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„Niemand ist nun glücklicher als Putin“

Hilary Clintons neues Buch „What Happened“ (zu Deutsch: „Was geschehen ist“) ist am Dienstag auf Englisch erschienen. Clinton beschreibt darin auf 469 Seiten, welche Gründe ihrer Meinung nach zu ihrer Wahlniederlage im Rennen um das Weiße Haus im Vorjahr führten. Das Buch ist auch eine Abrechnung mit ihrem Kontrahenten Donald Trump, eine Katharsis, wie Medien schrieben.

In den USA stieg das Buch gleich am ersten Verkaufstag auf Rang eins der Amazon-Bestsellerliste. „Ich denke, das Land ist in Gefahr, und ich versuche, Alarm zu schlagen, sodass mehr Menschen zumindest Notiz nehmen“, sagte Clinton im US-Rundfunk NPR über ihre Motivation, das Buch zu schreiben. Zu US-Präsident Trump sagte sie: „Ich denke, er versteht nicht einmal ansatzweise die strategische Gesamtlage in der Welt und was wir tun müssen, um uns vorzubereiten - deshalb werde ich nicht still sein.“

„Putin respektiert Frauen nicht“

Auch in „What Happened“ rechnet Clinton in diesem Stil mit Trump ab. Der „Boulevard-Schurke“ habe sich als „Rechtsaußen-Spinner“ neu erfunden. Trump habe „keinen ideologischen Kern außer seiner enormen Rücksicht auf sich selbst, die jede Hoffnung auf Lernen oder Wachsen vernichtet“.

Hillary Clinton, 2016

APA/AFP/Brendan Smialowski

Clinton, 2016: In den Umfragen führte sie, die Niederlage wurde erst am Wahlabend klar

Einen Teil des Buches widmet Clinton Russland, das aus ihrer Sicht das Ergebnis der Wahl beeinflusst hat. „Jetzt, da die Russen uns infiziert und gesehen haben, wie schwach unsere Verteidigung ist, werden sie das ausnutzen“, zitiert sie die „Chicago Tribune“. „Ihr ultimatives Ziel ist, die westliche Demokratie zu unterwandern, vielleicht sogar zu zerstören.“ Ihr Verhältnis zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin sei lange Zeit „ein saures“ gewesen. „Putin respektiert Frauen nicht und lehnt es ab, wenn jemand ihm die Stirn bietet. Ich bin also ein doppeltes Problem“, zitiert der britische „Guardian“ eine Passage.

Trump und der „Krieg gegen die Wahrheit“

Putin habe gegen sie eine „persönliche Vendetta“ entwickelt, schrieb Clinton. Als eine der Anwältinnen, die in den frühen 1970er Jahren bei der Untersuchung im Watergate-Skandal mitarbeitete, bewertet sie die heutigen Prüfungen zu den möglichen Russland-Kontakten des Trump-Teams im Wahlkampf als „weit ernsthafter“ als damals. „Dieser Mann ist jetzt Präsident der Vereinigten Staaten“, so Clinton. „Und niemand ist darüber glücklicher als Waldimir Putin.“

Auch Trumps Umgang mit Fakten ist Clinton ein Dorn im Auge. Sie spricht von einem „Krieg gegen die Wahrheit“ und zieht Parallelen zur Sowjetunion und George Orwells dystopischem Klassiker „1984“. „Zu versuchen, die Wirklichkeit zu definieren, ist eine Kerneigenschaft autoritärer Systeme“, so die 71-Jährige. „Das taten die Sowjets, als sie politische Dissidenten von historischen Fotos retuschierten. Das ist es, was in George Orwells Roman ‚1984‘ geschieht, wenn ein Folterknecht vier Finger in die Luft hält und so lange Elektroschocks verabreicht, bis der Gefangene wie angeordnet fünf Finger sieht.“ Das Ziel sei es, Logik und Vernunft infrage zu stellen und Misstrauen zu säen, so Clinton. Und Trump habe diese Strategie auf ein neues Level gehoben.

Sexismus in USA „endemisch“

Ein Kapitel des Buchs beschäftigt sich eingehend mit Sexismus in Gesellschaft und Politik. Für die Demokratin spielte Frauenfeindlichkeit im US-Wahlkampf 2016 keine unbedeutende Rolle. „Beweisstück A ist der Sieg eines schamlos sexistischen Kandidaten“, schreibt sie. Auch nachdem ein Tonband aufgetaucht war, auf dem Trump derb darüber sprach, Frauen sexuell zu belästigen, hätten viele Menschen ihm dennoch ihre Stimme gegeben. Der Immobilientycoon habe diese Haltung nicht erfunden, Sexismus sei in den USA „endemisch“, so Clinton. Jede Frau, die sich politisch äußere, könne davon erzählen. Es schmerze sie, aber „ich bin es gewöhnt. Ich habe mir zugelegt, was Eleanor Roosevelt Frauen in der Politik empfahl: eine Haut, so dick wie die eines Nashorns.“

Verantwortung für Fehler im Wahlkampf

Auch ihrem demokratischen Rivalen in den Vorwahlen, Bernie Sanders, wird im Buch Platz eingeräumt sowie dem früheren Chef der Bundespolizei FBI, James Comey, der den regelwidrigen Umgang der ehemaligen Außenministerin mit ihren E-Mails untersucht hatte. Die Schuld für ihre Niederlage sieht Clinton aber nicht zuletzt bei sich selbst. Sie „schultert die Vorwürfe früh und oft in ihrem Buch“, schrieb die „Chicago Tribune“. „Ich reflektiere über meine eigenen Unzulänglichkeiten und die Fehler, die wir machten. Ich übernehme die Verantwortung für sie alle.“ Man könne viele Faktoren für das Scheitern verantwortlich machen. „Aber ich war die Kandidatin, es war meine Kampagne, das waren meine Entscheidungen.“

Das Buch sei eine „aufrichtige und schwarzhumorige“ Beschreibung ihres Gemütszustands direkt nach der Niederlage gegen Trump, schrieb die „New York Times“ in ihrer Kritik über „What Happened“. Clinton bewege sich „zwischen Bereuen und gerechtem Ärger, manchmal in einem Absatz“, so die „Washington Post“.

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