Themenüberblick

Wie das Drama seinen Lauf nahm

Als es am 9. August 2007 zu Turbulenzen an den Interbanken-Geldmärkten kam, war es eigentlich klar: Was in den USA als Hypothekenkrise begonnen hatte, erreichte Europa - und eine systemische Dimension. Während Kommentatoren erstmals das Wort Finanzkrise verwendeten, glaubten Politiker und etliche Experten noch, dass die guten Konjunkturdaten das Schlimmste verhindern könnten. Und diesem Irrglauben saßen sie lange auf.

Die Liquiditätsströme zwischen den Geldhäusern kamen an diesem 9. August praktisch zum Erliegen, weil sie sich gegenseitig nicht mehr trauten. Die Europäische Zentralbank (EZB) pumpte 95 Milliarden Euro in die Märkte, um das System zu stabilisieren - am nächsten Tag folgte eine Finanzspritze von 61,05 Mrd. Euro. Die US-Notenbank versorgt die Banken außerplanmäßig mit rund 40 Milliarden Dollar.

Warnungen von Kommentatoren

Für Unruhe an den Märkten hatte die Nachricht gesorgt, dass die französische Großbank BNP Paribas vorübergehend wegen der Krise an den US-Märkten drei Fonds geschlossen hatte. Die Investmentbank Goldman Sachs berichtete von „Gerüchten über Liquiditätsprobleme mehrerer europäischer Banken“. Dass schon Ende Juli die deutsche Mittelstandsbank IKB aufgrund fauler Kredite in schwere Turbulenzen geriet, wurde als Einzelfall abgetan.

Die Zeitungskommentare am 10. August sprachen eine deutliche Sprache: „Die Illusion, dass Europa noch einmal billig davonkommen könnte, ist bereits zu den Akten gelegt“, schrieb die italienische Zeitung „La Repubblica“. Im „Daily Telegraph“ hieß es: „Das Problem, dass sich Investoren und Verbraucher zu viel Geld geliehen haben, wird nicht über Nacht verschwinden.“ Und die spanische Zeitung „El Mundo“ konstatierte: „Es ist noch nicht absehbar, wie die Situation sich weiter entwickelt. Aber niemand sollte die Alarmsignale auf die leichte Schulter nehmen.“

„Kein Grund zur Nervosität“

Doch die Politik und die führenden Wirtschaftsexperten sahen das anders: Der Internationale Währungsfonds (IWF) hielt die Turbulenzen an den Weltbörsen für beherrschbar. „Die Grundlagen des starken, weltweiten Wachstums sind noch immer gegeben, während die Wiederherstellung der Kreditdisziplin eine gesunde Entwicklung ist“, sagte IWF-Sprecher Masud Ahmed.

Deutschlands Finanzminister Peer Steinbrück und der deutsche Bundesbank-Präsident Axel Weber sahen trotz der Turbulenzen an den Finanzmärkten gute Wachstumsaussichten für ihr Land. „Es gibt keinen Grund zur Nervosität über die Realwirtschaft“, sagte Steinbrück Mitte August. Für die österreichische Politik war die Krise in den Sommermonaten noch gar kein Thema.

„Marginale Folgen“

Auch österreichische Wirtschaftsexperten sahen eher keine großen Risiken: Die Auswirkungen der Krise auf die österreichische Wirtschaft seien marginal bis nicht vorhanden, so damals Franz Hahn, Experte des Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO). Der Ökonom Erich Streissler schätzte die Wahrscheinlichkeit einer Weltwirtschaftskrise als gering ein. Auch der damalige Chefvolkswirt der Industriellenvereinigung meinte, die realwirtschaftlichen Auswirkungen auf die Euro-Zone und somit auch auf Österreich würden marginal bleiben.

Faule Kredite weiterverschachert

Im September 2007 erklärte der damalige EU-Währungskommissar Joaquin Almunia, die weltweiten Turbulenzen an den Finanzmärkten würden sich nur „sehr begrenzt“ auf die europäischen Volkswirtschaften auswirken. Almunia sah auch für 2008 keine negativen Auswirkungen. Schon im Juli hatte US-Finanzminister Henry Paulson erklärt, die signifikante Korrektur auf dem Eigenheimmarkt sei fast abgeschlossen, die Auswirkungen seien eindämmbar. Genau dort hatte die Krise ihren Anfang genommen.

Um sich den Traum vom Eigenheim zu finanzieren, hatten viele einkommensschwache US-Familien teure Kredite von Hypothekenbanken genommen. Die Banken verkauften „Subprime Loans“ weiter, wo sie als Hypothekenanleihen gebündelt und in die ganze Welt weiterverschachert wurden. Das System kippte, als ab 2006 immer mehr Hauseigentümer ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten.

Rettung für Großbanken

Lange Zeit wurde in Europa das als reines US-Problem gesehen, selbst als die ersten europäischen Banken in Turbulenzen gerieten, glaubte man, dass einfach einzelne Kreditinstitute in Schwierigkeiten seien. Im Herbst 2007 hieß es häufig, das Schlimmste sei schon überstanden.

Auch als gleichzeitig eine Bank nach der anderen ihr Hypothekengeschäft abstieß, wurden sämtliche Warnsignale übersehen. Der große Knall folgte 2008: Die britische Bank Northern Rock wurde im Februar verstaatlicht, im März taumelte die US-Investmentbank Bear Stearns, die US-Notenbank musste einspringen, Konkurrent JPMorgan Chase übernahm das Institut. Im Juli rettete die US-Regierung die beiden Hypothekenbanken Freddie Mac und Fannie Mae mit Krediten und Aktienkäufen in Milliardenhöhe vor dem Bankrott.

Lehman-Pleite löste Kettenreaktion aus

Als im September 2008 dann auch noch die Großbank Lehman Brothers ins Straucheln geriet, wollte die US-Regierung von Präsident George W. Bush nicht mehr einspringen. Mit der Lehman-Pleite brach ein Tsunami über die Finanzwelt herein. Zwei Wochen nach dem Fall der Bank war die Liquidität im globalen Finanzsystem praktisch ausgetrocknet . Spätestens da war allen klar, dass man sich in einer systemischen Finanzkrise befand.

Und die Folgen waren enorm: Dutzende europäische Banken gerieten in Schieflage, mussten gerettet werden oder gingen Pleite. Auch mit den Folgen der strauchelnden Banken verschärfte sich in einigen Ländern - Irland, Portugal, vor allem aber Griechenland - die Budgetlage so sehr, dass sie auf Rettungsgelder angewiesen waren. Und die Folgen der Krise sind bis heute spürbar.

Links: