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UNO wird Zugang verweigert

Die Vereinten Nationen haben das Vorgehen Myanmars gegen die muslimische Minderheit der Rohingya scharf verurteilt. „Die Situation scheint aus einem Lehrbuch für ‚ethnische Säuberungen‘ zu stammen“, sagte der UNO-Hochkommissar für Menschenrechte, Seid Raad al-Hussein, am Montag in Genf.

Da die Regierung in Myanmar Menschenrechtsbeobachtern den Zugang verweigere, sei kein umfassendes Bild der Lage möglich, so Hussein weiter. Allen Erkenntnissen nach sei die Situation aber ein „Musterbeispiel für ethnische Säuberung“.

Flüchltinge

APA/AFP/Munir uz Zaman

Rohingya kommen in einem Flüchtlingscamp in Bangladesch an

Militäreinsatz „unverhältnismäßig“

Er rief die Regierung Myanmars auf, die „brutale Militäroperation“ zu beenden, die Verantwortung für die Gewalt zu übernehmen sowie die schwere und weit verbreitete Diskriminierung gegenüber den Rohingya einzustellen. Der Einsatz in der Provinz Rakhine sei eindeutig unverhältnismäßig gegenüber den Angriffen von Aufständischen im vergangenen Monat und verstoße gegen „grundlegende Prinzipien des internationalen Rechts“.

Karte zeigt Rhakine in Myanmar

Omniscale/OSM/ORF.at

UNO geht mit Nobelpreisträgerin hart ins Gericht

Der UNO lägen zahlreiche Berichte und Satellitenbilder vor, die Soldaten und örtliche Milizen beim Niederbrennen von Rohingya-Dörfern zeigten. Zudem gebe es übereinstimmende Berichte über außergerichtliche Tötungen und Schüsse auf fliehende Zivilisten. Die Regierung müsse Rechenschaft ablegen über alle Verstöße der Armee. Die „schwere und weit verbreitete“ Diskriminierung der Rohingya-Bevölkerung müsse beendet werden. Auch Menschenrechtsorganisationen warfen der Regierung bereits eine systematische Kampagne vor, um die Rohingya aus dem Land zu vertreiben.

Die Regierung dürfe nicht länger „so tun, als ob die Rohingya ihre Häuser selbst anzünden und ihre Dörfer selbst verwüsten würden“, so Hussein weiter. Mit ihrer „kompletten Realitätsverleugnung“ füge die Regierung von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi ihrem internationalen Ansehen großen Schaden zu, nachdem sie lange Zeit von einem „immensen guten Willen“ der Weltgemeinschaft profitiert habe. Myanmar müsse UNO-Menschenrechtsbeobachtern umgehend Zugang gewähren, damit diese die Lage dort untersuchen könnten.

Suu Kyi: Eisberg an Fehlinformationen

Suu Kyi hatte sich erstmals am Mittwoch zu Wort gemeldet. Die Kritik basiere auf einem „Eisberg an Fehlinformationen“, so Suu Kyi. Sie warf dem Ausland in einem Statement auf Facebook vor, eine „Menge Probleme zwischen verschiedenen Staaten“ zu schaffen und mit ihrer Unterstützung für die Rohingya den „Interessen von Terroristen“ zu dienen.

Rohingya-Rebellen riefen Waffenruhe aus

Unterdessen rief die Rohingya-Rebellengruppe Arakan Rohingya Salvation Army (ARSA) mit Sonntag einseitig eine einmonatige Waffenruhe aus. Damit wollte ARSA nach eigenen Angaben Helfern ermöglichen, auch zu den im Nordwesten von Myanmar Verbliebenen vorzudringen. Das Militär sagte indes, man gehe nur gegen militante Rohingya vor und nicht gegen Zivilisten.

Satelittenbilder zeigen das Ausmaß der Zerstörungen

AP/Human Rights Watch

Die Infrarotsatellitenaufnahme zeigt die Stadt Maungdaw im Rohingya-Gebiet am 30. Jänner 2014 und am 2. September 2017: Laut Human Rights Watch zeigt die rechte Karte die Zerstörung der Rohingya-Häuser.

Auslöser der jüngsten Unruhen waren koordinierte Rebellenangriffe am 25. August auf Dutzende Polizeiwachen sowie eine Armeekaserne. ARSA bekannte sich zu den Attacken, die eine große Gegenoffensive der Armee zur Folge hatten. Die Regierung in Rangun stuft ARSA als Terrororganisation ein. Bei den Kämpfen starben bisher mindestens 400 Menschen.

Ein bewaffneter Soldat und ein bewaffneter Polizist patroulliern auf einer Straße in Myanmar

Reuters/Soe Zeya Tun

Ein Soldat und ein Polizist bei einer Patrouille

Flüchtlinge berichten von Gräueltaten

Zahlreiche Rohingya flüchteten schon aus Myanmar. In Bangladesch suchten in den vergangenen zwei Wochen fast 300.000 weitere Angehörige der muslimischen Minderheit Zuflucht vor den Kämpfen in ihrer Heimat. Viele Geflohene berichteten von Brandstiftung und Tötungen in ihrer Heimat. Ganze Dörfer sollen zerstört worden sein. Beobachter sprachen davon, dass die Rohingya schon aus der Region Rathedaung in Rakhine vertrieben wurden. Die Vorgänge ließen sich zunächst nicht von unabhängiger Seite bestätigen.

Abgebranntes Haus in Myanmar

Reuters

Rohingya-Niederlassungen wurden niedergebrannt

Viele kommen „ohne alles“

Die Anzahl der Flüchtlinge bringt unterdessen die Kapazitäten in Bangladesch an ihre Grenzen. Viele kämen „ohne alles an“, sagte der für die Flüchtlinge zuständige Koordinator der Vereinten Nationen, Robert Watkins, in Bangladesch. Zwei Flüchtlingslager in Cox’s Bazar im Südosten des Landes seien überfüllt. Die meisten Ankommenden leiden Hunger sowie Durst und sind traumatisiert.

Flüchtlingscamp in Bangladesh

APA/AFP/K.M. Asad

Flüchtlingscamp in Bangladesch

Viele Rohingya sollen sich noch in den teils verminten Bergen und Wäldern auf dem Weg in die Flüchtlingslager befinden. Watkins rechnet nicht damit, dass bald weniger Flüchtlinge kommen werden. Die Hilfsorganisationen benötigten an Ort und Stelle umgehend 77 Millionen Dollar, sagte er in der Nacht auf Sonntag.

Staatszugehörigkeit verweigert

In dem überwiegend buddhistischen Land leben 1,1 Millionen Rohingya. Rakhine ist der ärmste Bundesstaat Myanmars und seit Jahren Schauplatz erheblicher Feinseligkeiten zwischen Buddhisten und Muslimen. Den Rohingya wurde 1982 die Staatsangehörigkeit im damals vom Militär beherrschten Myanmar aberkannt, sie wird ihnen auch heute weiter verweigert, zudem ist ihre Reisefreiheit eingeschränkt.

Flüchtlinge

APA/AFP/K.M. Asad

Rohingya auf der Flucht vor der Armee

Bangladesch ist mit der Flüchtlingsbewegung aus dem Nachbarland überfordert; bereits im Oktober 2016 lebten etwa 400.000 Rohingya-Flüchtlinge unter elenden Bedingungen in Camps an der Grenze zu Myanmar. Auch in Bangladesch werden die Rohingya als Staatenlose behandelt. Somit gelten sie als die größte staatenlose Volksgruppe der Welt.

Bangladesch befürchtet Radikalisierung

Der Dalai Lama, das geistliche Oberhaupt des tibetischen Buddhismus, zeigte sich über die Gewalt im buddhistischen Land gegen die muslimische Minderheit betroffen. „Die Menschen, die Muslime schikanieren, sollten an Buddha denken“, sagte der 82-Jährige am Wochenende - mehr dazu in religion.ORF.at.

Unterdessen wurden in Bangladesch Befürchtungen laut, dass sich Muslime angesichts der Geschehnisse im Nachbarland radikalisieren könnten. In Sozialen Netzwerken kursieren Bilder und Videos, die mutmaßliche Gewaltverbrechen gegen die Rohingya in Myanmar zeigten. Die heimische Islamistenszene könnte die Gewalt gegen die Muslime auch für Rekrutierungsversuche nutzen, sagte der Chef der Anti-Terror-Polizei von Dhaka, Monirul Islam. „Wir haben entsprechende Überwachungsmaßnahmen ergriffen.“

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