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Eine Gebrauchsanweisung fürs Leben

Zum zweiten Mal findet derzeit die Biennale von Timisoara statt. Zu den „Art Encounters“ waren Dutzende Künstler eingeladen, die meisten aus Rumänien, einige aus Nachbarländern. Es offenbaren sich gleich zwei Welten: Rumänien abseits der Klischees und eine neue Künstlergeneration, die sich nicht vor knalligen Botschaften scheut.

Das Rumänien des kommunistischen Diktators Nicolae Ceausescu war bekannt für seine Potemkinschen Dörfer, auch mitten in der Hauptstadt Bukarest: Hinter so mancher klassizistischen Fassade verbarg sich ein schnöder Plattenbau. Es ist also keine leere Worthülse, wenn Kurator Ami Barak sagt, dass die Künstler der Biennale dazu angehalten waren, „die Fassaden niederzureißen, in die Gebäude zu schauen, das Unsichtbare sichtbar zu machen“.

Dabei lassen Barak und seine Kollegin Diana Marincu das Alte auf das Neue prallen und miteinander in Kommunikation treten. Zunächst die legendäre rumänische Künstlergeneration der 70er Jahre, deren abstrakte, mathematische Kunst für das totalitäre Regime nicht als widerständig zu entschlüsseln war und mit ihrer visuellen Umsetzung von Algorithmen erstens Anschluss an die internationale Avantgarde suchte und sich zweitens in Zeiten von Google und Facebook als visionär erweist.

Kunst bei der Biennale in Rumänien

ORF.at/Simon Hadler

Mircea Suciu, geboren 1978 in Rumänien, greift in seinem Bild „Destiny’s Child (young dictator)“ geometrische Formen der Künstler der 60er und 70er Jahre auf; zu sehen ist der langjährige rumänische Diktator Nicolae Ceausescu in jungen Jahren

Die Angst vor den nicht existenten Moslems

Und dann die jungen Wilden von heute, die formal viel von den Alten gelernt haben, die sich unter anderem auch mit der totalitären Vergangenheit des Landes beschäftigen, mit ihren Botschaften aber nicht hinter dem Berg halten müssen. Sie nehmen durch ihre Werke direkt Kontakt auf zum Betrachter, angeleitet vom Motto der Schau: „Life a User’s Manual“, eine teils augenzwinkernde, teils todernste Gebrauchsanleitung für das Leben - vermittelt durch knallige und leicht zu entschlüsselnde Installationen.

Besonderen Raum nimmt dabei der immense Stellenwert der medial vermittelten Welt im Alltag ein - eine Welt, die ein Pfuhl von islamistischen, umvolkenden Terroristen ist, vor denen man die Heimat schützen muss. Skurril ist das nicht nur, aber besonders in Rumänien, wo gerade einmal 0,3 Prozent der Bevölkerung muslimischen Glaubens sind und entgegen jeder europäischen und sonstigen Solidarität so gut wie keine Flüchtlinge aufgenommen wurden.

Kunst bei der Biennale in Rumänien

ORF.at/Simon Hadler

Bartha Sandor: Das Tischtennisnetz hält Playmobil-Flüchtlinge „hinter dem Zaun“ gefangen

Die Fratze der „Pragmatiker“

Bartha Sandor thematisiert das mit einem Kunstwerk: ein Tischtennistisch, dessen Netz nicht in der Mitte ist, sondern eine kleine Ecke vom Rest der Platte abtrennt - rund drei Prozent. Dahinter stehen Playmobil-Figuren, die Flüchtlinge darstellen sollen.

Flaka Haliti wiederum hat zuerst junge Flüchtlingskinder Selbstporträts zeichnen lassen - die klassischen Strichmännchen und Kopffüßer -, diese dann aus Metallstangen nachgeformt und in mit blauem Sand gefüllte Ikea-Säcke gesteckt. Eine reiche Assoziationskette: das Meer als Ort des Todes und der Hoffnung gleichzeitig; die Ikea-Gemütlichkeit europäischer Gesellschaften, in der kein Platz für Flüchtlinge ist; die grinsenden Gesichter der Kinder, die sich ihrer Natur nach die Hoffnung nicht nehmen lassen, Gesichter, die so ganz anders sind als (nicht nur in Rumänien) die Fratzen der Pragmatiker, in denen sich Ignoranz in der Verkleidung zuwanderungsskeptischer „Vernunft“ widerspiegelt.

Kunst bei der Biennale in Rumänien

ORF.at/Simon Hadler

Flaka Haliti: Selbstporträts von Flüchtlingskindern. Draußen halten aus der europäischen Ikea-Gemütlichkeit?

Ein Panzer fordert zum Sex auf

Psychologisch der Ansatz von Lea Rasovszky, die einen Aufblaspanzer in Originalgröße ausgestellt hat. Der sollte eigentlich pinkfarben sein, ist aber orange - da muss die produzierende Firma noch nachbessern, so Rasovszky lachend im Interview mit ORF.at. In einem Text, den sie zum Kunstwerk verfasst hat, findet sich ein schöner Satz, der die Obsession der Weltöffentlichkeit mit dem Thema Krieg auf den Punkt bringt: „War is all the love we never made.“ Ein rosafarbener Panzer als ultimative Aufforderung zum Sex.

Kunst bei der Biennale in Rumänien

ORF.at/Simon Hadler

Lea Rasovszky: „pink tank“. „Krieg ist all die Liebe, die wir nie gemacht haben.“

Der Sexualität ist ein ganzes Kapitel der „Gebrauchsanweisung“ gewidmet. Unter den internationalen Kulturjournalisten in Timisoara ist eine Debatte über die Werke entstanden: Sind sie völlig unreflektiert, naiv, plump und pubertär? Oder ist dem Holzhammer, mit dem die durchkapitalisierte Gesellschaft Sexualität abfeiert, von Modewerbung bis hin zu YouPorn, nur mit dem Holzhammer beizukommen? Muss Subtilität einer Handreichung an ein größeres Publikum weichen?

Abseits vom Sozialporno flirrt und flimmert es

Um diese Frage zu klären, ist ein grundsätzlicher Einschub nötig, der gängigen Vorurteilen über Rumänien weniger bekannte Aspekte rumänischer Lebensrealität gegenüberstellt. Die Vorurteile treffen zu, wie einem allerorten bestätigt wird: Die Korruption ist überbordend und weiterhin sind große Teile der Bevölkerung von Armut betroffen. Aber: Rumänien ist kein Land, das nur als Sozialporno rezipiert werden kann. Die Städte mit ihren Altstadtkernen werden zunehmend renoviert, und die Kunstszene ist „vibrant“, wie man auf Englisch sagen würde, es flirrt und flimmert.

Bei der Biennale in Venedig war etwa die Rosa-Panzer-Künstlerin Rasovszky vertreten, und in Timisoara trug bei einem Panel Gregor Muir, Direktor der internationalen Sammlung der Tate Modern in London, eine ganze Litanei an rumänischen Kunstwerken vor, die sein Haus in den letzten Jahren angekauft bzw. prominent ausgestellt hat. Zudem gibt es gleich vier Kunstakademien in Rumänien - auch wenn ihre Absolventen, mehr noch als überall anders, großteils zum Präkariat und zu Zweitjobs verdammt sind.

Kunst bei der Biennale in Rumänien

ORF.at/Simon Hadler

Michel Blazy (monegassischer Künstler): „Fontaine de mousse“ (2007) - ein überschäumendes Kunstwerk, im Wortsinn, das von Tag zu Tag anders aussieht

Kartoffeldruck einmal anders

Eines jedenfalls kann niemand behaupten: dass hier verschwitzte Herrenwitze mit Kunst verwechselt werden - und das Ganze dann auch noch ausgestellt wird. Viel eher wird der Anschluss an einen radikalen Feminismus gesucht. Ihr wollt Muschi? Ihr bekommt Muschi. So oder so ähnlich muss sich das Smaranda Ursuleanu gedacht haben, die Tausende rote Abdrücke ihrer Vagina ausgestellt hat, alle einzeln angefertigt - keiner mit dem anderen identisch. Oder Pusha Petrov, die, anspielungsreich, geöffnete Handtaschen als Vaginas sexualisiert.

Die Ausstellungen der Biennale sind nicht nur thematisch gegliedert, sondern auch auf ganz Timisoara verteilt, in einer Straßenbahnremise, einem ehemaligen Kloster, einer leeren Fabrikshalle, es gibt sogar einen Ableger in der etwas nördlich gelegenen Stadt Arad. Finanziert wird der Kunstmarathon nur zum Teil von der öffentlichen Hand. Vor allem der Initiative und dem Geld des Industriellen Ovidiu Sandor ist es zu verdanken, dass die Biennale vor zwei Jahren gegründet wurde und Timisoara nun voll Zuversicht auf sein Kulturhauptstadt-Dasein 2021 zusteuert.

Bewegte Industriegeschichte

Die Künstlergruppe Raluca Croitoru inszeniert das Zusammenwachsen von Mensch und Maschine - und geht dafür zurück zur Industrialisierung

Maschinenliebe

Die Industrie ist allgegenwärtig und wird von der Künstlergruppe Raluca Croitoru auch in einem historischen Kontext inszeniert. Im über 100 Jahre alte Pumpwerk von Urseni unweit von Timisoara veranstalteten die vier jungen Frauen einen liebevollen Maschinensturm - vielleicht, um die Singularität symbolisch hinauszuzögern, jenen Moment, in dem die Maschinen dank künstlicher Intelligenz autonom zu denken beginnen, sich selbst reproduzieren und die Macht übernehmen.

Die Maschinen und wir, nicht zu trennen, wie zwei Pobacken, da geht kein Blatt Papier dazwischen. Die Künstlerinnen laufen und springen über Rohre und Apparaturen, absolvieren ein Zirkeltraining, als gälte es, die industrielle Revolution im Alleingang nachzustellen, schmiegen sich an die Gestänge, werden eins mit dem Pumpwerk. Die Umarmung von Vergangenheit und Zukunft, von kalter Maschine und erhitzten Körpern, um die zunehmend automatisierte, entmenschlichte Gegenwart liebevoll und bewusst zu gestalten. Welch schöne Metapher, fernab von allen Rumänien-Klischees.

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