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„Ein großer Tag“ für Spohr

Die deutsche Fluglinie Lufthansa übernimmt große Teile des insolventen Konkurrenten Air Berlin, darunter auch Niki. Die österreichische Tochter steht wirtschaftlich gut da und war nicht in die Insolvenz gerutscht. Drei Wochen lang wurde über die Aufteilung verhandelt, für Donnerstag wurde ein Notartermin zur Unterzeichnung des Deals vereinbart, wie Lufthansa-Chef Carsten Spohr ankündigte.

Die Geschäftsführung von Air Berlin hatte zuletzt exklusiv mit dem deutschen Marktführer Lufthansa und dem britischen Billigflieger easyJet verhandelt. Spohr hatte der „Rheinischen Post“ gesagt, die Lufthansa werde von Air Berlin „voraussichtlich 81 Flugzeuge übernehmen, 3.000 Mitarbeiter einstellen und dafür in Summe 1,5 Milliarden Euro investieren“.

Air Berlin hatte mitgeteilt, die Airline sehe gute Chancen, dass etwa 80 Prozent der 8.000 Mitarbeiter bei anderen Unternehmen einen neuen Arbeitsplatz erhalten könnten. Fraglich ist nun weiterhin, ob easyJet den Rest der Flugzeuge, etwa 20 bis 30 Maschinen, bekommt. Darüber laufen die Gespräche weiter.

Niki-Betriebsrat will Garantien

Neben Niki wird auch der Regionalflieger LGW von der Lufthansa übernommen. Niki wurde vom ehemaligen Formel-1-Weltmeister Niki Lauda 2003 als „flyniki“ gegründet, 2004 beteiligte sich die Air Berlin. 2011 stieg Lauda komplett aus der Airline aus. Nach der Air Berlin-Insolvenz bot Lauda mit einem Konsortium für eine Rückübernahme von Niki. Die Exklusiv-Verhandlungen der Gläubiger mit der Lufthansa kommentierte er enttäuscht und warnte vor einer zu großen Dominanz der deutschen Airline.

Niki wird von Eurowings, der Billigflugtochter der Lufthansa, übernommen. Die Gewerkschaft will zentrale Fragen nun so bald wie möglich klären, der Niki-Betriebsrat erwartet eine Garantie für alle Arbeitsplätze und Verträge. Der Betriebsrat hofft, auch die Heimatbasis behalten zu können. Die nicht insolvente Niki beschäftigt in Österreich rund 1.000 Mitarbeiter - laut Insidern aus Lufthansa-Kreisen sollen sie direkt übernommen werden.

Übergang wird Monate dauern

Air Berlin hatte Mitte August Insolvenz angemeldet. Der Flugbetrieb war seither nur durch einen Kredit des deutschen Staates über 150 Millionen Euro gesichert. „In der Tat ist das heute ein großer Tag, den wir in ein paar Stunden mit der Unterschrift besiegeln“, sagte Spohr Donnerstagfrüh.

Fusionen und Übernahmen österreichischer Fluglinien seit 2000

Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA

Während der Übernahme wird die Lufthansa im Betrieb noch mindestens ein halbes Jahr improvisieren müssen. „Wir werden das irgendwie hinbekommen“, sagte Spohr. Das werde aber nicht ohne „Ruckeleien“ gehen. Man habe Piloten aus dem Urlaub zurückgeholt und fliege innerhalb Deutschlands auch mit Jumbo-Jets, um alle Passagiere aufnehmen zu können. Ein stabiler Betrieb sei in sechs bis neun Monaten zu erwarten.

Frage nach Ticketpreisen

Die Ticketpreise sollen laut Spohr dadurch nicht unbedingt steigen. „Denn der Wettbewerb wird sich in Europa und auch weltweit verschärfen“, sagte er der Zeitung. „Wir gehen von weiter sinkenden Preisen aus.“ Preiserhöhungen auf einzelnen Strecken wollte er im „Handelsblatt“ aber nicht grundsätzlich ausschließen. In der Luftfahrtbranche seien die Preise in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken, und das mitunter so stark, „dass Airlines nicht mehr überleben konnten“.

Eurowings soll Billigflüge übernehmen

Im Konzern werde man sich mit der Tochter Eurowings selbst Konkurrenz machen. „Da, wo es bisher nur Lufthansa und Air Berlin gab wie beispielsweise zwischen München und Köln, kommen nun Eurowings-Flüge als Ersatz für Air Berlin hinzu.“ Dadurch könnten auf die Fluglinie jedoch kartellrechtliche Probleme zukommen. Der deutsche Luftverkehrsberater Gerald Wissel erwartete eine vertiefte kartellrechtliche Überprüfung der EU-Kommission. Dabei würden die Marktverhältnisse auf einzelnen Strecken überprüft. Es könne dann gut sein, dass Lufthansa Start- und Landerechte (Slots) auf einzelnen Verbindungen freigeben müsse und diese dann an Konkurrenten verteilt würden.

Lufthansa-Chef Spohr kündigte auch ein Angebot an, „um im Ausland gestrandeten Passagieren der Air Berlin die Heimreise zu einem fairen Preis anzubieten, sofern wir die Kapazitäten dafür haben“. Aus Lufthansa-Kreisen hieß es dazu, es sei schwer zu schätzen, um wie viele Passagiere es dabei gehe. Seit 25. September ist bekannt, dass Air Berlin alle Langstreckenflüge am 15. Oktober einstellt.

Keine Air-Berlin-Flüge ab Ende Oktober

Generell wird Air Berlin voraussichtlich ab Ende Oktober nicht mehr unter eigener Flugnummer fliegen, wie es in einem Brief der Firmenleitung an die Mitarbeiter hieß. Tickets für spätere Flüge verlieren ihre Gültigkeit.

Die Lufthansa ist Deutschlands Marktführer und beschäftigt rund 124.000 Menschen weltweit. 2016 gab es einen Umsatz von 32 Milliarden Euro. Auch die Anleger jubelten am Donnerstag: Der Deal zwischen Lufthansa und Air Berlin ließ die Aktien der Lufthansa gleich um 3,2 Prozent auf 25,34 Euro steigen, das war der höchste Stand seit Anfang 2001. Die Papiere der insolventen Air Berlin schossen um fast die Hälfte auf 23 Cent in die Höhe.

Auch Interesse an „neuer“ Alitalia

Die Lufthansa zieht Spohr zufolge auch ein Engagement bei der insolventen Alitalia nach einem möglichen Umbau in Betracht. „Italien ist ein wichtiger Markt für uns. Und die Alitalia, wie sie heute existiert, ist kein Thema“, so Spohr. Sollte es jedoch einen Neustart des nationalen italienischen Carriers geben, sähe die Sache anders aus. Am Montag läuft die Bieterfrist für die angeschlagene Alitalia ab. Ryanair hatte kürzlich sein Übernahmeangebot zurückgezogen. Ob die Lufthansa bis Montag ein Gebot abgeben wird, ließ Spohr offen.

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