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Tätowierte Schweine, geteerte Vögel

Noch nie ist es so heikel gewesen, Tiere für Kunstwerke zu verwenden, und dennoch scheint die Gegenwartskunst geradezu besessen vom Animalischen. Kein Wunder, Bilder von Tieren ziehen das Publikum magnetisch an. Doch selbst in kritischen Arbeiten löst die Darstellung von Gewalt, selbst dann, wenn sie diese anprangert, heftige Proteste aus.

Ende der 1990er Jahre hatte der Künstler Wim Delvoye eine Idee: Auf dem Gipfel der Tattoomode ließ er Schweinen in China den Rücken tätowieren - freilich unter Narkose. Die Masttiere wären sonst auf den Schlachthof gekommen, rechtfertigte sich der vegetarische Künstler gegenüber der Kritik. Durch die Disney- und Jesus-Motive hätten sie überlebt, zudem sei ihr Wert enorm gestiegen. Ausgestopft wurden die Schweine um bis zu 100.000 Euro verkauft.

Tätowierte und ausgestopfte Schweineskulptur des belgischen Künstlers Wim Delvoye

Courtesy Galerie Emmanuel Perrotin

Eine der tätowierten und ausgestopften Schweineskulpturen, die Delvoye um bis zu 100.000 Euro verkauft

Hierzulande wäre es gesetzeswidrig, Tiere derart in Kunstwerke zu verwandeln. In Mastbetrieben bekommen Ferkel jedoch mit Tätowierstempeln Betriebsnummern aufgeprägt. Delvoyes mit Louis-Vuitton-Muster verzierte und ausgestopfte Sau mag zynisch wirken; genauer betrachtet wirft so eine Skulptur jedoch Fragen zur industriellen Tierhaltung, zu Markenwahn und zu den Aufwertungsmechanismen des Kunstmarkts auf.

Pitbulls auf Laufbändern

Ende September schloss das New Yorker Guggenheim Museum drei Arbeiten mit Tieren aus seiner Schau „Art and China after 1989“ aus. Das Haus knickte unter einem Proteststurm ein, der noch vor der Eröffnung von einer Tierschutzorganisation losgetreten worden war. Mit über 700.000 Unterschriften wurde eine „gewaltfreie“ Show gefordert, gleichzeitig erhielt das Guggenheim Museum heftige Drohungen von radikalen Tierschützern.

Für Empörung sorgte etwa das Video „Dogs That Cannot Touch Each Other“. Es zeigt eine Kunstaktion mit Kampfhunden 1996, die einander auf Laufbändern gegenüberstehen. Die angehängten Pitbull Terrier wollen ihre Vis-a-vis attackieren und rennen bis zur Erschöpfung am Stand. Das verantwortliche Künstlerpaar wollte die mörderische Konkurrenz und den Leerlauf im postkommunistischen China symbolisieren; heutzutage ernten nur die Vierbeiner Mitgefühl.

Der mit dem Kojoten tanzt

Seit jeher hat sich der Mensch im Tier gespiegelt: Schon in den Höhlenzeichnungen von Lascaux verewigten Steinzeitkünstler Dutzende Tierarten. Im 16. Jahrhundert entwickelte sich das „Tierstück“ zu einer eigenen Bildgattung, man denke an Dürers berühmten „Feldhasen“. In den Menagerien der Fürstenhöfe studierten Maler exotische Geschöpfe. Auch die Zeitgenossin Candida Höfer ging in den Zoo. Ihre Fotoserie, die jetzt in der Schau „Naturgeschichten“ im MUMOK hängt, zeigt Giraffen vor gemalten Savannen und Bären vor falschen Felsen, kurzum: die Künstlichkeit inszenierter Natur.

