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Mit „Ich auch“ gehört werden

Seit Sonntag posten Hunderttausende ihre Erlebnisse über sexuelle Nötigung unter dem Hashtag „#MeToo“ auf Sozialen Medien. Initiiert wurde die Aktion durch die Schauspielerin Alyssa Milano. Sie forderte am Sonntag Menschen über den Kurznachrichtendienst Twitter auf, sich zu Wort zu melden, wenn sie sexuell belästigt oder vergewaltigt wurden. Stimmen werden seither immer lauter, dass Solidaritätsbekundungen im Internet auch endlich aufs „echte Leben“ überschwappen müssen.

Auf Partys, am Arbeitsplatz, im Park und sogar in der Familie - sämtliche Plattformen Sozialer Medien sind zurzeit voll mit erschreckenden Geschichten über sexuelle Nötigung und gewaltvolle Übergriffe - zumeist auf Frauen. So meldeten sich Menschen auf der ganzen Welt zu Wort und die Zahlen der Postings sind beeindruckend, aber gleichzeitig schockierend: Alleine auf Facebook diskutierten, angestoßen durch „#MeToo“, mehr als sechs Millionen Menschen über Sexismus, sexuelle Belästigung und Missbrauch.

US-Schauspielerin Alyssa Milano

APA/AFP/Getty Images for The Weinstein Company/Dimitrios Kambouris

Der „#MeToo-Tweet“ von Schauspielerin Alyssa Milano wurde seit Sonntag tausendfach geteilt

Was ist dir passiert?

Den Reaktionen voraus ging Milanos Posting auf Twitter. Die Schauspielerin schrieb: „Wenn du sexuell belästigt oder vergewaltigt wurdest, schreibe ‚Ich auch‘ als Antwort auf diesen Tweet.“

Bis Dienstag wurden diese Zeilen über 21.000-mal geteilt, 59.000 Menschen antworteten darauf. Die Idee „#MeToo“ stammt allerdings nicht von Milano selbst, sondern geht auf die afroamerikanische Aktivistin Tarana Burke zurück. Bereits vor zehn Jahren gab sie mit einer gleichnamigen Kampagne vielen Frauen eine Plattform, ihre belastenden Geschichten über sexuellen Missbrauch zu teilen. Bekanntheit erlangte die Aktion durch das US-amerikanische Magazin „Ebony“, damals noch ohne Aufmerksamkeit in Sozialen Netzwerken.

Viele, vor allem Frauen, berichteten davon, dass sie sich durch „#MeToo“ endlich gehört fühlen und dass die Konversationen ihnen helfen würden, Erlebtes zu verarbeiten. Gleichzeitig wurden aber auch Stimmen laut, dass all die Geschichten nichts Neues sind und sexueller Missbrauch ein altbekanntes Thema ist. Einige stellten auch die berechtigte Frage, wie oft es noch Onlineaktionen geben würde, bis endlich etwas geschehe.

Sexuelle Gewalt als allgegenwärtiges Problem

Kritisiert wird auch, dass die Debatten sich in nahezu allen Fällen um die schrecklichen Erlebnisse von Frauen drehen und dass die Geschichten von Opfern sexueller Gewalt ausgebeutet werden, um damit Diskussionen zu entfachen. Zu Recht werden Fragen laut, warum nicht die Geschichten der Täter mehr in den Mittelpunkt gerückt werden - denn sie sind es, die für jene Schicksale, die durch „#MeToo“ öffentlich wurden, zur Verantwortung gezogen werden müssten. Und die Täter sind - neben Scham - nicht selten auch der Grund, warum viele Menschen sich nicht trauen, ihre Geschichten zu erzählen.

Wissenschaftsjournalistin Eleanor Cummins schrieb zudem kürzlich in einem Kommentar, dass sexuelle Belästigung und Vergewaltigung überall auf der Welt begangen werden. Denn wo Unterschiede zwischen den Geschlechtern gemacht werden, gebe es automatisch ungleiche Machtverhältnisse in der Gesellschaft - etwa zwischen Männern und Frauen. Gewaltvolle Übergriffe passierten überall und jeder, auch wenn viele Menschen das ignorieren würden, so Cummins.

Ein Hashtag unter vielen

Bereits einige Jahre vor „#MeToo“ gab es im deutschsprachigen Raum ähnliche Onlinebewegungen. Die anschließenden Diskussionen auf den Sozialen Medien zeigten, dass es unzählige Frauen gibt, die sexuell belästigt wurden. Unter dem Hashtag „#Aufschrei“ gab es 2013 zahlreiche Postings, in denen Menschen über ihre Erfahrungen mit Sexismus im Alltag berichteten. Es folgten zahlreiche Reaktionen und Berichte.

Ein paar Jahre später hatte dann die deutsche Studentin Anna Lena Bankel dazu aufgerufen, Erfahrungen sexueller Belästigung in öffentlichen Verkehrsmitteln auf Twitter zu teilen. Der Hashtag „#ImZugPassiert“ erlangte anschließend in Österreich vor allem durch die grüne Nationalratsabgeordnete Sigi Maurer besondere Bekanntheit.

Reaktionen und Gegenbewegungen

Das Thema Sexismus und die unzähligen Antworten darauf im Internet sind also nicht neu - weder in den USA noch in Österreich. Dennoch rücken Hashtags wie „#MeToo“ die Tabuthemen Sexismus, sexuelle Gewalt und Vergewaltigung immer wieder in die breitere Öffentlichkeit. Reaktionen wie etwa „#NotAllMen“ („Nicht alle Männer“) oder „#HowIWillChange“ („Wie ich mich ändern werde“), mit denen Männer beschreiben, wie sie zur Besserung in der Gesellschaft beitragen, bei Gewalt gegen Frauen eingreifen und Sexismus im Alltag vorbeugen wollen, schärfen weiter das Bewusstsein.

Was mit „#MeToo“ einen neuen Namen bekam, ist eine Debatte, die sich bereits über viele Jahre zieht und gesellschaftliche Probleme aufzeigt - darunter auch das fehlende Verständnis für die Betroffenen. So sagte die US-amerikanische Komikerin Aparna Nancherla bezüglich „#MeToo“, dass aus dem „Ich auch“ ein „Ich glaube dir“ werden müsse.

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