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„Erschreckende Zahlen“

Kinder und Jugendliche aus Subsahara-Afrika, die über die Libyen-Route nach Europa flüchten, werden zu einem alarmierend hohen Anteil Opfer von Gewalt. Details schildern das UNO-Kinderhilfswerk (UNICEF) und die Internationale Organisation für Migration (IOM) in einem neuen Bericht, der am Dienstag in Brüssel vorgestellt wurde. Das Leben auf der Flucht sei bestimmt von menschenfeindlichen und -verachtenden Zuständen - die Zahlen seien „erschreckend“.

Noch bevor sie die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer nach Europa unternehmen, machen den Angaben der beiden UNO-Organisationen zufolge fast vier von fünf Kinder „direkte Erfahrungen mit Misshandlung, Ausbeutung und Praktiken, die Menschenhandel gleichkommen können“, wie es im Bericht heißt. Zusätzlichen Gefahren seien junge Migranten aus Ländern südlich der Sahara ausgesetzt, wenn sie Opfer von Xenophobie und Rassismus werden.

22.000 Befragte

Die Angaben der Studie „Harrowing Journeys“ („Qualvolle Wege“) basieren auf Befragungen von 22.000 Flüchtlingen und Migranten - darunter jeweils 11.000 Kinder und Jugendliche sowie 11.000 junge Erwachsene. Befragt wurden nicht nur Menschen, die entlang der Libyen-Route nach Europa kamen, sondern ebenso jene, die über die Balkan-Route einreisten. Es zeigte sich, dass das Risiko für schwere Misshandlungen auf der Mittelmeer-Route sehr viel höher ist - bedingt durch dort aktive Milizen, grassierende Kriminalität und Gesetzlosigkeit.

Die Risikofaktoren seien bestimmt von den gewählten Fluchtrouten, dem Alter, der Herkunft und dem Bildungsgrad der Flüchtlinge sowie vom Umstand, ob sie sich alleine oder in einer Gruppe bewegen, hieß es anlässlich der Präsentation in Brüssel. „Aufgrund der hohen Zahl von Ankünften junger Flüchtlinge müssen unabhängig von ihrem Status nicht nur in Europa Lösungen für sie gefunden werden, sondern auch in den Ländern, die sie durchqueren und wo Missbrauch stattfindet“, so IOM-Europadirektor Eugenio Ambrosi gegenüber ORF.at in Brüssel.

Kinder sollen keine „vergessenen Opfer“ sein

„Entlang der Fluchtrouten müssen Kindern Zugang zu grundlegenden Services haben“, erklärte Sandie Blanchet von UNICEF in Brüssel gegenüber ORF.at. Das schließe ärztliche Versorgung, Wasser- und Sanitätsversorgung und Bildungsmöglichkeiten bei längerem Aufenthalt mit ein. Man brauche „Schutzkorridore“ und eine „echte Mobilisierung“ seitens afrikanischer und europäischer Staaten, Kinder dürften „keine vergessenen Opfer der Krise“ sein.

Die grundsätzlichen Bedürfnisse von Kindern müssen sowohl in Europa als auch in den Transitländern an erster Stelle stehen, das Thema sollte also „auf der Agenda ganz oben sein“, sagte IOM-Europachef Ambrosi zu ORF.at. Ohne die Einrichtung regulärer Migrationsmöglichkeiten und legaler Fluchtrouten blieben auch andere Maßnahmen relativ erfolglos. Auch gehe es in Europa darum, das Gefühl der „Gewohnheit in der Krise zu bekämpfen“.

Vorwurf wegen libyscher Flüchtlingslager

Die UNO hatte der EU in der vergangenen Woche vorgeworfen, die Augen vor der brutalen Realität in den libyschen Flüchtlingslagern zu verschließen, und sie aufgefordert, den Geflüchteten dringend Hilfe zu leisten. In einem UNHCR-Bericht hieß es unterdessen, 3,5 Millionen Flüchtlingskinder weltweit seien im vergangenen Jahr keinen einzigen Tag in der Schule gewesen. Das Hilfswerk forderte die Regierungen auf, die Mittel für die Bildung der Flüchtlinge im Alter von fünf bis 17 Jahren deutlich zu erhöhen.

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