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Wie geht es den Kindern?

Wie sollen Lehrende mit Schulklassen umgehen, in denen die Kinder unterschiedliche Erstsprachen mitbringen? In denen die einen zu Hause viel gefördert werden und die anderen kaum? Was braucht es, damit am Ende der Volksschulzeit alle Kinder trotz unterschiedlicher Ausgangsbedingungen annähernd gleiche Chancen für den weiteren Bildungsweg haben?

Das beschäftigt nicht nur Bildungsforscher, sondern auch viele Eltern, die sich - zumindest in den Städten - entscheiden müssen, welcher Volksschule sie ihr Kind anvertrauen: der ums Eck, die als „Brennpunktschule“ gilt? Der „mit gutem Ruf“ im Nachbarbezirk? Oder der Privatschule, die 400 Euro im Monat kostet?

Gleichheit als vermeintliches Ideal

Die Frage, wie man mit einer heterogenen Schülerinnenschaft umgeht, sei eine ganz alte, sagt die Sprachwissenschaftlerin und Mehrsprachigkeitsexpertin Brigitta Busch, davor sei schon die Schulpolitik der k. u. k. Monarchie gestanden. Damals führte man im gesamten Reichsgebiet die deutschsprachige Schule ein - und kam bald drauf, dass die Realität eine mehrsprachige war.

Trotzdem sei die Schule bis heute von dieser Homogenitätsidee getragen: „Die Sprache soll gleich sein, der Jahrgang soll gleich sein, der soziale Hintergrund soll gleich sein. Man geht von der These aus, dass Unterrichten dann leichter ist. Das bezweifle ich aber“, sagt Busch im Interview mit ORF.at. Gerade das soziale Lernen sei in gemischten Gruppen leichter.

„Links reden, rechts leben“

Durchmischung ist allerdings nur dann möglich, wenn möglichst alle Kinder eines Viertels dieselbe Volksschule besuchen und dort gleichmäßig auf die Klassen verteilt werden. In der Realität sammeln sich immer mehr Kinder aus „bildungsnahen“ Familien in Privat- und Alternativschulen und in öffentlichen Schulen, oder einzelnen Klassen, mit „gutem Ruf“.

„Wir reden links (oder wenigstens linksliberal) - aber wir leben bisweilen rechts“, drückt es der deutsche Soziologe Armin Nassehi aus. Gerade Menschen aus gesellschaftspolitisch liberalen Schichten würden soziale Brennpunkte meiden, gerade junge Familien darauf achten, dass ihre Kinder „in schicht- und kulturadäquaten Umfeldern beschult werden“.

Ein hoher Migrantenanteil sei in diesen Milieus „prinzipiell kein Problem und sogar eine Bereicherung", schrieb Nassehi 2015 in seinem Buch „Die letzte Stunde der Wahrheit“. „Konkret aber wird eine Schule gewählt, in der sich das verhindern lässt - und wenn es nur sekundär darüber geregelt wird, dass hohe Schulkosten recht eindeutig mit kultureller Mittelschichtorientierung korrelieren.“

Lehrende besser unterstützen

Doch was ist eigentlich so schlimm daran, wenn mein Kind in eine Klasse geht, in der beispielsweise zwei Drittel noch nicht gut Deutsch können? „Gar nichts“, sagt Busch. Voraussetzung sei jedoch, dass die Verschiedenartigkeit nicht als Mangel angesehen wird und die Lehrenden mit der Situation umgehen können.

„Wenn Lehrende heillos überfordert sind, ist es aber natürlich ein Nachteil. Es geht also darum, wie man Pädagogen so stützen kann, dass sie das Gefühl haben, sie sind gerüstet, in so einer Klasse zu unterrichten.“ Eltern würden mit möglichen Ängsten bei der Entscheidung für eine Schule oft alleine gelassen, die Information bei der Schuleinschreibung reiche für viele nicht aus.

„Unerreichbares Muttersprachenideal“

In den kommenden zwei Wochen werden an Österreichs Volksschulen wieder viele Kinder eingeschult, die die Unterrichtssprache Deutsch noch nicht perfekt beherrschen. Kinder, die mehrmals täglich zwischen zwei oder mehr Sprachen hin und her wechseln und dabei nicht selten erleben, dass ihre Familiensprache in der Schule und im öffentlichen Raum eher als Störung denn als Zusatzkompetenz betrachtet wird.

