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„Kostet Energie“

Dem IT-Giganten Google droht mitten in den Turbulenzen, in die er wegen eines als sexistisch kritisierten Textes eines mittlerweile gekündigten Mitarbeiters geraten ist, ein weiterer Rückschlag: Mehr als 60 Ex-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiterinnen von Google überlegen, eine Sammelklage wegen Sexismus und ungleicher Bezahlung gegen den IT-Riesen einzubringen, berichtete die britische Tageszeitung „Guardian“.

Google, das mit der prompten Kündigung des Mitarbeiters die Debatte über angebliche Diskriminierung möglichst rasch zu beenden suchte, wies die Vorwürfe laut dem Bericht entschieden zurück. In der internen Memo hatte der Mitarbeiter zwar betont, er stelle das Ziel, Frauen und Nicht-Weiße stärker zu fördern, nicht grundsätzlich in Frage. Vor allem seine Argumentation, Frauen seien biologisch weniger für Erfolg in der Tech-Industrie geeignet, stieß jedoch auf heftige Kritik.

Der auf Zivilrecht spezialisierte Anwalt James Finberg betonte gegenüber dem „Guardian“, die Frauen behaupteten, dass sie bei gleicher Qualifikation und ähnlicher Position weniger verdient hätten. Andere Betroffene hätten Schwierigkeiten gehabt, in einer „Betriebskultur, die Frauen gegenüber feindlich ist“, aufzusteigen.

Verfahren von Arbeitsministerium

Die mögliche Sammelklage würde demnach auf einem Fall aufbauen, der vom US-Arbeitsministerium eingebracht wurde. Darin wird behauptet, Google würde Frauen systematisch zu wenig bezahlen. Ein Richter hatte zuletzt Google in diesem Verfahren dazu aufgefordert, einen Teil der Gehaltsaufzeichnungen des Unternehmens an das Gericht zu übermitteln.

Google bestreitet vehement, dass seine Gehälter diskriminierend sind. Finberg dagegen betont, er habe rund die Hälfte der 60 an einer Klage interessierten Frauen bereits interviewt. Daraus hätten sich Hinweise auf klare Unterschiede und Vorurteile ergeben, dass Frauen in dem Unternehmen benachteiligt würden. Trotz ähnlicher Positionen und Qualifikationen hätten mehrere Frauen gesagt, dass sie weniger bekämen als männliche Kollegen - sowohl beim Grundgehalt als auch bei Boni und Aktienprogrammen.

Mann soll mehr verdient haben als seine Vorgesetzte

Von den mehr als 60 Frauen, die sich in den letzten drei Wochen an ihn gewandt hätten, arbeite rund die Hälfte derzeit bei Google. Mehr als ein Dutzend der anderen Frauen betonten laut Finberg, dass Diskriminierung ein Faktor bei ihrer Entscheidung war, Google zu verlassen.

Eine Managerin, die Google erst kürzlich verließ, sagte laut „Guardian“, sie habe mehrmals erfahren, dass Männer auf ihrer Ebene Zehntausende Dollar mehr verdienten. Einmal erhielt sogar ein Mitarbeiter ein höheres Gehalt, obwohl sie seine Vorgesetzte war.

Die ständige Auseinandersetzung mit Sexismus am Arbeitsplatz und der Umstand, dass sie immer wieder Kolleginnen im Kampf gegen Diskriminierung helfen musste, habe sie belastet und zu ihrer Entscheidung, Google zu verlassen, beigetragen. „Nach einer Weile wurde es einfach anstrengend“, so die Betroffene. Das brauche viele „emotionale Energie“.

Google: Nicht von Geschlecht abhängig

Ein Sprecher von Google wollte die drohende Sammelklage laut „Guardian“ nicht kommentieren. 60 sei allerdings eine geringe Anzahl für eine Sammelklage. Es würde immer Unterschiede bei Gehältern geben - das könne etwa vom Ort, der Rolle und der Leistung abhängen. Die Entscheidung über Gehälter hänge aber nicht vom Geschlecht ab.

Die Klagen der Frauen stärken aber laut „Guardian“ die Behauptungen des Arbeitsministeriums. Dieses war in einem vorläufigen Bericht zum Schluss gekommen, dass es bei Google eine „extreme“ Diskriminierung bei Gehältern gebe. Strenge Vertraulichkeitsbestimmungen in den Arbeitsverträgen würden zudem Mitarbeiterinnen davon abhalten, an die Öffentlichkeit zu gehen, so der Vorwurf des Ministeriums.

„Google ist nicht allein“

Finberg sagte, er hoffe, dass eine Sammelklage Auswirkungen auf die gesamte IT-Branche haben könnte. „Google ist nicht allein im Silicon Valley“, so der Anwalt.

Tatsächlich beschäftigt das Thema die Vorzeigebranche seit Monaten zunehmend. Immer öfter werden Fälle von Diskriminierung oder sexistische Aussagen von Firmenmitarbeitern und vor allem Managern bekannt. Der bekannteste Fall ist jener von Uber-Gründer Travis Kalanick. Der Gründer des Fahrtenvermittlers musste kürzlich unter dem Druck von Investoren zurücktreten, nachdem die Vorwürfe gegen Uber wegen einer aggressiven und sexistischen Unternehmenskultur zu heftig geworden waren.

Weiß und männlich

Google hat, so wie andere Tech-Firmen, viel weniger Frauen als Männer - insbesondere auch in Führungspositionen. Laut dem aktuellen Diversitätsbericht arbeiten bei Google 56 Prozent Weiße und nur zwei Prozent Schwarze.

Kulturkampf um Gleichstellung

In den USA wird der Kampf gegen die Benachteiligung von Frauen, Schwarzen und Hispanics längst als „Kulturkampf“ bezeichnet. Diese Themen stehen immer wieder im Zentrum der politischen und ideologischen Auseinandersetzung zwischen Liberalen und Konservativen.

Das zeigte sich auch am jüngsten Rauswurf jenes Softwareentwicklers, der in einem internen Schreiben die Diversitätsstrategie von Google kritisiert hatte. Unterstützer und Unterstützerinnen von Frauen in der Tech-Branche hätten Google dafür gelobt, so die „New York Times“. Aber für die Rechte sei der Entwickler umgehend zu einem Symbol für die Intoleranz der Tech-Industrie gegenüber „ideologischer Diversität“ geworden, die etwa Anhänger Steve Bannons, des Chefberaters von US-Präsident Donald Trump, stets beklagen.

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