Themenüberblick

„Dann kommt das Wasser“

Hurrikan „Irma“ hat auf seinem Zug durch Florida etwas an Kraft verloren. Das US-Hurrikanzentrum stufte ihn am frühen Sonntagnachmittag auf Kategorie drei ein. Das macht den Sturm aber kaum weniger gefährlich. Die größte Gefahr droht vermutlich nicht durch den Wind sondern durch das Wasser.

Die gigantischen Ausmaße des Sturms führten in Florida zu einer kuriosen Situation: Auf seiner „rechten“ Seite, also an der Ostküste, sorgte der riesengroße Wirbel für erste Überflutungen. Auf Bildern und Videos war zu sehen, wie sich Wassermassen durch die Innenstadt Miamis wälzen. Zugleich entwickelten sich an der Ostküste mehrere Tornados. Auch für die Metropole Miami wurde eine Tornadowarnung herausgegeben.

Der Miami River tritt in Miami über die Ufer

Reuters/Carlos Barria

Land unter in Miami: „Irma“ brachte Wassermassen in die Millionenmetropole

An seiner „linken“ Seite drückte der Wirbelsturm das Wasser zunächst von der Westküste weg. Bilder zeigten leere Hafenbecken; andernorts hatte sich das Wasser meterweit von der Strandpromenade entfernt. Meteorologen warnten aber, dass das Wasser in einer Art gewaltigen Schaukelbewegung zurück an die Westküste kommen sollte, während es im Osten dann zurückfließen würde. Die verbliebenen Menschen an der Westküste bereiteten sich auf bis zu 4,5 Meter hohe Sturmfluten vor.

„Eigene Version, wie Hölle aussieht“

„Das Schlimmste kommt, wenn das Auge durchgezogen ist - dann kommt das Wasser“, sagte ein Meteorologe bei CNN. An der Westküste könnte die Situation vor allem in der Gegend um die Tampa Bay, eine Bucht des Golfs von Mexiko, kritisch werden. In der Region münden mehrere Flüsse ins Meer, das macht sie noch anfälliger für Überschwemmungen.

Kurs Richtung Tampa

„Irma“, der stärkste jemals über dem Atlantik gemessene Hurrikan, hat am Sonntag die Südspitze Floridas erreicht. Durch Kursänderungen sind nun auch nicht vorbereitete Städte wie Naples oder Tampa bedroht.

Experten gehen davon aus, dass die Stadt und die umliegenden Bezirke schlecht gerüstet sind für einen Hurrikan. Auch der Bürgermeister von Tampa zeichnete bereits ein düsteres Bild: „Wir werden unsere eigene Version davon bekommen, wie die Hölle aussieht“, sagte Bob Buckhorn. Er erließ für die Nacht eine Ausgangssperre in der Stadt. Eine solche gilt auch für weitere Städte an der Westküste.

Über zwei Millionen Menschen ohne Strom

Bis Sonntagnachmittag fiel bei über zwei Millionen Menschen der Strom aus. Weitere Energieausfälle wurden erwartet, je weiter „Irma“ Richtung Nord zog. Bei vom Wetter mitverursachten Verkehrsunfällen starben bisher drei Menschen. Insgesamt hatte der Hurrikan bei seinem Weg durch die Karibik mehr als 20 Menschenleben gefordert.

Karte vom Hurrikan Irma

Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA/NOAA

In Florida hatten die Behörden Angesichts des Hurrikans 6,5 Mio. Menschen zur Flucht aufgerufen. Das entspricht rund 30 Prozent der Bevölkerung des Bundesstaates. Mehr als 120.000 Menschen harrten seit der Nacht zu Sonntag in Notunterkünften aus. Florida sei insgesamt gut auf den Hurrikan vorbereitet, sagte der Gouverneur des Bundesstaates, Rick Scott. Man dürfe den Sturm jedoch auf keinen Fall unterschätzen.

Nationalgarde mobilisiert

Der Gouverneur mobilisierte 7.000 Mitglieder der Nationalgarde. Gegenüber dem Nachrichtensender Fox News sagte Scott, US-Präsident Donald Trump habe ihm alle nötigen Mittel zugesichert. Laut dem Weißen Haus ließ sich der US-Präsident in seinem Ferienhaus in Maryland regelmäßig über die Lage informieren. Am Samstag hatte der Präsident an die Menschen in den betroffenen Gebieten appelliert, den Anweisungen der Behörden Folge zu leisten.

