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Außerordentliche Explosionskraft

Nordkorea hat am Sonntag nach eigenen Angaben eine Wasserstoffbombe gezündet. Der Test sei ein „absoluter Erfolg“ gewesen, meldete das Staatsfernsehen. Wasserstoffbomben sind potenziell besonders verheerende Nuklearwaffen, mit denen sich weit stärkere Explosionen erzeugen lassen als mit herkömmlichen Atombomben.

Ein Erdbeben in Nordkorea hatte zuvor Befürchtungen über einen möglichen neuen Atomtest ausgelöst. Nach chinesischen Angaben habe der Zwischenfall Erdstöße der Stärke 6,3 ausgelöst, später wurde ein weiteres Beben der Stärke 4,7 gemessen. Sollten sich die Berichte bestätigen, könnte es damit der bisher stärkste von den bis heute sechs Atomwaffentests Nordkoreas gewesen sein, den ersten meldete das isolierte Land im Jahr 2006.

Fußgänger in Tokio passiert einen Fernseher in einer Auslage, mit dem Bericht über den Atomtest

APA/AP/Eugene Hoshiko

Die unterirdischen Erdstöße waren weithin spürbar

Spannungen spitzen sich zu

Der Test stellt eine massive Provokation des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un in den stark gewachsenen Spannungen mit den USA und den Ländern in der Region dar. US-Präsident Donald Trump hat „militärische Optionen“ nicht ausgeschlossen, um Nordkorea daran zu hindern, sein Atom- und Raketenprogramm weiterzuentwickeln. Auch hatte der US-Präsident mit „Feuer und Wut“ gedroht, was Sorgen vor einem verheerenden bewaffneten Konflikt anfachte.

Der befürchtete Atomversuch folgte auf den Test vergangene Woche mit einer Rakete, die über Japan geflogen war. Die USA beraten gerade mit Japan und auch den Mitgliedern im Weltsicherheitsrat über neue Sanktionen und Gegenmaßnahmen. Peking spielt hier eine wichtige Rolle, weil rund 90 Prozent des Handels mit dem isolierten Land über China läuft.

Grafik zeigt Karte von Nordkorea

Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA/BBC

Südkorea ruft nach „schärfster Bestrafung“

Mit dem neuerlichen Test nimmt Nordkorea eine weitere Isolierung in Kauf. Der südkoreanische Staatschef Moon Jae In forderte die „schärfste Bestrafung“ der Regierung in Pjöngjang. Der UN-Sicherheitsrat müsse weitere Sanktionen verhängen, um Nordkorea „vollständig zu isolieren“. Moon kündigte an, mit dem Verbündeten USA über die Entsendung der „stärksten strategischen Potenziale des US-Militärs“ zu sprechen. Möglicherweise waren damit taktische Nuklearwaffen gemeint, die Washington 1991 aus Südkorea abgezogen hatte.

Das chinesische Außenministerium erklärte seine „entschiedene Ablehnung und scharfe Verurteilung“ des nordkoreanischen Vorgehens. Die Volksrepublik China hatte bereits im vergangenen Monat den neuen scharfen Strafmaßnahmen des UNO-Sicherheitsrats zugestimmt. Die japanische Regierung legte scharfen Protest bei der nordkoreanischen Botschaft in Peking ein. Das russische Außenministerium warf Nordkorea eine „demonstrative Missachtung“ der Vorgaben des UNO-Sicherheitsrats vor. Das verdiene „die schärfste Verurteilung“.

„Feindlich und gefährlich für die USA“

Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Emmanuel Macron forderten härtere Sanktionen der EU. „Diese jüngste Provokation des Machthabers in Pjöngjang hat eine neue Dimension erreicht“, heißt es in einer Erklärung, die die deutsche Regierung nach einem Telefonat Merkels mit Macron veröffentlichte. Beide seien sich einig, dass Nordkorea das internationale Recht mit Füßen trete und die Staatengemeinschaft auf diese erneute Eskalation geschlossen und entschieden reagieren müsse. Neben dem UNO-Sicherheitsrat sei auch die Europäische Union gefragt.

