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Die ungehobenen Investitionsschätze

An den heimischen Universitäten schlummert so mancher ungehobene Innovationsschatz – in Form patentierter Technologie, die ihrer kommerziellen Umsetzung harrt. Da gibt es ein biotechnologisches Verfahren, das die Produktion von Proteinen optimiert. Damit könnten sich Medikamente deutlich preisgünstiger herstellen lassen. Noch sucht das Patent nach einem interessierten Gründungsteam, das die Technologie auf den Markt bringen könnte.

Der „Protein-Booster“ ist ein biotechnologisches Verfahren, das an der Universität Wien entwickelt wurde. Der Hintergrund: Viele Stoffe werden heute nicht mehr synthetisch hergestellt. Man modifiziert vielmehr lebende Organismen wie Hefe und Bakterien so, dass sie spezielle Proteine produzieren. Diese Eiweiße finden etwa in der Pharmaindustrie Anwendung. Das neue Verfahren der Wiener Forscher soll sowohl die Quantität als auch die Qualität der Proteinausbeute deutlich verbessern. Pharmaunternehmen könnten damit ihre Kosten bei der Herstellung von Medikamenten und Impfstoffen senken.

Bitterkeit testen ganz ohne Tierversuche

Ein anderes Beispiel ist eine auf Zellkulturen basierende Technologie, die – ganz ohne Tierversuche – Bitterkeitstests für die verschiedensten Substanzen möglich macht. Auch hier ist unter anderem die Pharmaindustrie ein potenzieller Anwender. Denn diese versucht bei Medikamenten den Faktor Bitterkeit möglichst niedrig zu halten. Das spielt zum Beispiel bei Arzneien für Kinder eine besondere Rolle, was Legionen leidgeprüfter Eltern wohl weltweit bestätigen können.

Kommerzielle Verwertung noch offen

Die beiden Patente haben eine weitere Gemeinsamkeit: Entwickelt an einer heimischen Universität, wurden die Technologien bisher nicht kommerziell durch ein Unternehmen verwertet. Noch warten die Patente vielmehr auf interessierte Gründer, um ihr wirtschaftliches Potenzial im Rahmen eines Start-ups zu entfalten.

An den Universitäten selbst gibt es längst Abteilungen für den Technologietransfer, die den Weg der universitären Forschungsergebnisse von der Theorie in die Praxis ebnen sollen. Unterstützt werden diese seit einigen Jahren durch ein Förderprogramm des Verkehrs- und Innovationsministeriums, das österreichweit eine Reihe von spezialisierten Zentren – Inkubatoren – finanziert.

In Wien ist es die INiTS Universitäres Gründerservice Wien GmbH, an der die Uni Wien, die TU Wien und die Wirtschaftsagentur Wien beteiligt sind. Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich ein Team, das laufend auf der Suche nach interessanten, noch ungenutzten Technologien ist. Parallel dazu werden über verschiedene Kanäle potenzielle Gründer gesucht, die mit der passenden Technologie aus dem Portfolio ein Unternehmen starten wollen: Technologien wie der Bitterkeitstest und der Protein-Booster, denn beide werden aktuell von dem Wiener Gründerservice betreut.

Initiative will Technologien mit Gründern matchen

Das Besondere an den Inkubatoren, zu denen INiTS gehört: Sie begleiten die Unternehmen und Neo-Unternehmer sehr umfassend – und bieten je nach Bedarf finanzielle Förderung und Beratung, aber auch ganz praktische Dinge wie Büroräume. Und die Betreuung der Projekte setzt schon sehr früh an, denn Gründer und Technologie sollten natürlich möglichst gut zusammenpassen.

Um das sicherzustellen, gleicht eine spezielle Initiative von INiTS beide Seiten miteinander ab. Es geht darum, „systematisch wertvolle Technologien, deren geistige Väter und Mütter mit Leib und Seele Forscher sind, mit Gründungspersönlichkeiten zusammenzubringen“, erklärt INiTS-Geschäftsführerin Irene Fialka das Konzept im Gespräch mit ORF.at.

„Speeddating“ für Unternehmensgründer

Aktuell hat das INiTS neben dem Protein-Booster und der chemischen Zunge zwölf weitere Technologien im Portfolio. Alle 14 werden Mitte Oktober im Rahmen eines „Matching Day“ mit den potenziellen Gründern zusammengebracht. Idealerweise kommen bei dieser Veranstaltung, die auf kurze Präsentationen und straffe Sessions setzt, dann auch wirklich „Paare“ zustande.

Die eigentliche Arbeit beginnt damit jedoch erst. Haben einander Gründer und Technologie gefunden, folgt die Entwicklung und Ausarbeitung eines möglichst nachhaltigen Geschäftsmodells. Dieses wird schließlich vor Investoren und Fördergebern präsentiert. Denn natürlich braucht es für die Unternehmensgründung auch Kapitalgeber, die an den Unternehmenserfolg glauben müssen. Im besten Fall erfolgt dann die – nachhaltig erfolgreiche – Gründung eines Unternehmens.

„Ziel ist vor allem auch die Vernetzung, die Förderung unternehmerischen Denkens und Spaß bei der Entwicklung von möglichen Anwendungen und Geschäftsmodellen. Und auch wenn nicht gleich 14 Start-ups gegründet werden, wird jede Person – egal ob Forscher oder Gründer – neue Erfahrungen und Kontakte mitnehmen“, so Fialka.

Lizenzgebühren und Drittmittel für Unis

Doch was haben die Universitäten davon? Da sind zunächst die Lizenzgebühren, die für die Verwendung der Technologien an die Hochschulen gezahlt werden müssen und die zurück in die Forschung fließen. Die Prozentsätze und Berechnungsmethoden unterscheiden sich je nach Branche, wie Start-up-Consultant Markus Pietzka von INiTS gegenüber ORF.at erklärt. Mit wachsendem Erfolg steigen in der Regel auch die Lizenzgebühren.

Der wesentlich umfangreichere monetäre Rückfluss an die Unis betrifft allerdings die Drittmittel: „Wenn ein Unternehmen mit Technologie von der Universität an den Start geht, wird natürlich eine Weiterentwicklung der Technologie mit der Universität angepeilt“, so Pietzka weiter. „Dafür werden gemeinsam Drittmittelanträge eingereicht.“

Der übergeordnete Auftrag der Inkubatoren besteht laut Pietzka darin, den Innovationsstandort Österreich zu fördern: durch die oben genannten finanziellen Rückflüsse an die Unis, die zur Finanzierung von weiterer Forschungsleistung und von Arbeitsplätzen dienen, aber auch durch Schaffung von Arbeitsplätzen und Steuerleistungen durch die neu gegründeten Unternehmen.

Erfolgreiches Wiener Start-up mySugr

Wie erfolgreich der Transfer von Forschung in Wirtschaft sein kann, zeigte zuletzt höchst eindrucksvoll das Wiener Unternehmen mySugr. 2011 durchlief es den INiTS-Inkubator, 2012 wurde gegründet. Mittlerweile dokumentieren mehr als eine Million App-Nutzer mit mySugr unter anderem ihre Blutzuckerwerte - mehr dazu in wien.ORF.at

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