Themenüberblick

„Nein, der IS ist nicht tot“

In der syrischen Stadt al-Rakka ist die Schreckensherrschaft der Terrormiliz Islamsicher Staat (IS) zu Ende. Am Dienstag verkündeten die Milizen der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) den Sieg über die Extremisten. Von den Einwohnern sind nur wenige geblieben, es gibt kaum ein Gebäude, das nicht beschädigt oder zerstört ist.

Filmmaterial der BBC, aufgenommen direkt nach dem Ende der größten Kämpfe in der Stadt, zeigt al-Rakka in Trümmern. Im Zentrum wurden die schwarzen IS-Flaggen entfernt, stattdessen wehen dort die Flaggen der Kurdenmiliz YPG. Die Bilder zeigen auch den Platz, der von der Terrormiliz als Hinrichtungsstätte genutzt worden sei, schilderte am Mittwoch ein Reporter aus der Stadt für die BBC. Auf dem Platz seien Menschen geköpft, gekreuzigt und Köpfe gezeigt worden. Er sei deshalb von der Bevölkerung der „Platz der Köpfe“ genannt worden. Der IS selbst nannte ihn „Paradiesplatz“.

Zerstörung in Rakka

Reuters/Erik De Castro

Die Ruinen geben einen Eindruck von der Heftigkeit der monatelangen Kämpfe in der Stadt

Um diesen „symbolischen Platz des Kalifats“ sei bis zuletzt gekämpft worden. Laut BBC gibt es in der Stadt praktisch kein Gebäude, das nicht durch die etwa vier Monate dauernden Gefechte beschädigt wurde. Der US-TV-Sender CNN zeigte Luftbilder des Platzes, aufgenommen von einer Drohne.

Die zweite Hauptstadt des „Kalifats“

Al-Rakka galt als die inoffizielle „Hauptstadt“ des IS, die Stadt am Euphrat im Norden Syriens soll Zentrum der Planung für Anschläge auch im Westen gewesen sein. Auch Drahtzieher der Anschläge von Paris 2015 sollen sich in der Stadt aufgehalten haben, einige sollen schon vor Monaten getötet worden sein. Am Dienstag erklärten nun kurdische und arabische Milizen, die ständig von der US-Armee aus der Luft unterstützt wurden, der IS sei in al-Rakka besiegt.

Syrische Soldaten in Rakka

Reuters/Erik De Castro

Kämpfer der SDF-Koalition verkünden die Befreiung der Stadt aus den Händen des IS

Die Stadt sei über viereinhalb Jahre Kriegsgebiet gewesen, schrieb am Mittwoch die „Washington Post“. 2013 hatte die extremistische Al-Nusra-Front die Kontrolle übernommen, 2014 der IS. Vor knapp einem Jahr starteten die von der Kurdenmiliz YPG dominierten SDF ihre Offensive auf die Stadt.

Tausende Luftangriffe

Die größten Zerstörungen habe es allerdings in den letzten vier Monaten gegeben, so die US-Zeitung. Eine „unerbittliche“ Serie von Luftangriffen habe zahlreiche Militante wie Zivilisten getötet, schrieb die US-Zeitung weiter. „Die Infrastruktur der Stadt liegt in Trümmern.“ Schon im August hatte es Berichte des katarischen TV-Senders al-Jazeera gegeben, wonach die in der Stadt verbliebene Zivilbevökerung keinen Zugang mehr zu Strom, sauberem Wasser und medizinischer Versorgung gehabt habe. Auch Nahrungsmittel waren schon damals knapp.

Zerstörung in Rakka

Reuters/Erik De Castro

Ganze Straßen wurden dem Erdboden gleichgemacht

Laut einer Schätzung der Weltbank von Anfang des Jahres wurde al-Rakka von mehr als 2.000 Luftangriffen getroffen, danach habe es nochmals mindestens 2.500 weitere Angriffe gegeben, schrieb die „Washington Post“ unter dem Titel „Der Preis des Sieges in al-Rakka“. Nach Schätzungen würde es bis zu zehn Jahre dauern, bis die Stadt wiederaufgebaut ist.

Laut der US-Zeitung geht die im Exil ansässige, sehr oft zur aktuellen Lage zitierte Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte von über 1.100 Todesopfern in al-Rakka aus - und davon, dass die meisten Menschen bei Luftangriffen gestorben seien. Außerdem habe der IS Zivilisten als Schutzschilde benutzt. Zuletzt hätten nur noch einige Dutzend IS-Kämpfer, die aus dem Ausland stammten, im Zentrum der Stadt Widerstand geleistet.

Wohin gehen die Extremisten?

Hunderte IS-Kämpfer hatten zuvor kapituliert, nachdem ihnen freies Geleit aus der Stadt angeboten worden war. Die Mehrheit hat die Stadt verlassen. Von rund 300.000 Menschen seien vielleicht noch 25.000 übrig, schätzt die UNO. Außerdem gehe von versprengten IS-Kämpfern immer noch Gefahr aus, schrieb die „Washington Post“. In der traumatisierten und zerstörten Stadt wieder Ordnung herzustellen scheine aus derzeitiger Sicht beinahe ein Ding der Unmöglichkeit.

Zerstörte Gebäude in Rakka

Reuters/Erik De Castro

Der Wiederaufbau al-Rakkas wird Jahre dauern

Internationale Medien sehen nach dem Fall von al-Rakka (und dem der IS-Bastion Mossul im Nordirak schon zuvor im Juli) zwar das Ende des selbst proklamierten „Kalifats“ heraufdämmern, nicht aber das der Terrormiliz selbst. Unklar ist etwa, wo sich die Kämpfer, die die Stadt kampflos verlassen hatten, aufhalten. Unter ihnen sollen sich auch zahlreiche „Foreign Fighters“ befinden. Außerdem dürften die Ruinen voll von Minen und Sprengfallen sein.

Ideologie des IS „sehr lebendig“

Der IS hatte in den vergangenen Monaten bereits die wichtigsten Teile seines Herrschaftsgebiets in Syrien und im Irak verloren, in dem er einst ein „Kalifat“ ausgerufen hatte. Nachdem die Extremisten an fast allen Fronten zurückgedrängt wurden, bleibt ihnen als Rückzugsort neben größeren Wüstenregionen nur noch das Siedlungsgebiet am Euphrat im Grenzgebiet von Syrien und dem Irak. Das US-Militär schätzt, dass sich in beiden Ländern noch rund 6.500 Kämpfer befinden.

Syrischer Soldat in Rakka

Reuters/Zohra Bensemra

Letzte Kämpfe gegen versprengte IS-Extremisten

„Der Traum vom ‚Kalifat‘ ist vorüber“, analysierte am Mittwoch die BBC. Aber der IS bleibe gefährlich, seine Anführer befänden sich nach wie vor auf freiem Fuß. Ob der selbst ernannte „Kalif“ Abu Bakr al-Baghdadi - wie mehrfach spekuliert wurde - tatsächlich tot ist, ist ungewiss. Die BBC verweist außerdem auf „Franchise“-Gruppen des IS in Libyen, Afghanistan und dem Jemen. Die Ideologie des IS sei „sehr lebendig“, und sie allein reiche schon aus, um Anschlägen wie jenen in Paris, Madrid und anderswo den Boden zu bereiten. „Nein, der IS ist nicht tot.“

Links: