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Zweiter österreichischer Preisträger

Der Deutsche Buchpreis 2017 geht an den österreichischen Schriftsteller Robert Menasse für seinen in Brüssel spielenden Europaroman „Die Hauptstadt“, der auch für den Österreichischen Buchpreis nominiert ist. Diese Entscheidung der siebenköpfigen Jury wurde Montagabend im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse bekanntgegeben.

Menasse taucht in seinem Roman „Die Hauptstadt“ tief in die Brüsseler EU-Institutionen ein. Rund um die Planung von Feierlichkeiten zum 50-jährigen Bestehen der Europäischen Kommission entwirft er ein vielstimmiges europäisches Panorama, in dem Geschichte, Gegenwart und Zukunft enggeführt werden.

Der österreichische Autor Robert Menasse

APA/dpa/Arne Dedert

Menasse zeigte sich bei der Verleihung des Preises „sehr gerührt“

Das Buch mache „unmissverständlich klar: Die Ökonomie allein, sie wird uns keine friedliche Zukunft sichern können“, erklärte die Jury in ihrer Begründung. „Das Humane ist immer erstrebenswert, niemals zuverlässig gegeben: Dass dies auch auf die Europäische Union zutrifft“, zeige Menasse auf eindringliche Weise. „Die, die dieses Friedensprojekt Europa unterhöhlen, sie sitzen unter uns“, heißt es in der Begründung weiter. Dramaturgisch gekonnt grabe Menasse „leichthändig in den Tiefenschichten jener Welt, die wir die unsere nennen“.

Menasse „sehr gerührt“

In seiner kurzen Dankesrede betonte ein „sehr gerührter“ Menasse, der für die Recherchen zu seinem Roman mehrere Jahre in Brüssel gelebt hatte, dass es sich bei der EU um einen „prägenden und unser aller Leben bestimmenden Prozess, den entscheidenden unserer Lebenszeit“, handle. Der 63-Jährige gilt als leidenschaftlicher Anhänger eines supranationalen Europa. Mit der europäischen Idee hat er sich schon mehrfach in Büchern und Essays beschäftigt.

Es kursierten zwar viele Klischees über Brüsseler EU-Beamte, er wolle aber doch darauf hinweisen, dass es eben die Generaldirektion Bildung und Kultur an der Europäischen Kommission gewesen sei, die verhindert habe, dass Amazon mit seiner Klage gegen die Buchpreisbindung durchkomme, so Menasse bei seiner Dankesrede. Damit habe sie auch „das Sterben von Abertausenden Buchhandlungen auf diesem Kontinent“ verhindert. Das verdiene auch einen Applaus „für diese manchmal sehr schrullige, manchmal sehr tapfere Institution“.

Sechs Nominierte auf Shortlist

„Ich habe nicht gewusst, dass ich diesen Preis bekomme, aber was ich gewusst habe, dass jeder der von uns Nominierten diesen Preis verdient hätte“, sagte Menasse weiter. Er setzte sich im Finale gegen Gerhard Falkner („Romeo oder Julia“), Franzobel („Das Floß der Medusa“), Thomas Lehr („Schlafende Sonne“), Marion Poschmann („Die Kieferninseln“) und Sasha Marianna Salzmann („Außer sich“) durch.

Menasse wurde am 21. Juni 1954 in Wien geboren. Er studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft in Wien, Salzburg und Messina. 1980 promovierte er mit dem Thema „Der Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb“. Seine erste Erzählung „Nägelbeißen“ erschien 1973 in der Zeitschrift „Neue Wege“, 1988 publizierte er mit „Sinnliche Gewißheit“ seinen ersten Roman. Menasse hat auch als Essayist Erfolg und erhielt unter anderem den Heimito-von-Doderer-Preis sowie den Erich-Fried-Preis.

Gratulationen von der Politik

„Robert Menasses Roman über die Brüsseler Bürokratie ist ein kluges, witziges und nachdenklich machendes Buch, das vieles in einem ist: ein Ideenroman, ein Krimi, ein Buch über europäische Politik und eines über unsere Wirklichkeit und Gegenwart, samt ihren verpassten Möglichkeiten“, so Kunst- und Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ) in einer Aussendung. „Ich freue mich sehr, dass Robert Menasse für seinen außergewöhnlichen Roman ‚Die Hauptstadt‘ nun mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde und gratuliere ganz herzlich.“ Der Preis sei „eine würdige Anerkennung seines jahrzehntelangen Diensts an der Exaktheit“, so Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ).

200 Buchtitel im Rennen

Im vergangenen Jahr hatte Bodo Kirchhoff für seinen Roman „Widerfahrnis“ den Deutschen Buchpreis gewonnen. Den ersten Buchpreis gewann 2005 der Vorarlberger Arno Geiger mit „Es geht uns gut“ - bis heute war er der einzige österreichische Sieger. Menasse ist auch im Rennen um den heuer zum zweiten Mal vergebenen Österreichischen Buchpreis.

Die Autoren Sasha Marianna Salzmann, Gerhard Falkner, Franzobel, Marion Poschmann, Thomas Lehr und Robert Menasse

APA/dpa/Arne Dedert

Alle Nominierten der Shortlist (von links nach rechts): Sasha Marianna Salzmann, Gerhard Falkner, Franzobel, Marion Poschmann, Thomas Lehr und Robert Menasse

Der Deutsche Buchpreis wird zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse im Kaisersaal des Frankfurter Römers verliehen. Als Preisgeld erhält der Gewinner des Buchpreises 25.000 Euro. Die Auswahl trifft eine siebenköpfige Jury, die jedes Jahr neu besetzt wird und heuer insgesamt 200 Titel gesichtet hat.

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