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Eine gefeierte Rückkehr auf die Bühne

Jahrhundertelang ist die Oper „Il ritorno d’Ulisse“ (Die Heimkehr des Odysseus) von Claudio Monteverdi (1567-1643) verschollen gewesen und auch nach ihrer Entdeckung Ende des 19. Jahrhunderts kaum gespielt worden. Am Donnerstag feierte das Werk eine umjubelte Premiere zum Auftakt der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik und präsentierte sich alles andere als alt.

Monteverdis Oper basiert auf dem zweiten Teil von Homers „Odyssee“ und erzählt die Geschichte von Odysseus, König von Ithaka, der 20 Jahre nach dem Trojanischen Krieg und einer Irrfahrt über das Meer zu seiner Frau Penelope heimkehrt. Als Bettler getarnt muss er aber erst noch drei zudringliche Freier am Hof aus dem Weg räumen, bevor er Penelope von seiner wahren Identität zu überzeugen und sein Königreich zurückzugewinnen vermag.

Von einem anderen Schlage

Eheliche Treue wie in der antiken Vorlage steht bei Monteverdi jedoch nicht im Zentrum. Gleich zu Beginn setzt der Prolog, in dem die Allegorie der menschlichen Hinfälligkeit (L’Humana Fragilita) ihre Abhängigkeit von der verrinnenden Zeit (Tempo), dem launischen Schicksal (Fortuna) und der blinden Liebe (Amore) beklagt, den moralischen Doppelpunkt: Hier geht es - existentialphilosophisch gesprochen - um die Geworfenheit des Menschen in der Welt.

Szene aus "Il ritorno d'Ulisse in patria"

Innsbrucker Festwochen/Rupert Larl

Penelope (Christine Rice) kann sich der aufdringlichen Freier (Marcell Bakonyi, Hagen Matzeit, Francesco Castoro) kaum erwehren

In gleicher Weise wie L’Humana Fragilita beklagt Penelope in ihrer Auftrittsszene die 20 Jahre ihrer Einsamkeit. Doch so sehnsüchtig ihr Lamento auch klingen mag, wird schnell deutlich, dass sie nicht etwa einem Freier, sondern der Liebe insgesamt keinen Platz mehr einräumt. Nicht Odysseus ist der Grund dafür, sondern dass ein zweiter Irrtum dem ersten nicht folgen solle. Penelope ist eben von anderem Schlage als eine Desdemona oder Carmen. Sie bleibt nicht ihrem Mann, sondern zuallererst sich selbst treu.

Szene aus "Il ritorno d'Ulisse in patria"

Innsbrucker Festwochen/Rupert Larl

Vielfraß Iro (Carlo Alemanno) zieht den Suizid vor

Bis zum Schluss weigert sie sich beharrlich, Odysseus’ Identität anzuerkennen, auch dessen bestandene Prüfung mit dem Bogen und die Beteuerungen ihres Sohnes Telemaco sowie anderer überzeugen sie nicht. Selbst als ihr Odysseus den letzten Zweifel nimmt, indem er das Geheimnis über ihr Ehebett lüftet, ergießt sich Penelope in ihrer Schlussarie nicht in Erleichterung und Liebe, vielmehr reiht sie eine hohle Metapher an die andere. Es scheint, als empfinde sie es geradezu als erschreckend, vom Trennungsschmerz befreit zu sein und ihr viele Jahre unterbrochenes Eheleben wiederaufzunehmen - „eine ziemlich moderne Idee“, kommentiert Intendant Alessandro de Marchi im ORF.at-Gespräch.

Lamento, Witz und Volkstümliches

Die Regie von Ole Anders Tandberg legt das auf originelle Weise aus, betont das stets dominante Lamento, scheut aber auch nicht Witz und Parodie und überschreitet mitunter die Grenze zum Volkstümlichen. Schauplatz ist ein Restaurant der Gegenwart, in dem die Figuren in einem scheinbar ewigen Hochzeitsessen gefangen sind und schamlos ihre „unsauberen“ Leidenschaften ausleben. Hier verschwindet Odysseus und taucht 20 Jahre später unter dem Tisch wieder auf. Auch die Hochzeitsgäste sind ebenso noch da wie die Götter.

Guckkasten im Guckkasten

Penelope behält das ganze Stück über beharrlich ihr weißes Hochzeitskleid an, Odysseus trägt wahlweise eine Kapitänsuniform oder einen langen Schaffellmantel, die Freier und Hofleute zeigen sich im Business-Look, die Götter sind als Kellner verkleidet - darunter Minerva, die sich auch in eine Hirtin mit Lederhose, Stewardess und Sportfechterin verwandelt. Unmengen an Hotdogs, Bier und pyrotechnische Tricks lenken den Blick immer wieder auf die Tafel.

Szene aus "Il ritorno d'Ulisse in patria"

Innsbrucker Festwochen/Rupert Larl

Das Hochzeitsbankett und ein von Göttern bevölkertes Theater im Theater

An der Rückwand des Restaurants befindet sich ein großes Fenster, hinter dessen Vorhang, der nonstop auf- und zugeht, sich eine kleine weitere Guckkastenbühne zeigt - wie ein Theater im Theater. Vor gemalten Kulissen und Videoprojektionen werden von hier aus die Hochzeitsgäste unterhalten - etwa wenn Jupiter Poolbillard spielt, Minerva über Wälder und Berge fliegt oder Odysseus sich mit dem Vielfraß Iro einen Ringkampf liefert.

Blutbad a la „Pulp Fiction“

Von hier aus spannt der Heimkehrer den Bogen, während die Freier überrascht zu Ketchupflaschen greifen, sich damit selbst bespritzen und von Pfeilen durchbohrt zu Boden sinken. An Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ erinnert auch das darauffolgende Lamento Iros, der durch den Tod der Freier den Verlust seiner Gaumenfreuden beklagt und sich Blut spritzend eine Kugel durch den Kopf jagt: Komik und Tragik, Spaß und Schrecken berühren sich.

Szene aus "Il ritorno d'Ulisse in patria"

Innsbrucker Festwochen/Rupert Larl

Ketchup statt Blut

Dem Triumph des Guten über das Böse kann aber auch das Schlussduett von Penelope und Odysseus den schalen Beigeschmack nicht nehmen. Am Ende haben sich nicht zwei Liebende wiedergefunden, sondern stehen beide wie zwei begossene Pudel vor einem Hinterausgang, als würde Tandberg sagen wollen, dass die Oper gerade da aufhört, wo die Schwierigkeiten erst anfangen.

Mehr als „nur“ Dirigent

Elegante Leichtigkeit strahlt die auf nachgebauten Instrumenten spielende Academia Montis Regalis unter der Leitung De Marchi aus, der mit eigentlich kammermusikalischer Selbstverständlichkeit durch den Abend führt. Hinzu kommt ein exquisites homogenes Sängerensemble, dem zuzuhören ein Genuss ist.

Szene aus "Il ritorno d'Ulisse in patria"

Innsbrucker Festwochen/Rupert Larl

Odysseus (Kresimir Spicer) begegnet seinem Sohn Telemaco (David Hansen)

Für De Marchi greift das Wort „Dirigent“ insofern zu kurz, als sich nur mit einer dezidiert musikhistorischen Arbeit die bloß rudimentär überlieferte Partitur praktisch umsetzen lässt, denn vorhanden ist nicht mehr als Gesangs- und Basslinie. Für jede handelnde Figur erfand De Marchi daher eine unterschiedliche Instrumentierung, sodass alle Sänger einen jeweils eigenen Klang bzw. eine Gruppe von Instrumenten beigestellt bekommen, die ihnen immer folgt. Oft sind die Solisten ganz auf sich gestellt, nur vom Continuo begleitet - der Orgel, dem Cembalo, der Harfe oder der Laute.

„Im Fußball nennt man das Manndeckung“, sagt De Marchi. Solcherlei „Manndeckung“ verleiht den Figuren emotionale und charakterliche Tiefenschärfe, ihren Bekundungen Ausdruck und Nachdruck und dem Drama Konturen. Sie erklärt das Geschehen, bestärkt die gesungenen Worte oder entlarvt sie als unwahr. Vor allem werden damit aber Stimmungen und Gefühle auf die Zuschauer übertragen.

Reisen in die Vergangenheit

Außerdem fügt De Marchi drei musikalische Ergänzungen in die Partitur ein: Als Ouvertüre wählt er eine Sinfonia von Francesco Cavalli, als Tanz dreier dreibeiniger Matrosen Monteverdis Madrigal „Zefiro Torna“ und als Unterstreichung von Penelopes Verzweiflung „Il lamento della ninfa“, das in seiner jazzigen Darbietung aus dem Abend hervorsticht.

Hinweis

„Il ritorno d’Ulisse in patria“ ist noch am 12. August um 15.00 Uhr und 14. August um 18.30 Uhr und am Landestheater Innsbruck zu sehen.

Reisen in die Vergangenheit, um das Überzeitliche hinter dem Zeitgebundenen zu entdecken und den Menschen, die heute im Publikum sitzen, unterhaltsam zu vermitteln, das haben sich die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik auf die Fahne geschrieben - mit Erfolg: Die Heimkehr von Odysseus endete am Donnerstag im Tiroler Landestheater jedenfalls mit überschwänglichem Jubel.

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