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„Leute verbünden sich in der Not“

In einem Wettlauf gegen die Zeit haben Bergungsteams in Mexiko am Mittwoch nach Überlebenden des schweren Erdbebens gesucht. Helfer durchkämmten die Trümmer eingestürzter Häuser in der Millionenmetropole Mexiko-Stadt und anderen Orten im Zentrum des Landes. Die Zahl der Toten lag Donnerstagfrüh bei 230.

An den am schlimmsten getroffenen Orten zeigten sich Bilder der Verwüstung: Durch das schwere Erdbeben der Stärke 7,1 stürzten in Mexiko-Stadt rund 40 Gebäude ein, mindestens 500 wurden zum Teil schwer beschädigt. Es wird befürchtet, dass sich unter den Trümmern noch Hunderte Menschen befinden und die Opferzahl noch erheblich steigen könnte.

Neben Soldaten und Polizisten halfen auch zahlreiche Freiwillige bei der schwierigen Suche zwischen den Trümmern. Viele leisteten spontan Hilfe. An betroffenen Orten formierten sich teils ohne behördliche Organisation Hilfszentren, die Anrainer und Betroffene mit dem Nötigsten versorgen, schrieb die „New York Times“. „Obwohl es Gangs und Kriminalität gibt, verbünden sich die Leute in der Not“, so ein Helfer gegenüber der Zeitung. Indes wurden mehrere Fußballstadien zu Nothilfezentren umfunktioniert.

Verbissene Suche nach Schuleinsturz

Besondere Anteilnahme erweckte der dramatische Einsturz der Schule Enrique Rebsamen im Stadtviertel Coapa. Bei ihm starben laut korrigierten Angaben mindestens 21 Kinder und vier Erwachsene. Elf Personen seien aus den Trümmern gerettet worden, zwei Kinder und ein Erwachsener würden noch vermisst. Zuvor war von 37 Toten und 30 bis 40 Vermissten die Rede gewesen. Hunderte Menschen verfolgten die Bergungsarbeiten. Mit einer der Verschütteten, einer Schülerin, konnten die Rettungskräfte in Kontakt treten.

Rettungskräfte und Helfer an der eingestürzten Schule

APA/AFP/Mario Vazquez

Mittlerweile wird Kritik an der Bauweise der Schule laut

Mit Schaufeln und den bloßen Händen räumten Rettungskräfte Schutt weg, um nach Überlebenden zu suchen. Auch Präsident Enrique Pena Nieto verfolgte an Ort und Stelle die Bergungsversuche. Unterdessen wurde erste Kritik an der Bauweise der Schule laut. Ihr habe ein besonderer Bebenschutz gefehlt, hieß es.

Hilferufe via WhatsApp

In allen betroffenen Gebieten wurde in den Trümmern der Gebäude nach Überlebenden gesucht. Mit in die Höhe gereckten Fäusten und „Ruhe!“-Schildern baten Rettungskräfte um Stille. Damit sollte bezweckt werden, dass Hilferufe aus den Trümmern nicht überhört werden. Zusätzlich sollen mehrere Verschüttete via Messenger wie WhatsApp um Hilfe gerufen haben.

Rettungskräfte

APA/AFP/Mexican Presidency

Die Retter suchen verzweifelt nach Verschütteten

Mehrere Brände brachen aus, die Behörden warnten vor Gaslecks. Krankenwagen und Feuerwehrfahrzeuge steckten im Verkehr fest, weil Millionen Arbeiter versuchten, nach Hause zu gelangen. Der Flughafen der Hauptstadt stellte seinen Betrieb ein. Die Börse unterbrach ihren Handel. Auch die Universität von Mexiko-Stadt und Schulen sperrten zu. Für 14 Millionen Schüler bleiben die Schulen zu.

Viele Nachbeben

Angesichts der verzweifelten Rettungsmaßnahmen forderte Präsident Pena Nieto die Bevölkerung auf, zu Hause zu bleiben: „Sofern die Häuser sicher sind, ist es wichtig, dass die Bevölkerung drinnen bleibt, um die Straßen für Krankenwagen freizuhalten und die Arbeit der Rettungshelfer zu erleichtern“, sagte er in einer Videobotschaft. Oberste Priorität hätten nun die Suche nach Vermissten und die medizinische Versorgung der Verletzten.

Das Epizentrum des Bebens lag nach Angaben der US-Erdbebenwarte (USGS) in Puebla. Es gab auch mehrere Nachbeben. Wie das nationale seismologische Institut UNAM auf Twitter mitteilte, wurden am Dienstagabend und in der Nacht auf Mittwoch (Ortszeit) unter anderem im südöstlich von Mexiko-Stadt liegenden Bundesstaat Oaxaca mehrere Nachbeben gemessen. Betroffen war mehrmals die Küstenregion vor der Stadt Salina Cruz, das schwerste Nachbeben hatte die Stärke 4,9. Bei einem Beben im Landesinneren nahe der Stadt Loma Bonita gab das Institut eine Stärke von 4,0 an.

Trümmer in Mexiko-Stadt

APA/AFP/Omar Torres

Helfer und Freiwillige suchten unter den Trümmern nach Verletzten

Gleichzeitig mit dem Beben ereignete sich am Vulkan Popocatepetl unweit von Mexiko-Stadt ein kleiner Ausbruch. Am Hang des Berges stürzte nach Angaben des Gouverneurs von Puebla, Jose Anonio Gali, eine Kirche ein, als dort gerade eine Messe abgehalten worden sei. 15 Menschen seien ums Leben gekommen.

Jahrestag des verheerenden Bebens von 1985

Bereits vor knapp zwei Wochen hatte die Erde in Mexiko heftig gebebt. Mindestens 98 Menschen starben damals. Das Beben am Dienstag ereignete sich am 32. Jahrestag des verheerenden Erdstoßes von 1985, als Tausende Menschen starben und weite Teile von Mexiko-Stadt dem Erdboden gleichgemacht wurden. Zahlreiche Menschen hatten sich gerade erst an den alljährlichen Erdbeben-Katastrophenübungen beteiligt - als sich wenige Stunden später das jüngste Beben zur Mittagszeit ereignete. Nach dem Beben von 1995 hatten die Behörden die Bauvorschriften verschärft, um die Gebäude stabiler zu machen. Zudem entwickelten sie einen Notfallplan für den Ernstfall.

Trümmer auf einem Auto

APA/AFP/Alfredo Estrella

Die schwere Zerstörung ist auf den Straßen sichtbar

Mexiko befindet sich in einer der weltweit aktivsten Erdbebenzonen. Der Großteil der Landmasse liegt auf der sich westwärts bewegenden nordamerikanischen Erdplatte. Unter diese schiebt sich die langsam nach Nordosten wandernde Cocosplatte. Der Boden des Pazifischen Ozeans taucht so unter die mexikanische Landmasse ab. Das führt immer wieder zu schweren Erschütterungen, die das Land bedrohen.

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