Gerade beim Deutschlernen winke für diese Kinder höchstens das Lob, dass sie gut gelernt haben, sagt Busch. Sie könnten aber per Definition nie Muttersprachler werden. „Deutsch mit Akzent ist ein genauso gutes Deutsch wie Deutsch ohne Akzent“, so die Sprachwissenschaftlerin. Im „für viele Kinder unerreichbaren Muttersprachenideal“ sieht sie ein Problem, die dahinterstehenden Sprachideologien seien „gefährlich“.

Deutschkenntnisse sind nicht alles

Ein wertschätzender Umgang mit den sprachlichen Ressourcen, die die Kinder mitbringen, ist für Busch daher das Um und Auf. Kinder dürften nicht ständig daran gemessen werden, wie gut sie schon Deutsch können: „Je mehr das Deutschlernen mit Druck verbunden ist, desto schwieriger ist es.“ Es sei wichtig, Kindern zu vermitteln, dass sich Erfolge vielleicht nicht so schnell einstellen. „Wir kennen das doch alle, dass Sprachenlernen mit Höhen und Tiefen verbunden ist“, so Busch.

Kinder müssten vielmehr vermittelt bekommen, dass man ihnen neben den Deutschkenntnissen auch sehr vieles anderes zutraut, denn: „Wenn man immer daran gemessen wird, was man nicht ausreichend kann, verliert man das Selbstvertrauen. Das kann zu einem Rückzug, zu einem Verstummen oder auch zu aggressivem Verhalten führen.“

Förderunterricht „besser auf das Kind abstimmen“

Wie aber die Bildungschancen für Schülerinnen und Schüler erhöhen, insbesondere für jene, die von zu Hause wenig gefördert werden? Wie die Lehrenden besser in ihrer Arbeit unterstützen? Und wie die Volksschule ums Eck für Familien attraktiv machen, die sich aus dem öffentlichen Schulsystem verabschiedet haben?

5.000 Lehrende zusätzlich

Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) stellte am Montag einen Plan vor, wonach in den kommenden drei bis vier Jahren an rund 520 Schulstandorten mit vielen sozial benachteiligten Schülern 5.000 zusätzliche Pädagoginnen und Pädagogen tätig werden sollen. Bereits ab Herbst werde zudem etwa 500 Schulen, die bei den Bildungsstandards unter ihrem Potenzial abschneiden, mit einem eigenen Maßnahmenpaket geholfen.

Konkreten Verbesserungsbedarf sieht Busch im Förderunterricht. Dieser müsse mehr auf die Bedürfnisse der Kinder abgestimmt werden. Schließlich könne man durch Sprachstandserhebungen genau sehen, „wo die Kinder stehen und was man tun kann, um auf das einzelne Kind einzugehen“. Vieles lasse sich dann innerhalb der Klasse lösen, „also ohne dass das Kind aus dem Unterricht genommen werden muss“.

„Am Anfang des Bildungswegs investieren"

Probleme an vielen Schulen würden zu einem großen Teil dadurch entstehen, dass der Umgang mit Mehrsprachigkeit bei der Lehrerausbildung nicht Pflicht ist. Lehrende seien oft nicht sicher genug, wie sie mit sprachlich heterogenen Klassen umgehen sollen, so die Sprachwissenschaftlerin: „Sie haben oft nicht genug Informationen, zum Beispiel darüber, wie Spracherwerb in einer mehrsprachigen Umgebung funktioniert.“

Junge Lehrerinnen und Lehrer würden ohne das nötige Rüstzeug an die Schulen kommen. „Solange man nicht wahrnimmt, dass die real existierende Mehrsprachigkeit da ist, und sich überlegt, wie wir damit umgehen, so lange wird das ein Problem bleiben“, sagt Busch. „Man kann das ja nicht wegdiskutieren. Und es ist ja nicht nur in Wien oder in Österreich so, sondern fast überall auf der Welt.“

Man müsse am Anfang des Bildungsweges, in den Volksschulen, in gute Förderung investieren: „Kleine Klassen, mehr Lehrkräfte. Das macht sich a la longue bezahlt“.

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