Themenüberblick

„So etwas noch nie gesehen“

So wie im US-Bundesstaat Florida wird auch in der Karibik erst nach und nach immer deutlicher, welche Schäden der mittlerweile zum Tropensturm abgeschwächte Hurrikan „Irma“ hinterlassen hat. Mit Hilfszusagen im Gepäck machen sich nun auch der niederländische König Willem-Alexander und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ein Bild von der Lage in den von „Irma“ heimgesuchten Überseegebieten ihrer Länder.

Als Hurrikan der höchsten Stufe war „Irma“ vor knapp einer Woche unter anderem auch über die Region gezogen. „Das übersteigt alle Vorstellungskraft“, sagte am Dienstag König Willem-Alexander bei seinem Besuch im niederländischen Überseegebiet Sint Maarten und zeigte sich vom Ausmaß der Zerstörung erschüttert.

König Willem-Alexander Willem-Alexander und Minister Ronald Plasterk

APA/AFP/ANP/Vincent Jannink

Der Gouverneur von Sint Maarten, Eugene Holiday, zeigt dem auch für die Überseegebiete zuständigem niederländischen Innenminister Ronald Plasterk und Willem-Alexander (v. l. n. r.) einen von „Irma“ zerstörten Wassertank

„So etwas habe ich noch nie gesehen. Und ich habe ziemlich viel Naturgewalt und Kriegsgewalt gesehen“, so Willem-Alexander, der nach Angaben des Nachrichtenportals NOS am Montag an Bord eines niederländischen Militärflugzeugs die mit Frankreich geteilte Karibikinsel erreichte.

Willem-Alexander versprach Hilfe beim Wiederaufbau der Insel, die als autonomes Gebiet zum Königreich gehört. Auf seiner Reiseroute befanden sich neben Sint Maarten noch die zwei Antillen-Inseln Saba und St. Eustatius, die ebenfalls zu den niederländischen Überseegebieten zählen. Die niederländische Armee und das Rote Kreuz leisten dort bereits seit Tagen Nothilfe. Mit Marineschiffen und Armeeflugzeugen versorgen sie die rund 40.000 Einwohner mit Wasser, Nahrung und Zelten. Rund 500 Soldaten sorgen zudem für die öffentliche Ordnung nach Plünderungen und bewaffneten Überfällen.

Niederländisches Kriegsschiff im Hafen von Sint Maarten

APA/AP/Dutch Defense Ministry

Ein niederländisches Kriegsschiff im Hafen von Sint Maarten

„Größte Luftbrücke seit Zweitem Weltkrieg“

Auf Saint-Martin, also dem zu Frankreichs Überseegebieten zählenden nördlichen Teil der Insel, wurde am Dienstag unterdessen auch Emmanuel Macron und damit ein weiteres europäisches Staatsoberhaupt erwartet. Frankreichs Präsident traf am Dienstag zusammen mit Gesundheitsministerin Agnes Buzyn und Bildungsminister Jean-Michel Blaquer zunächst in Pointe-a-Pitre auf der Insel Guadeloupe ein, die neben Saint-Martin und der ebenfalls auf seiner Reiseroute stehenden Insel Saint-Barthelemy von „Irma“ schwer getroffen wurden.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron

APA/AP/Christophe Ena

Macron verspricht bei seiner Ankunft in Guadaloupe einen beispielhaften Wiederaufbau

Frankreich habe zur Versorgung der Hurrikan-Opfer bereits die größte Luftbrücke seit dem Zweiten Weltkrieg eingerichtet, wie Macron nach seiner Ankunft auf Guadaloupe sagte. Rund 1.900 bewaffnete Sicherheitskräfte seien bereits auf Saint-Martin und Saint-Barthelemy im Einsatz. Macron zufolge werde man weiter alles tun, damit die Bewohner so schnell wie möglich zu einem normalen Leben zurückkehren könnten.

