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Ein Glücksfall von einem Ausfall

Bei der Premiere von „Wien ohne Wiener“ hat Mittwochabend im Wiener Volkstheater der Zufall Regie geführt. Beinahe wäre der Georg-Kreisler-Liederabend mit Puppenunterstützung ins Wasser gefallen - wäre nicht Regisseur Nikolaus Habjan in letzter Minute für einen erkrankten Darsteller eingesprungen.

Kurz vor Aufführungsbeginn trat Volkstheater-Direktorin Anna Badora vor den Vorhang. Sie hatte den krankheitsbedingten Ausfall von Darsteller Christoph Rothenbuchner zu verkünden. Die Premiere sei ernsthaft gefährdet gewesen, so Badora. Und doch war es, frei nach Kreisler, ein Glücksfall von einem Ausfall, der vom Premierenpublikum mit Wohlwollen aufgenommen wurde. Denn auch wenn Habjan für keine Bühnenrolle vorgesehen war, das Publikum war vor allem seinetwegen gekommen.

Szene aus "Wien ohne Wiener"

www.lupispuma.com/Volkstheater

Habjans Puppen lugen hinter dem Bühnenvorhang hervor

Der gebürtige Grazer Habjan sorgt seit knapp zehn Jahren als Puppenbauer, Puppenspieler und als Regisseur für Furore im deutschsprachigen Sprachraum. Seine Klappmaulpuppen sind in vielen Häusern gefragt. An der Burg hat Habjan 2012 in „Fool Of Love“ im Zusammenhang mit Shakespeares Sonetten begeistert. Dieses Jahr inszenierte Habjan mit seinen Charakterpuppen am Volkstheater bereits Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“.

„Wien is g’sperrt“

Mit „Wien ohne Wiener“ nimmt sich der Regisseur eines Liederabends an, der Kreislers (1922 – 2011) Werk auf dessen Aktualität abklopft. Kreislers Gesellschaftskritik, die er als Satiriker, Schriftsteller und Liedermacher äußerte, beruhte auf seinem schwierigen Verhältnis zu Österreich. Kreisler war als Jugendlicher von den Nazis vertrieben worden und kehrte erst in den 1950er Jahren als US-Staatsbürger zurück.

Für den musikalischen Teil des Kreisler-Liederabends war das aus Osttirol stammende Musikerkollektiv Franui verantwortlich. Habjan und Franui sind bereits im Rahmen von „Fool Of Love“ gemeinsam auf der Bühne des Burgtheaters gestanden. Gemeinsam mit Carsten Riedel galt es damals, Shakespeares ewige Wahrheiten in eine globale Musiksprache zu übersetzen.

Im Gegensatz dazu dreht sich „Wien ohne Wiener“ um das Lokalkolorit - um die hiesige Ausformung menschlicher Kleinkrämerei, Niedertracht und selbst gezüchteter Ängste. Die Inszenierung bediente sich bei Liedern und Texten Kreislers aus mehreren Jahrzehnten. Den Auftakt bestritten Habjans Puppen, die hinter dem geschlossenen Vorhang hervorlugten, um miteinander auf Basis des Kreisler-Textes „Die Muschel“ in Dialog zu treten. Der Text spinnt ein Szenario, das mit der Abnabelung Wiens von der Welt spielt: „Wien is g’sperrt, niemand derf auße, haben’S das net g’wusst?“

Wo sind die Zeiten dahin?

Nach dieser Einleitung konnte der Liederabend beginnen. Franui klangen nach melancholischer Heurigenseligkeit. Die Stimmen der Schauspieler erhoben sich. Die Frage lautet: „Wo sind die Zeiten dahin, als es noch g’miatlich war in Wien?“ Das saß.

Szene aus "Wien ohne Wiener"

www.lupispuma.com/Volkstheater

Die Puppen beweisen mitunter sehr viel Charakter

Eingangs ging es vor allem um die Frage, wie sich der am Vortag eingesprungene Habjan in der Rolle als Schauspieler und Sänger machen wird. Nach anfänglicher Verhaltenheit setzte sich Habjan als Teil des sechsköpfigen Schauspielerensembles insbesondere bei Kreislers wohl bekanntestem Stück „Tauben vergiften“ in Szene. Ein großer Sänger ist er nicht, dafür aber punktete er mit seinem Charisma.

Das schwebende Hinterteil

Habjan versuchte mit seiner Inszenierung die Präzision von Kreislers gesellschaftlichen Analysen zu verdeutlichen. Das tat er auf eine Art und Weise, die mitunter ins Platte abglitt. Kreislers Abrechnung mit österreichischem Beamtentum in „Der Staatsbeamte“, in der von allerlei Arschkriechereien die Rede ist, wurde von einem über der Bühne schwebenden blanken Hintern begleitet.

Obwohl es Habjan meist gelang, die Grundatmosphäre von Kreislers Liedern zu transportieren, wurde eines deutlich: Der Charme von Kreislers Werk ist stark mit dem Interpreten verknüpft. Kreislers Grantlertum und seine durch Mimik zur Schau gestellte Abneigung gegenüber der gemeinen Volksseele fehlte den Liedern.

Für den stärksten Szenenapplaus des Abends sorgte eine Puppe, die unschwer als Sebastian Kurz zu erkennen war, und der Kreislers „Kapitalistenlied“ in den Mund gelegt wurde, während im Hintergrund Österreichfahnen geschwungen wurden. Am Ende des Abends zeigte sich das Publikum durchaus zufrieden. Applaus gab es vor allem für Franui. Und der Beweis, dass Kreislers Werk auch im Jahr 2017 noch aktuell ist, konnte erbracht werden.

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