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Festwochen rücken Frauen in den Fokus

Als erstes Opernereignis der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik ist „Il ritorno d’Ulisse in patria“ (Die Heimkehr des Odysseus) von Claudio Monteverdi zu erleben. Was dieses Werk außergewöhnlich macht und mit dem Festwochen-Schwerpunkt zu „legendären Frauengestalten“ zu tun hat, erörtert Intendant Alessandro de Marchi im ORF.at-Interview. Und er verrät, warum Alte Musik heute so populär ist.

ORF.at: Bereits 1993 hatte Ihr Vorgänger als Festwochen-Intendant, Rene Jacobs, Monteverdis „Il ritorno“ geleitet. Damals saßen Sie am Cembalo – Ihr erster Auftritt in Innsbruck. 24 Jahre später dirigieren Sie nun selbst diese Oper. Was hat sich seither geändert?

De Marchi: Alles und nichts. Es hat sich alles geändert, weil inzwischen praktisch jedes Theater Barockmusik spielt und deren Rezeption heute ganz anders ist. Es hat sich aber auch nichts geändert, weil wir nicht viel mehr über diese Musik wissen als vor rund einem Vierteljahrhundert und jeder, der diese Musik interpretiert, auch heute sehr viel Eigenes einbringen muss, damit das Ganze funktioniert.

Alessandro De Marchi

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Intendant Alessandro de Marchi

ORF.at: Musik der Spätrenaissance und des Barock, gespielt auf alten Instrumenten, erlebt also einen Boom. Was sagt das über das Publikum aus?

De Marchi: Zum einen ist es die große Ähnlichkeit mit Musik, die sich heute großer Beliebtheit erfreut - wie Pop-, Rock-, Jazz- oder Volksmusik; die Ähnlichkeiten sind weit größer als mit herkömmlicher klassischer Musik. Zum anderen gibt es immer mehr Spezialisten und wird das Niveau immer höher. Die Aufführungen sind jetzt perfekt, und das Publikum merkt das auch.

ORF.at: Die Aufführung – eine Koproduktion mit der Den Norske Opera in Oslo - beschrieben Sie mit den Worten: „Die Stimmung war wie in einem Popkonzert.“ Ist das so gemeint?

De Marchi: Das Geheimnis ist, dass Monteverdi Musik komponierte, um Affekte zu wecken, um Stimmungen zu erzeugen, um direkt auf das Herz zu zielen. Deswegen funktioniert seine Musik, die fast ein halbes Jahrtausend alt ist, immer noch. Und das macht sie so modern.

ORF.at: Manche meinen, Popmusik sei nur verständlich, wenn man diese Musik versteht - Stichwort: Monteverdi als Erfinder des Ostinatobasses. Ist das auch ein Mitgrund?

De Marchi: Ja, es sind die gleichen Elemente vorhanden, Walking Bass oder Blue Notes etwa hatten zu Monteverdis Zeit nur einen anderen Namen. Nicht ohne Grund greift heute fast jedes Crossover-Experiment, das sich mit Alter Musik beschäftigt, auf Material von Monteverdi zurück.

Szene aus „Il ritorno d’Ulisse in patria“

Norwegian National Opera & Ballet/Erik Berg

Auf der Bühne tummeln sich auch Götter wie Neptun (Andrew Harris) und Jupiter (Halvor F. Melien)

ORF.at: Sie sagen, wer eine Oper wie „Il ritorno“ aufführen will, muss vieles ergänzen, zumal eine Partitur im üblichen Sinne nicht überliefert ist. Wie viel Monteverdi, wie viel De Marchi ist in Innsbruck zu hören?

De Marchi: Musiker und Sänger probten damals monatelang und boten die Aufführung sehr wahrscheinlich auswendig dar. Was bei diesen langen Proben entwickelt wurde, steht aber nicht in der Partitur. Diese besteht aus einer Gesangslinie und einer Basslinie – das war’s. Ab und zu kommt ein Ritornell für das Orchester vor, aber auch dabei fehlt die Instrumentierung. Aus Beschreibungen von Zeitgenossen oder anderen Partituren Monteverdis wie dem „L’Orfeo“, in der eine ganz bestimmte Aufführung geschildert wird, kann man sich aber viel Inspiration holen.

ORF.at: Wo setzen Sie Ihre Akzente?

De Marchi: In meinem „Ritorno“ habe ich für jede handelnde Figur eine unterschiedliche Instrumentierung vorgesehen. So bekommen die Götter und sterblichen Menschen einen jeweils anderen Klang bzw. eine Gruppe von Instrumenten beigestellt, die ihnen immer folgt. Im Fußball nennt man das Manndeckung.

ORF.at: Sie nehmen auch Anleihe im reichen Fundus von Monteverdis Madrigalen. Zwei Madrigale gelangen sogar zur Gänze in die Oper ...

De Marchi: Ich fügte die Madrigale „Lamento della Ninfa“ und „Zefiro torna“ ein. Der Grund dafür ist, dass die vorliegende Partitur aus Wien nicht mit dem Originallibretto aus Venedig übereinstimmt. Dieses ist viel länger und enthält viel mehr Szenen. Ob die Wiener Partitur eine Kurzfassung einer längeren venezianischen Fassung ist oder ob Monteverdi Teile einfach nicht vertont hat, wissen wir nicht.