Macron versprach in diesem Zusammenhang einen nachhaltigen und beispielhaften Wiederaufbau. Man habe alle möglichen Vorkehrungen getroffen, doch gegen das nicht Vorhersehbare könne man nichts Vorhersehbares unternehmen. Der Hurrikan sei mit Alarmstufe drei angekündigt worden, mit fünf sei er über die Inseln hinwegfegt. Damit reagierte Macron auf die seit Tagen anhaltende Kritik des Krisenmanagements der Regierung.

Großbritannien schickt Boris Johnson

Mit wachsender Kritik am Krisenmanagement in ihren Überseegebieten sieht sich auch die Londoner Regierung konfrontiert. Diese zu entkräften liegt laut „Independent“ nun an Außenminister Boris Johnson, der „in den kommenden Tagen“ ebenfalls in die Karibik reisen und dort die British Virgin Islands und Anguilla besuchen wolle.

Britische Soldaten in der Karibik

APA/AP/MOD

Vom britischen Verteidigungsministerium wurden Soldaten in die Karibik entsandt

Von der britischen Regierung wurden dem „Guardian“ zufolge bereits ein Schiff der Royal Navy, Soldaten und Experten in die Krisenregion entsandt. Im Fokus des Rettungseinsatzes stehen der Zeitung zufolge noch immer Evakuierungen - etwa sei die zu den British Virgin Islands zählende Insel Tortola derzeit nicht bewohnbar. Als weitere Bedrohung nannte die britische Regierung am Dienstag auch den Ausbruch von mehr als 100 Häftlingen aus einem teilweise zerstörten Gefängnis.

Zerstörtes Dorf in der Karibik

APA/AP/Ministry of Defence Crown/Cpl Darren Legg RLC

Teile der britischen Überseegebiete gelten nach „Irma“ als unbewohnbar

Nach Angaben des französischen Premiers Edouard Philipe wollen unterdessen auch viele Bewohner Saint-Martin und Saint-Barthelemey verlassen. Alte Menschen oder Familien mit kleinen Kindern haben dabei Vorrang, wie Philippe am Montag in Paris sagte. Ziele seien Guadeloupe oder das Mutterland Frankreich. Philipes Angaben zufolge könnten pro Tag 2.000 bis 2.500 Menschen in Sicherheit gebracht werden, sobald die Verkehrsverbindungen wiederhergestellt seien.

Auch Bransons Privatinsel verwüstet

„Irma“ richtete auch auf der zu den British Virgin Islands gehördenden Privatinsel Necker Island des britischen Milliardärs Richard Branson schwere Schäden an. „Der Großteil der Gebäude und der Vegetation wurde zerstört oder schwer beschädigt“, schrieb der 67-jährige Gründer des Virgin-Konzerns. Via Twitter postete Branson zudem Fotos, die das Ausmaß der Verwüstung zeigen.

Mindestens 37 Tote

„Irma“ war am vergangenen Mittwoch erstmals auf der kleinen Karibikinsel Barbuda an Land getroffen. Er war der stärkste jemals über dem Atlantik entstandene Hurrikan. Zudem hatte kein Hurrikan seit Beginn der Aufzeichnungen über einen so langen Zeitraum Windgeschwindigkeiten von fast 300 km/h erzeugt. Einige Gegenden in der Karibik wurden so schwer zerstört, dass sie als unbewohnbar gelten. Nach Angaben des US-Senders ABC gab es in der Karibik mindestens 37 Todesopfer, darunter zehn auf Kuba.

Am Wochenende erreichte „Irma“ schließlich den US-Bundesstaat Florida und zog zunächst über die Inselgruppe Florida Keys eine Spur der Verwüstung. Das Weiße Haus rechnete damit, dass geflohene Bewohner möglicherweise über Wochen nicht zurückkehren können. Es werde dauern, bis sich die Gegend von dem Sturm erholt habe, sagte der Heimatschutzberater des Weißen Hauses, Tom Bossert. US-Präsident Donald Trump kündigte an, am Donnerstag nach Florida zu reisen, um einige der stark zerstörten Gebiete zu besuchen. Eine genaue Reiseroute stand zunächst noch nicht fest.

Links: