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Einsatz von „Prudence“ ausgesetzt

Ärzte ohne Grenzen (Medecins Sans Frontieres, MSF) will vorerst keine Such- und Rettungseinsätze im Mittelmeer mit seinem Schiff „Prudence“ mehr fahren. Die Seenotrettungsleitstelle in Rom (MRCC) habe die Hilfsorganisation vor Sicherheitsrisiken in Verbindung mit Drohungen der libyschen Küstenwache gewarnt, teilte die MSF am Samstag mit.

Ihre Mittelmeer-Mission werde aber „nicht gänzlich“ ausgesetzt, erläuterte MSF auf APA-Anfrage. Betroffen sei nur das von MSF betriebene Schiff „Prudence“. Die Hilfsorganisation wolle weiterhin mit der NGO SOS Mediterranee kooperieren, an Bord deren Schiffs „Aquarius“ auch ein Team von Ärzte ohne Grenzen zur medizinischen Versorgung von Geretteten ist. Die Prudence lag am Samstag im Hafen von Catania auf Sizilien.

„Dürfen Kollegen keiner Gefahr aussetzen“

„Wir setzen unsere Aktivitäten aus, weil wir nun das Gefühl haben, dass das bedrohende Verhalten durch die libysche Küstenwache sehr ernst ist ... wir dürfen unsere Kollegen keiner Gefahr aussetzen“, sagte der Chef von MSF Italien, Loris De Filippi, der Nachrichtenagentur Reuters. Die libysche Küstenwache habe die NGOs aufgefordert, eine Zone von Hunderten Kilometern vor der Küste zu verlassen.

Bisher hätten Such- und Rettungsoperationen bis zu elf Seemeilen vor dem Festland stattfinden können, sagte De Filippi. „Letztes Jahr hat die Küstenwache 13 Schüsse auf unser Boot abgefeuert, das war in einer Situation, die viel ruhiger als die jetzige war“, sagte De Filippi. Am Sonntag kündigte auch die Organisation Sea Eye an, dass die Einsätze zur Rettung von in Seenot geratenen Flüchtlingen im westlichen Mittelmeer vorerst eingestellt werden. Unten den aktuellen Umständen sei eine Fortsetzung gegenüber den Crews nicht mehr zu verantworten.

Kritik auch an Italien

Die libysche Marine hatte unlängst angekündigt, ausländischen Rettungsschiffen den Einsatz in einer „Such- und Rettungszone“ vor der Küste zu verbieten. De Filippi sagte, der von der italienischen Regierung aufgesetzte Verhaltenskodex für Mittelmeer-Einsätze sowie deren stärkere Zusammenarbeit mit der libyschen Küstenwache erschwere die Arbeit der Hilfsorganisationen.

Das humanitäre Ziel der Rettung von Menschenleben sei mit einer politischen und militärischen Intervention zur Reduzierung der Flüchtlingsankünfte vermischt worden. NGOs stehen unter Verdacht, auf hoher See mit Schleppern zu kooperieren.

Die jüngst beschlossene italienische Marine-Operation zur Unterstützung der libyschen Küstenwache sei ein weiteres „besorgniserregendes Element in einem zunehmend feindseligen Umfeld für lebensrettende Einsätze“, hieß es in einer Aussendung der Organisation vom Samstag. MSF warf den europäischen Staaten vor, gemeinsam mit libyschen Behörden Migranten davon abzuhalten, einen Weg in die Sicherheit zu finden.

Keine Zustimmung zu Kodex

MSF gehört zu jenen drei Hilfsorganisationen, die den Regelkatalog der italienischen Regierung für Rettungsmissionen nicht unterschrieben haben. Die Helfer fühlten sich dadurch kriminalisiert: Ihnen missfallen die Forderungen des Verhaltenskodex, bewaffnete Polizisten an Bord zu lassen und keine Transfers von Geretteten mehr zwischen den Schiffen durchzuführen.

MSF hat nach eigenen Angaben seit 2015 rund 67.900 Menschen auf See geholfen. In den vergangenen vier Jahren kamen insgesamt fast 600.000 Migranten über das Mittelmeer nach Italien, die überwiegende Mehrheit mit Hilfe von Schleppern. Mehr als 13.000 Menschen starben bei der Überfahrt.

Die Neuankünfte von Flüchtlingen in Italien sind zuletzt stark zurückgegangen. Die Zahl hat sich im Juli mit 11.459 Ankünften in Italien mehr als halbiert. Im Juni waren es noch rund 24.000 und damit fast ebenso viele wie im Juli 2016.

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