US-Präsident Donald Trump bezeichnete den Test als „sehr feindlich und gefährlich“ für die USA. Pjöngjang sei eine „große Bedrohung und Peinlichkeit“ auch für China, „das versucht zu helfen, aber mit wenig Erfolg“, schrieb Trump im Kurzbotschaftendienst Twitter. Eine Politik der Befriedung mit Pjöngjang „funktioniert nicht“.

Beratungen am BRICS-Gipfel

Die Nordkorea-Krise überschattet auch den Sonntag beginnenden jährlichen Gipfel der BRICS-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika in der südostchinesischen Stadt Xiamen. Dazu wird auch Russlands Präsident Wladimir Putin in China erwartet. Vor allem in den bilateralen Gesprächen von Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping mit Putin und den anderen Staats- und Regierungschefs dürften Nordkoreas Atomtests eine Rolle spielen.

Weit stärker als Atombombe

Die Wasserstoffbombe, auch H-Bombe genannt, wurde unter Leitung von Edward Teller in den USA entwickelt und erstmals 1952 auf einem Atoll im Pazifik gezündet. Die Sprengkraft ist noch um ein Vielfaches größer als bei einer Atombombe. Sie setzt Energie aus einer Kernfusion frei, bei der unter anderem die Wasserstoff-Isotope Deuterium und Tritium zu Helium verschmelzen. Zur Zündung des Gemischs sind mehr als 100 Millionen Grad erforderlich.

Nur Stunden vor dem befürchteten Atomversuch hatte Nordkoreas Machthaber verkündet, sein Land habe jetzt auch eine Wasserstoffbombe entwickelt, mit der eine Interkontinentalrakete (ICBM) bestückt werden könne. Kim habe bei einem Besuch im staatlichen Atomwaffeninstitut eine H-Bombe inspiziert, die auf eine ICBM montiert werden sollte, berichteten die Staatsmedien am Sonntag.

Technologie weiter entwickelt als gedacht

Das Institut habe damit den Vorgaben der herrschenden Arbeiterpartei entsprochen, einen Durchbruch bei der atomaren Bewaffnung zu erzielen. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen. Es hieß, der Fortschritt basiere auf dem Erfolg, den das Land mit seinem ersten Wasserstoffbombentest im Januar des vergangenen Jahres erzielt habe. Ob es damals tatsächlich ein Test mit einer Wasserstoffbombe war, konnte bisher nicht unabhängig bestätigt werden.

Die USA verfolgen die Entwicklung der Atomsprengköpfe und der Interkontinentalraketen mit besonderer Sorge, weil sie einen Schlag gegen amerikanisches Territorium befürchten. Die Bestückung einer Langstreckenrakete wie auch ein Test einer Wasserstoffbombe wären weitere große Fortschritte im Atom- und Raketenprogramm des Landes, das seit Jahren strengen internationalen Sanktionen unterworfen ist.

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un

APA/AP/Wong Maye-E

Kim setzte erneut eine gezielte Provokation

Bisher wurde angezweifelt, dass Nordkorea bereits über die Technologie verfügt, einen Sprengkopf so zu verkleinern, dass er auf eine Rakete passt. Auch ist schwierig, dass ein solcher Sprengkopf den Wiedereintritt der Rakete in die Erdatmosphäre übersteht. Die Explosionskraft einer Wasserstoffbombe oder H-Bombe ist um ein Vielfaches höher als bei einer herkömmlichen Atombombe.

Kim: „Stolz auf unbezwingbare Stärkung“

Das diplomatisch isolierte Nordkorea hat den USA und Südkorea schon mehrfach mit einem präventiven Atomschlag gedroht. Mehrfach wurde die US-Pazifikinsel Guam ins Visier genommen, wo die USA einen großen Militärstützpunkt unterhalten.

Bilder der nordkoreanischen Medien zeigten am Sonntag ein Foto von Kim und hochrangigen Parteifunktionären mit einem runden silbernen Behälter, der angeblich den Sprengkopf für die Rakete zeigt. Er sei „stolz auf die unbezwingbare Stärkung“ der Atomstreitkräfte, wurde Kim zitiert. Nach offizieller Darstellung lässt sich die Sprengkraft der neuen Waffe von Dutzenden Kilotonnen „bis mehrere hundert Kilotonnen“ variieren.

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