Szene aus „Il ritorno d’Ulisse in patria“

Norwegian National Opera & Ballet/Erik Berg

Penelope (Christine Rice) wartet 20 Jahre lang auf ihren Mann Odysseus

Viele Regisseure wünschen sich aber aus dramaturgischen Gründen manche nicht vertonte Szene - so auch Ole Anders Tandberg. In solchen Fällen gibt es drei Möglichkeiten: Entweder man komponiert selbst etwas dazu oder legt – wie es Rene Jacobs tat – andere Monteverdi-Kompositionen über den Text des Librettos oder ersetzt die fehlenden Szenen ganz frei wie ich mit zwei Madrigalen, die gut zur Handlung passen. Das werden zwei sehr schöne Momente in der Aufführung sein.

ORF.at: Bei Homer stand Odysseus im Zentrum, Librettist Giacomo Badoaro dagegen wertete die Rolle Penelopes auf. Welches Frauenbild wird hier vermittelt?

De Marchi: Das Stück passt genau zum Thema der Innsbrucker Festwochen, das heuer legendäre Frauengestalten in den Vordergrund rückt, und könnte auch „Die wartende Penelope“ oder „Die starke Penelope“ heißen. Deren Rolle betont auch die Inszenierung von Ole Anders Tandberg, der Penelope auch 20 Jahre nach dem Verschwinden von Odysseus ihr Hochzeitskleid tragen und ihre Freier beharrlich austricksen lässt - also eine ziemlich moderne Idee von Frau. Das spiegelt sich übrigens auch in Monteverdis Musik wider, die ja für eine Frau und nicht für einen Countertenor geschrieben ist.

ORF.at: Der unbeirrbaren Penelope steht Odysseus gegenüber – ein ambivalenter Held, sind seine Charakterzüge ja von Trug und List geprägt ...

De Marchi: Wir tendieren im Stück dazu, ganz warm für Odysseus zu werben. Stets mitzudenken gilt es aber, dass er 20 Jahre lang alles andere als ein treuer Ehemann war, zahlreiche Liebhaberinnen und sogar eine zweite Familie hatte und lange nicht daran dachte zurückzukommen. So ein positiver Held ist Odysseus in der Tat nicht.

Odysseus erschießt die Freier (aus der Sagensammlung von Gustav Schwab)

Public Domain

Odysseus erschießt bei seiner Heimkehr die Freier (Illustration in einer Sagensammlung von Gustav Schwab)

ORF.at: Auch die Freier, obwohl Personen von Stand, verraten durch ihr Handeln, dass „Blutadel“ und „Herzensadel“ nicht unbedingt dasselbe sein müssen.

De Marchi: Solch kritischer Realismus in der Oper war besonders in Venedig möglich und Monteverdi der Zeit weit voraus. Auf eine tragische Szene wie jene des Freiers Iro etwa, die im Suizid endet, muss man danach bis in die Romantik warten.

ORF.at: Frauen sind auch in den beiden anderen Opernproduktionen die zentralen Figuren: die Muse in „Pygmalion“ von Jean-Philippe Rameau und Neros Ehefrau Octavia in „Die römische Unruhe, oder Die edelmütige Octavia“ von Reinhard Keiser.

De Marchi: Mit „Pygmalion“ bringen wir zum ersten Mal eine Ballettoper auf die große Bühne und machen wir einen großen Schritt. Keiser, der heute weniger bekannt ist, ist vor allem für Liebhaber von Georg Friedrich Händel interessant, weil Händel mindestens die Hälfte der Arien in seiner „Octavia“ von Keiser „geklaut“, benutzt oder zitiert hat. Die Relation dieser beiden Zeitgenossen ist sehr spannend. Außerdem erinnere ich daran, dass auch in einer weiteren Festwochen-Produktion, nämlich in „San Giovanni Battista“ von Alessandro Stradella eine Frau im Mittelpunkt steht. Rein theoretisch handelt es sich dabei um ein Oratorium über den Täufer, aber eigentlich ist es eine Oper über Salome.

ORF.at: Welche Programmschwerpunkte widmen sich noch dem Frauenthema?

De Marchi: Schon beim ersten Brainstorming kamen wir auf die Idee des Weiblichen und stießen schnell auf die Gottesmutter Maria. Drei Festwochen-Highlights widmen sich ihr: Neben Monteverdis Marienvesper bringen wir liturgische Musik aus dem „Faenza-Codex“, die bisher noch kein Mensch gehört hat - denn viele ausradierte und überschriebene Notenseiten wurden gerade erst dank detektivischer Arbeit a la Sherlock Holmes entdeckt und rekonstruiert. Und schließlich wenden wir uns mit dem „Open Mind“-Projekt Marienmusik aus dem Christentum, dem Judentum und dem Islam zu.

ORF.at: Welche Botschaft haben Sie als Gründer des Cesti-Wettbewerbs an Nachwuchsmusiker in Anbetracht des erwähnten Booms Alter Musik?

De Marchi: Ich glaube, jetzt ist der richtige Moment für junge Stimmen, sich für Alte Musik zu interessieren, denn der Markt ist da und das Niveau sehr hoch. Vielen unserer Finalisten öffnete Innsbruck die Tür für eine größere Karriere, und einige sind ziemlich prominent geworden. Wir sind sehr stolz auf unseren Wettbewerb und die Innsbrucker Festwochen.

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