Frauen, die in dem Land nicht einmal Auto fahren dürfen, Chefposten bei Banken. Auch im Unterhaltungsbereich gibt es Bewegung: Die Zahl der Konzerte nimmt zu, im Frühjahr fand in der liberaleren Hafenstadt Dschidda die erste Comicmesse in der Geschichte des Landes statt.

Mohammed bin Salman

Reuters/Bandar Algaloud/Courtesy of Saudi Royal Court

Mohammend bin Salman wird dereinst wohl den Thron besteigen - sein Einfluss ist jetzt schon immens

Treibende Kraft dahinter ist der neue Kronprinz Mohammed bin Salman, Sohn von König Salman. Für die junge Bevölkerung Saudi-Arabiens - mehr als die Hälfte der Einwohner ist jünger als 25 Jahre - ist er ein Hoffnungsträger. Auch Bin Salman ist erst 32, der Reformbedarf lässt ihm aber wenig Zeit: Die Wirtschaft leidet - abseits des Ölpreisverfalls - unter überbordender Bürokratie und einem aufgeblähten Staatsapparat, 12,7 Prozent der Bevölkerung waren im ersten Quartal ohne Arbeit.

Mehr als nur Mekka

Zwar wurden in der Vergangenheit im Schnitt jährlich rund 433.000 Jobs geschaffen, berichtete der TV-Sender al-Jazeera, die meisten von ihnen gingen allerdings an Billigarbeitskräfte aus dem Süden Asiens. Die Reformierung des Tourismus - bisher ganz auf die Pilgerfahrt nach Mekka ausgerichtet - soll nun also die Wirtschaft ankurbeln und Posten schaffen. Saudi-Arabien steht damit eine Gratwanderung zwischen religiösen Vorschriften und Gewinnstreben bevor.

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