„Der Spieler“: Verloren in der Staatsoper

Sergej Prokofjews Oper „Der Spieler“ ist gestern als erste Premiere der Saison über die Bühne der Wiener Staatsoper gegangen. Dirigiert von Simone Young und inszeniert von Karoline Gruber wurde das Werk zu einem Symbolspektakel und blieb dabei auf weiten Strecken an der Oberfläche.

Prokofjew komponierte „Der Spieler“ in den Wirren des ersten Weltkrieges. Aufgeführt wurde die Oper allerdings erst 1929. Als „Konversationsstück“ brach sie mit gängigen Opernkonventionen: keine Arien, keine Ensembles, keine Chöre, stattdessen entmenschlichte Figuren und musikalische Individualisierung.

Roulettenburg als Suchtort

Schauplatz der Oper ist Roulettenburg, eine fiktive Stadt voller verlorener Charaktere, wo Geld das Einzige ist, wonach gestrebt wird, und Menschen sich verlieren zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung; der Marquis ein Betrüger, der General ein hoch verschuldeter Spieler, dazu die Tochter Polina, die den Protagonisten Alexej demütigt und vorführt. Alexej schließlich, der vom besessenen Liebhaber zum König der Spieltische mutiert, was ihm letztlich zum Verhängnis wird.

Szene aus "Der Spieler"

Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Magritte auf dem Jahrmarkt

Um die grausame Welt des Spiels zu zeigen, wurde kräftig in der Symbolkiste gewühlt. Das Ergebnis ist eine bunte und zugleich makabre Welt (Bühne: Roy Spahn). Einmal tummelt sich das Ensemble in einem Grand Hotel, einmal auf einem Jahrmarkt, in dessen Zentrum sich ein Karussell dreht, das nur noch aus wenigen Pferden besteht.

Ein „sich drehendes Suchtspiel“, so steht es im Programmheft, als Illusion einer heilen Welt. Im Hintergrund steht, in Anlehnung an Magrittes „Der Schlüssel der Felder“, ein zerbrochener, überdimensionaler Spiegel, der wohl die Zerrissenheit der Darstellenden und die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdbild symbolisieren soll.

Eindimensionale Personenführung

Es mag vielleicht nicht zu den einfachsten Aufgaben gehören, Prokofjews „Spieler“ zu inszenieren. Schließlich gibt es einige seltsame Wendungen und ungeklärte Situationen im Libretto. Genau in diesem Fall bedarf es der Hand einer Regisseurin, die dem Stück Tiefe verleiht.

Stattdessen blieb Gruber dem Publikum einiges schuldig. Laut Programmheft konzentrierte sie sich darauf, Symbolwelten zu zeigen und das Bildhafte der Oper herauszustreichen. Das Resultat: Die Figuren im Glücksspielkarussell wirken zum Großteil blass und unbeholfen, die Beziehungen belanglos und ohne Intimität.

Alexej (Misha Didyk) gibt schon zu Beginn strippend den Rasenden – viel Raum für eine Figurenentwicklung bleibt da nicht. Die einzige Figur, der mehr anhaftet als ausgestelltes Spiel, ist Polina (Elena Guseva). Gruber zeichnet sie sensibel und vielschichtig, was sie bei anderen Figuren vermissen ließ.

Musikalische Überfrachtung

Bei den Sängern handelt es sich zum Großteil um Haus- und Rollendebüttanten. Aus dem über 30 Sänger starken Ensemble stachen besonders die Titelpartien hervor. In der Rolle des Spielers Alexej, den die Leidenschaft für Polina und das Spiel aus seiner elenden Existenz reißt, gefiel Didyk mit wohlklingendem, wenn auch stellenweise zu leisem Tenor.

Dmitry Ulyanov überzeugte als General mit mächtigem und trotzdem fein geführtem Bass. Elena Guseva gab eine dramatische und dabei sanfte Generalstochter Polina. Publikumsliebling war eindeutig Linda Watson in der Rolle der Babulenka. Sie gab die schrullige Großmutter Polinas eindrucksvoll, zwar hört man ihrer Charakterstimme die vielen Bühnenjahre an, umso stärker war jedoch ihre erprobte Präsenz.

Am Pult hätte man sich von Simone Young trotz des lebendigen Dirigats etwas mehr Sensibilität für die Sänger gewünscht. Nicht selten wurden diese regelrecht übertönt oder kämpften mit fordernden Tempiwechseln im Stück. Das Publikum nahm die Premiere dennoch mit Jubel für das gesamte Ensemble auf.