Aktionskünstler Joseph Beuys mit einem Kojoten in einer New Yorker Galerie

Joseph Beuys "I like America and America likes Me", 1974; Courtesy Archiv Block, Berlin; Bildrecht Wien, 2017

Der Aktionskünstler Joseph Beuys verbrachte 1974 drei Tage mit einem Kojoten in einer New Yorker Galerie

Bei der MUMOK-Ausstellung läuft auch das Video „I like America and America likes me“ von Joseph Beuys aus dem Jahr 1974. Zu sehen ist der Aktionskünstler, wie er drei Tage in einer New Yorker Galerie mit einem Kojoten verbrachte. Beuys war zuvor nie in den USA gewesen und der Präriewolf sollte der „erste Amerikaner“ sein, den er dort trifft. Dafür ließ sich der Kapitalismuskritiker in Düsseldorf komplett in Filzdecken einwickeln und vom New Yorker Flughafen verhüllt in die Galerie bringen.

Ausstellungshinweis

„Naturgeschichten. Spuren des Politischen“, Naturhistorisches Museum Wien, montags bis sonntags 9.00 bis 18.30 Uhr, und im Wiener MUMOK, montags 14.00 bis 19.00 Uhr, dienstags bis sonntags 10.00 bis 19.00 Uhr, donnerstags bis 21.00 Uhr.

Geweihträger als Kuriosa

Beuys trat während der Performance wie ein Schamane auf; in Interviews bezog er sich auf den Völkermord an den amerikanischen Ureinwohnern. Beuys nannte Tiere „Engelswesen“, seine ökologisch-esoterische Haltung wirkt bis heute nach. In seine Fußstapfen trat 2011 der Künstler Carsten Höller, als er in Berlin ein Dutzend lebende Rentiere ausstellte. In den weiten Hallen des Hamburger Bahnhofes, die bald ein scharfer Uringeruch erfüllte, waren die Besucher von den friedlichen Geweihträgern höchst angetan.

Was geschieht mit Tieren, wenn sie im Kunstkontext gezeigt werden? Wie geht die westliche Kultur mit dem Fremden um, das die Fauna darstellt? Der US-Künstler Mark Dion beschäftigt sich schon lange mit der Präsentation von Natur zur Belehrung oder zum Vergnügen. Für seine Installationen verwendet er auch häufig ausgestopfte Tiere. Im Zuge der MUMOK-Schau brachte Dion seine Skulpturenserie „The Tar Museum“ ins Naturhistorische Museum.

Mäusetiger im Zarenpalast

Zu sehen sind ausgestopfte Vögel und Tierskelette, die in Teer getaucht wurden. Die schwarz glänzenden Plastiken erinnern an ökologische Katastrophen wie die Ölpest, offenbaren aber auch das Naturhistorische Museum als einen Ort des Todes - da mögen die Jagdbeuten noch so lebensecht präpariert sein. Sei es das Artensterben, Massentierhaltung oder Tierversuche: Viele ethische Fragen sprechen dafür, dass die Gegenwartskunst neue Perspektiven auf das Mensch-Tier-Verhältnisses entwickeln kann.

Anna Jermolaewas Galerie der Katzen der Eremitage, die in dem Zarenpalast die Mäuse jagen

Anna Jermolaewa

Anna Jermolaewas Galerie der Katzen der Eremitage, die in dem Zarenpalast die Mäuse jagen

Dass diese weder reißerisch noch humorlos sein müssen, beweist das Kunstprojekt „Hermitage Cats“ von Anna Jermolaewa. Mit einer Porträtgalerie und einem Video würdigt die in Wien lebende Russin die Katzen der St. Petersburger Eremitage. Im Jahr 1745 orderte Zarin Elisabeth per Verdikt Mäusetiger in ihren Palast. Heute beschützen sie die wertvollen Gemäldebestände vor Nageschäden.

Jermolaewa hat die pelzigen Museumswächter porträtiert und eine Art Mitarbeitergalerie gestaltet. Mit ihrer Videokamera folgte sie den Mietzen in den Keller der Eremitage. Die Künstlerin verschweigt auch nicht, dass es mit der Katzenliebe im Zweiten Weltkrieg zu Ende war: Während der 900-tägigen Belagerung Leningrads aßen die verhungernden Palastangestellten ihre „Mischkas“ auf.

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