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Das Buch vom unsichtbaren Sterben

Die Zeit, in der „Selbstmörder“ als Kriminelle und Sünder galten und nicht auf dem Friedhof bestattet werden durften, ist vorbei. Und trotzdem ist das Thema „Suizid“ noch nicht wirklich in der öffentlichen Debatte angekommen. Thomas Machos soeben bei Suhrkamp erschienener Band „Das Leben nehmen“ könnte helfen, das zu ändern.

Machos Werk ist 530 Seiten schwer und außen in seidenmattem Schwarz gehalten. Nur die Titelschrift glänzt in durchsichtigen Lettern. Erst wenn man das Buch hin und her schwenkt, kann man sie lesen: „Das Leben nehmen“. So verhält es sich laut Thomas Macho auch mit dem Thema Suizid in der westlichen Gesellschaft: Er bleibt oft unsichtbar, weil man noch keinen angemessenen Umgang damit gefunden hat. Und wird doch einmal darüber gesprochen, bleibt es bei Überlegungen, ob und wie ein Suizid zu verhindern gewesen wäre, und bei Warnungen vor potenziellen Folgetaten.

Kritik an der „Ansteckungstheorie“

Diese Angst vor Nachahmung nennt Macho in seinem Buch einen „Diskurs der Ansteckung“, der noch in den epochalen Erfahrungen von Pest und Cholera fuße. Denn diese Krankheiten waren durchaus noch bedrohlich, als Goethe 1774 „Die Leiden des jungen Werthers“ veröffentlichte, einen Briefroman, der mit dem Suizid des Helden endet und unzählige Nachahmer und Nachahmerinnen auf den Plan rief: Jugendliche, die es Werther gleichtaten und sich wie er entleibten, Lessings Drama „Emilia Galotti“ aufgeschlagen neben der eigenen Leiche. Damals entstand der Gedanke vom „ansteckenden Suizid“ und lebt bis heute fort.

Die Unbekannte aus der Seine

Die „Unbekannte aus der Seine“ (L’inconnu de la Seine) erlangte um 1900 Berühmtheit. Angeblich hatte ein Bestatter das Gesicht einer „Selbstmörderin“ in Wachs gegossen. Zahlreiche Gipskopien ihres geheimnisvollen Lächelns machten die Runde und inspirierten Künstler wie Rainer Maria Rilke, über die Todesumstände der jungen Frau zu spekulieren. Heute glauben Wissenschaftler, dass die „Totenmaske“ tatsächlich einer Lebenden abgenommen wurde.

Und Macho führt die Analogie weiter aus: Hielt man damals „faulige Luft, vergiftetes Brunnenwasser oder mysteriöse Bakterien“ für die Quelle von Pest und Cholera, so gebe man heute „Zeitungsnachrichten, Büchern, Filmen und Computerspielen“ die Schuld an Suiziden - und vielleicht, so deutet der Autor an, werde sich auch diese Theorie wie die von der faulen Luft als falsch herausstellen.

Thesen wider den Mainstream

In den Medien dürfte Machos mutige Sichtweise für eine emotionale Debatte sorgen, warnen doch Ärzte immer wieder vor der medialen Berichterstattung über Suizide, eben genau deshalb, weil sie aus ihrer Sicht Nachahmungstaten auslösen könnten. Was aber, wenn man den Suizid nicht länger als Tabu behandeln, sondern in der Öffentlichkeit nüchtern thematisieren würde? Thomas Macho wäre jedenfalls dafür.

Hilfe in Krisenfällen

In Krisenfällen bietet die Psychiatrische Soforthilfe unter 01/313 30 rund um die Uhr Rat und Unterstützung. Die österreichweite Telefonseelsorge ist ebenfalls jederzeit unter 142 gratis zu erreichen.

Sein Band „Das Leben nehmen“ ist ein Manifest dieser persönlichen Haltung, vor allem aber ist er eine unglaublich dichte Sammlung von Fallstudien, seien sie fiktional wie in den Filmen von Abel Gance, Robert Bresson oder Jean Luc Godard, als deren Connaisseur sich Macho erweist, oder eben historisch belegt. Denn natürlich gibt es viele berühmte Personen, die sich das Leben nahmen. Walter Benjamin, der sich 1940 in der katalanischen Grenzstadt Portbou lieber umbrachte (unter bisher nicht restlos geklärten Umständen), als den Nationalsozialisten in die Hände zu fallen. Oder Sigmund Freud, der hochbetagt seinen Arzt bat, ihn von einem Krebsleiden zu erlösen.

Konzertierter Suizid der Nazis

Bei seiner Wanderung durch die Jahrhunderte beschreibt Macho individuelle Suizide ebenso wie gesellschaftliche Phänomene: So waren im Fin de Siecle Schülerselbstmorde (auch und vor allem in Österreich) derart häufig, dass Freud und seine Kollegen ein eigenes Symposion dazu abhielten. Aus heutiger Sicht scheint auf der Hand zu liegen, dass das harte und lieblose Überwachungs- und Strafsystem der Schulen die Kinder in den Tod trieb. Doch damals ging man von einer Welle gegenseitiger „Ansteckung“, also einer „Selbstmordepidemie“ aus.

Macho untersucht aber auch Massensuizide verschiedener Sekten und Kulte und erinnert an die Verteilung von Zyankali-Kapseln durch die NS-Gesundheitsbehörden während der letzten Kriegstage. Kurz vor der Kapitulation, am 12. April 1945, sollen nach der letzten Aufführung der Berliner Philharmoniker Hitlerjungen mit Körben voll Zyankalikapseln bereit gestanden sein, um diese nach den letzten Takten von Wagners Götterdämmerung anzubieten. Hitlers Anhänger nahmen sich das Leben mit dem gleichen Wirkstoff - Blausäure -, der als Zyklon B in den Gaskammern verwendet worden war.

Selbstzerstörung als Merkmal des Menschen

Machos nüchterne These lautet: Die einzige Fähigkeit, die der Mensch dem Tier voraus hat, ist die zur Selbstzerstörung, der individuellen Selbstzerstörung aber auf lange Sicht auch die der ganzen, eigenen Art. Und weil hier wahrscheinlich jeder im Geiste widersprechen würde - enttarnt Macho en passant auch den Mythos vom selbstmörderischen Lemming als Fiktion aus Disneys Dokumentarfilmwerkstatt. Lemminge nehmen sich nicht absichtlich das Leben. Menschen dagegen schon.

Buchhinweis

Thomas Macho: Das Leben nehmen. Suhrkamp, 530 Seiten, 28,80 Euro.

In einzelnen Kapiteln widmet sich Macho dem „Suizid als politischer Praxis“, verhandelt historische Hungerstreiks oder Selbstverbrennungen, die durch die Medien gingen. Oder er setzt im Kapitel „Suizid, Krieg und Holocaust“ Selbsttötungen in einen zeitgeschichtlichen Kontext: So belegt er, dass in bestimmten Jahren des Afghanistan-Krieges mehr US-Armeeangehörige durch Suizid starben (2005 waren es 349 im Dienst stehende Soldaten), als in tatsächlichen Kampfhandlungen ums Leben kamen. Rechnet man die Zahl der Veteranensuizide dazu (2012 waren es 6.256), scheint der Zusammenhang zwischen dem erlebten Krieg und dem Todeswunsch deutlich. Suizide sind eine nicht zu unterschätzende Größe, die allerdings meist unter dem Radar der Statistik abläuft.

Viele Suizide statistisch nicht belegt

Oft wurden und werden, so Machos Rechercheerfahrung, gerade in religiös geprägter Umgebung Suizide in Totenscheinen nicht als solche angeführt, um dem Ruf des Verstorbenen nicht zu schaden und es den Hinterbliebenen leichter zu machen. Umgekehrt betrieben die Nationalsozialisten Geschichtsfälschung, indem sie viele NS-Morde an Juden wie „Selbstmorde“ aussehen ließen. Gerade, weil der Suizid als Tabu gilt, lässt sich leicht Schindluder mit ihm treiben. Vielleicht wäre es tatsächlich an der Zeit, den Vorhang ein wenig zu heben und das Thema diskursfähig zu machen.

Oder, um es mit dem von Macho zitierten, französischen Soziologen Emile Durkheim zu sagen: „Was wirklich der Entwicklung des Selbstmordes oder des Mordes Vorschub leistet, ist nicht, DASS man davon spricht, sondern WIE man davon spricht.“

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