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Von Experten erwartet

Der Friedensnobelpreis 2017 geht an die Internationale Kampagne zur atomaren Abrüstung (ICAN). Die Organisation erhalte die Auszeichnung für „ihre Arbeit, Aufmerksamkeit auf die katastrophalen humanitären Konsequenzen von Atomwaffen zu lenken“, gab das norwegische Nobelkomitee am Freitag in Oslo bekannt. ICAN habe sich bahnbrechend um ein vertragliches Verbot solcher Waffe bemüht.

„Wir leben in einer Welt, in der das Risiko eines Atomwaffeneinsatzes so groß ist wie schon lange nicht“, sagte die Vorsitzende des Komitees, Berit Reiss-Andersen, am Freitag in Oslo. ICAN wurde 2007 in Wien gegründet. Die Graswurzelbewegung ist inzwischen in mehr als 100 Ländern aktiv. Zuletzt hatte Nordkorea mit Atomtests schwere Kritik auf sich gezogen. 2015 dagegen wurde der Abschluss des Atomabkommens mit dem Iran international als Erfolg gefeiert. US-Präsident Donald Trump zieht die Vereinbarung allerdings in Zweifel.

ICAN-Geschäftsführerin überwältigt

Die Geschäftsführerin des frischgebackenen Friedensnobelpreisträgers ICAN zeigte sich in einer ersten Reaktion überwältigt. „Wir bekamen den Anruf nur ein paar Minuten vor der offiziellen Verkündung“, sagte Beatrice Fihn (34) am Freitag vor ihrem Büro in Genf. „Wir waren schockiert, dann haben wir gekichert und einen Moment gedacht, der Anruf war vielleicht ein Scherz.“ Sie seien zutiefst dankbar, sagte Fihn.

Experten hatten im Vorfeld einen Preis im Kontext des Kampfes gegen Atomwaffen vorhergesagt. Die Osloer Jury hatte sich in diesem Jahr unter 318 Anwärtern entscheiden müssen - 215 Personen und 103 Organisationen waren für den Preis vorgeschlagen. Nur wenige Nominierungen waren im Vorhinein bekannt.

Berit Reiss-Andersen (Norwegischen Nobelkomitee)

APA/AP/Heiko Junge

Reiss-Andersen am Freitag bei der Bekanntgabe der Entscheidung

Gratulationen und Anerkennung

Aus der ganzen Welt trafen Gratulationen ein, auch wenn das Ziel von ICAN nicht ungeteilt vertreten wird - so etwa Deutschland: Vizeregierungssprecherin Ulrike Demmer gratulierte, betonte aber, es gebe nach wie vor die „Notwendigkeit einer nuklearen Abschreckung“. „Die Bundesregierung unterstützt das Ziel einer Welt ohne Atomwaffen“. Allerdings würden Atomwaffen von einigen Staaten als „Mittel für eine militärische Auseinandersetzung“ betrachtet.

Russland reagierte zurückhaltend, betonte aber, man respektiere die Entscheidung des Nobelkomitees in Oslo. Kreml-Sprecher Dimitri Peskow sagte: „Russland ist ein verantwortungsbewusstes Mitglied im ‚Atomclub‘.“ Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) lobte den Friedensnobelpreis für ICAN als „gebührende Anerkennung“ für den „weltweiten Einsatz gegen atomare Massenvernichtungswaffen, die eine existenzielle Bedrohung für die gesamte Menschheit darstellen“.

Im Vorjahr Kolumbien-Friedensschluss

Im vergangenen Jahr hatten die fünf Mitglieder des Nobelkomitees Kolumbiens Präsidenten Juan Manuel Santos ausgezeichnet. Er erhielt den Nobelpreis für „seine entschlossenen Anstrengungen, den mehr als 50 Jahre andauernden Bürgerkrieg in dem Land zu beenden“. Wenige Wochen zuvor hatten Santos und der Chef der linken FARC-Guerilla, Rodrigo Londono alias „Timochenko“, Geschichte geschrieben, als sie nach Jahrzehnten des Konflikts mit mehr als 220.000 Toten und Millionen Vertriebenen einen Friedensvertrag unterzeichneten.

Verleihung am 10. Dezember

Wie die Nobelpreise für Medizin, Physik, Chemie und Literatur wird der mit neun Millionen schwedischen Kronen (etwa 940.000 Euro) dotierte Friedensnobelpreis am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel, verliehen. Überreicht wird die Auszeichnung anders als die anderen Nobelpreise nicht in Stockholm, sondern in der norwegischen Hauptstadt Oslo.

Warum Nobel das entschied, ist nicht bekannt. In seinem Testament legte der Dynamiterfinder fest, die Auszeichnung solle an denjenigen gehen, der „am meisten oder besten für die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verkleinerung stehender Armeen“ gewirkt hat.

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