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Rekord mit Schattenseiten

Australien gilt als Wunderland des Wirtschaftswachstums. Seit 104 Quartalen bzw. mehr als 25 Jahren wächst die Wirtschaft bisher unaufhaltsam. Das zeigen auch die nun veröffentlichten Zahlen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) für das vergangene Quartal lag im Vergleich zu den drei Monaten zuvor um 0,8 Prozent darüber. Australien ist damit der unangefochtene globale Wachstumsweltrekordhalter.

Den Rekord hielten bisher die Niederlande mit 103 Quartalen in den Jahren 1982 bis 2008, wie die dpa schreibt. Vor allem höhere Konsumausgaben und Industrieproduktion trugen zum erneuten Wachstum bei.

Steigende Bevölkerung als Triebkraft

Die Gründe für das stetige Wirtschaftswachstum sind vielfältig. Australien litt zwar auch an der Banken- und Wirtschaftskrise sowie an dem Verfall der Rohstoffpreise, konnte diese Einbrüche aber offensichtlich schneller als andere Länder überwinden.

Australier machen Joga vor der Skyline von Sydney

Reuters/Tim Wimborne

Die Skyline der Millionen- und Wirtschaftsmetropole Sydney, im Vordergrund Yoga-Enthusiasten im Park

So ist in Australien die Bevölkerung in den letzten Jahren kräftig gewachsen. Von 17 Millionen im Jahr 1990 auf nun knapp über 24 Millionen. Der Zeitraum ist damit so gut wie ident mit dem ununterbrochenen Wirtschaftswachstum von 1991 an, als die letzte Rezession in dem Land war. Mit der steigenden Bevölkerung sind naturgemäß auch die Binnennachfrage und der Konsum angewachsen. Als Schlüssel zu dem jahrzehntelangen australischen Erfolgsmodell gelten auch die Arbeitsmarktreform und die Geldpolitik.

Größter Nutznießer von Chinas Wachstum

Bei den Exporten konzentriert man sich auf Asien. Kein anderes Land hat von dem chinesischen Wirtschaftswachstum so profitiert wie Australien. Einerseits ist China hungrig nach Rohstoffen und Agrargütern, rund ein Drittel der australischen Exporte gehen laut Experten nach China, das damit auch der wichtigste Handelspartner ist. Andererseits investieren und expandieren chinesische Firmen auch nach Australien. Von Großaufkäufen von Farmen für Getreideanbau über Viehzucht bis hin zu den Immobilienmärkten in den Städten sind chinesischen Unternehmen und Konzerne aktiv.

Die „Tyrannei der Entfernung“

Laut Experten könnte das Wachstum vor allem bei den Exporten von Rohstoffen noch weitaus höher sein. Nicht zufällig ist auch der weltgrößte Bergbaukonzern BHP Billiton in Australien ansässig. Doch die lukrativen Märkte Europa und USA liegen einfach zu weit weg. So schreibt die Website The Conversation von einer „Tyrannei der Entfernung“. Gebe es dieses gravierende Problem nicht, wäre die Exportrate für Rohstoffe noch um 20 bis 30 Prozent höher, so die Schätzung.

Die Entfernung zu Europa und den USA ist dagegen ein Faktor, der auf dem Bildungsmarkt von Vorteil ist. Durch die Nähe zu Asien herrscht ein Boom auf dem Bildungssektor. Immer mehr Eltern aus Asien schicken ihre Kinder in Internate und Universitäten nach Australien. Die Bildungseinrichtungen sind im Vergleich zum weit entfernten Europa und zu den USA günstiger, so Experten.

Peking als gewichtige Stimme

Doch die Abhängigkeit von China hat auch ihre Schattenseiten, ist man dadurch zumindest indirekt auch von politisch-wirtschaftlichen Entscheidungen in Peking abhängig. So will die chinesische Regierung die Auslandsinvestitionen von Chinesen einschränken. Eine Tendenz, die auch Australien künftig zu spüren bekommen könnte. Auch mehren sich die kritischen Stimmen in Australien gegen die chinesischen Investitionen, die von der Abhängigkeit warnen.

Bauwirtschaft lässt nach

Die öffentlich-rechtliche australische Sendeanstalt Australian Broadcasting Corporation (ABC) dämpfte unterdessen in einem Bericht auf ihrer Website die Wirtschaftswachstumseuphorie. Es gebe bereits Anzeichen, dass das Niveau des Wachstums nicht mehr länger haltbar sei. So lag beim Konsum im letzten Quartal der stärkste Zuwachs bei den Ausgaben für Lebensmittel, Kleidung und Möbel, beruft sich ABC auf die australische Statistikbehörde ABS.

Leicht rückgängig waren hingegen die privaten sowie geschäftlichen Investitionen in den Wohnungs- und Häusermarkt. Aufgrund der steigenden Bevölkerung war bisher auch das Wachstum der Bauwirtschaft dementsprechend. Die letzten Zahlen zeigen ein im Vergleich leicht bescheideneres Wachstum.

Das Ersparte wird weniger

Das Wachstum des Konsums ging sich - und hier beginnt die Sorge der Experten - nur aufgrund der Rückgänge bei den Ersparnissen der privaten Haushalte aus. Das heißt, Teile des Konsums wurden über das Ersparte finanziert. Sollte die Tendenz mittelfristig weitergehen, sei ein Einbruch im Wirtschaftswachstum sehr wahrscheinlich. Die australische Website Business Insider stößt in das gleiche Horn.

Kritik mehrt sich in australischen Medien auch an der Verteilung des Vorzeigewachstums. Experten verweisen dabei auf die große und immer größer werdende Einkommenskluft. Viele Australier hätten das Gefühl, vom Wohlstand ausgeschlossen zu sein und nicht am Wirtschaftswachstum teilzuhaben, schreibt etwa der Australien-Korrespondent der Nachrichtenagentur AP, Rod McGuirk. Er sieht dahinter das Problem des „geheimen Antriebs“ des australischen Wirtschaftserfolges - des weiter steigenden Bevölkerungswachstums.

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