Aussitzen des Sturms

Robert Uitz-Dallinger berichtet aus Miami über die letzten Stunden mit Hurrikan „Irma“. Die Straßen in der Stadt sind leer, die meisten Menschen warten zuhause, dass der Sturm zu Ende geht.

Auch in den benachbarten Bundesstaaten wurde der Notstand ausgerufen. Für einige Gebiete im Süden von Georgia galten Hurrikan-Warnungen. In Alabama mobilisierte Gouverneur Kay Ivey vorsorglich die Nationalgarde. „Irma“ sollte nach letzten Prognosen bis zum Wochenbeginn als tropischer Sturm sintflutartigen Regen mindestens bis nach Alabama und Georgia bringen.

Schwere Schäden an Kubas Küste

Am Samstag war das Zentrum von „Irma“ auf das Camagüey-Archipel an der Nordküste Kubas getroffen. Dabei legte der Hurrikan noch einmal an Stärke zu und wurde vom Warnzentrum vorübergehend auf die höchste Kategorie fünf hinaufgestuft. Danach zog „Irma“ als Sturm der Kategorie vier an Kuba entlang.

Personen auf überfluteter Straße in der kubanischen Hauptstadt Havanna

APA/AFP/Yamil Lage

„Irma“ hinterließ in Kuba schwere Überschwemmungen

An der Nordküste kam es zu Überschwemmungen und Stromausfällen. Nach Angaben des kubanischen Wetterdienstes löste der Wirbelsturm bis zu sieben Meter hohe Wellen aus. Die Hilfsorganisation Caritas International befürchtet große Schäden, auch Ernteverluste durch Überschwemmungen.

"Im Jahr 2012 hatte Hurrikan „Sandy" einen fast identischen Weg über Kuba genommen und 200.000 Häuser zerstört oder beschädigt“, so der Kuba-Referent von Caritas International, Kilian Linder. „Damals waren Windgeschwindigkeiten von bis zu 180 Stundenkilometern gemessen worden, diesmal waren es bis zu 260 Stundenkilometer. Wir vermuten deshalb, dass die Schäden bei diesem gigantischen Sturm deutlich schwerer ausfallen werden“, erklärte Linder.

Hoffnung mache aber, dass der Katastrophenschutz auf Kuba gut funktioniere und die Menschen in Notunterkünften in der Regel relativ gut Schutz fänden. Vorsorglich waren nach Behördenangaben mehr als eine Million Menschen in Sicherheit gebracht worden.

„Jose“ verschonte Inseln

Erste Erleichterung machte sich auf den zuvor von „Irma“ schwer verwüsteten französischen Überseegebieten Saint-Martin und Saint-Barthelemy in der Karibik breit. Hurrikane „Jose“, der sich den Inseln genähert hatte, änderte seinen Kurs Richtung Norden und zog in der Nacht auf Sonntag an ihnen vorbei. Frankreichs Wetterdienst hatte für die Überseegebiete die höchste Sturm-Warnstufe ausgerufen. Doch kurz vor Mitternacht (Ortszeit) kam die Entwarnung: Das Zentrum des Hurrikans der zweithöchsten Kategorie vier sei 125 Kilometer nördlich von Saint-Martin.

Die Lokalbehörden hatten an Samstag eine nächtliche Ausgangssperre angeordnet. Die bei Touristen beliebten Inseln waren vor wenigen Tagen von Hurrikan „Irma“ schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. In den französischen Überseegebieten starben mindestens neun Menschen. Saint-Martin ist der nördliche Teil einer Insel, der südliche gehört zu den Niederlanden.

Der französische Präsident Emmanuel Macron wird am Dienstag nach Saint-Martin reisen. Macron werde am Dienstag in der Früh „mit Hilfsgütern und Verstärkung“ in die Karibik aufbrechen, sagte Innenminister Gerard Collomb am Sonntag nach einem Treffen mit dem Präsidenten im Elysee-Palast. Bereits einen Tag vorher wird der niederländische König Willem-Alexander Saint-Martin besuchen. Er traf bereit am Sonntag auf der niederländischen Insel Curacao ein, von wo er weiter nach Saint-Martin reisen wird.

Links: