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Pflanzen wachsen sich zu Tode

Nach den Problemen mit einem Pflanzenschutzmittel des Agrarriesen Monsanto werden die USA von einer Beschwerdewelle überrollt. In US-Bundesstaaten wie Arkansas, Missouri und Illinois, die zu den Hauptanbaugebieten für Soja gehören, gingen heuer bisher so viele Beschwerden wegen Schäden nach dem Einsatz des Herbizids Dicamba ein wie sonst etwa in vier Jahren zusammen.

Die Landwirtschaftsbehörden sehen sich mit einer langen Liste von Beschwerden konfrontiert, die nicht nur die Kosten für Labortests, sondern auch die Überstunden der Beschäftigten in die Höhe treiben. Mehrere Staaten mussten Mitarbeiter neu zuteilen, um die Last zu bewältigen. „Wir haben nicht das Personal, um in einem Jahr 400 Untersuchungen durchzuführen und alle anderen erforderlichen Arbeiten erledigen zu können“, sagt Paul Bailey vom Landwirtschaftsministerium in Missouri.

Fast 3.000 Beschwerden eingereicht

In dem Bundesstaat reichten Landwirte rund 310 Beschwerden wegen des Verdachts von Schäden nach dem Einsatz von Dicamba ein - zusätzlich zu den rund 80 Beschwerden, die der Staat wegen Pflanzenschutzmitteln normalerweise im Jahr erhält. Nach Daten der Universität von Missouri wurden in den USA bis Mitte Oktober 2.708 Untersuchungen wegen Schäden an Pflanzen im Zusammenhang mit Dicamba eingeleitet.

Sojafeld in Illinois (USA)

APA/AP/Seth Perlman

Landwirte in den USA klagen über Schäden an ihren Pflanzen

In Arkansas wurden rund 985 Beschwerden wegen Dicamba eingereicht, die meisten überhaupt in einem US-Bundesstaat. In Illinois liegen rund 421 Beschwerden vor, so viele wie noch nie seit 1989. Mindestens 245 davon betreffen Dicamba.

Nur gentechnisch veränderte Pflanzen geschützt

Der Beschwerdewelle ging eine Entscheidung der US-Umweltschutzbehörde Environmental Protection Agency (EPA) voraus. Sie hatte im vergangenen Jahr den Einsatz des Herbizids während der Vegetationszeit im Sommer genehmigt, nachdem das zuvor nur vor der Aussaat erlaubt war. Die höheren Temperaturen im Sommer dürften aber dazu geführt haben, dass sich das Mittel zu schnell verflüchtigte. Es sei über die Felder getrieben und habe so auch Pflanzen erreicht, die nicht gegen das Mittel durch gentechnische Veränderung gewappnet gewesen seien, so der Vorwurf der Landwirte.

Sojafeld in Illinois (USA)

APA/AP/Seth Perlman

Sind Pflanzen nicht entsprechend gentechnisch verändert, werden sie von Dicamba nachhaltig geschädigt

Das Mittel beschleunigt das Wachstum der Pflanzen so sehr, dass sie sich schließlich verausgaben und absterben. Das gilt nicht nur für Unkraut, sondern auch für Nutzpflanzen wie Sojabohnen. Davon ausgenommen ist nur eine genetisch veränderte Sojasorte, die Monsanto vertreibt. Sie ist gegen Dicamba resistent.

Monsanto sieht Schuld bei Landwirten

Die EPA will nun im kommenden Jahr nach einer Bewertung der Beschwerden und nach Absprache mit Experten entscheiden, ob die Genehmigung verlängert wird. Der Einsatz 2018 wurde von der Behörde bereits beschränkt. Monsanto sieht die Schuld allerdings bei den Landwirten. Der Konzern wirft ihnen vor, der 4.550 Wörter starken Anleitung des Herbizids nicht genau gefolgt zu sein und Dicamba unsachgemäß aufgetragen zu haben.

Tests verweigert

Die erweiterte Zulassung der EPA erfolgte, nachdem Monsanto die Formel des Unkrautvernichtungsmittels verändert hatte. Damit sollte laut dem Konzern gerade die schnelle Verdunstung des Herbizids verhindert werden. Allerdings wurden bereits im Sommer Vorwürfe laut, wonach Monsanto für das neu zusammengesetzte Mittel entsprechende Tests verweigert hatte. Forscher der Universitäten von Illinois, Arkansas und Missouri sagten damals, Monsanto habe explizit untersagt, das Produkt auf Flüchtigkeit zu testen.

Wird in den USA ein neues Agrarprodukt entwickelt, ist es üblich, dass das betreffende Unternehmen eigene Tests vornimmt - und die Daten und Ergebnisse dann mit den zuständigen Behörden teilt. Stichproben des Produkts werden zudem Universitäten vorgelegt, um für zusätzliche Sicherheit zu sorgen. Regulatoren und Forscher arbeiten dann bei der Beurteilung zusammen. Im aktuellen Fall verwehrte Monsanto Forschern an Universitäten aber, seine Dicamba-Version mit dem Namen XtendiMax auf Flüchtigkeit hin zu untersuchen und damit zu prüfen, ob es sich über Felder hinweg verteilen kann.

Nachfolger für Glyphosat

Für Monsanto ist die erweiterte Zulassung von Dicamba von großem wirtschaftlichen Interesse. Das Herbizid hat sich in den vergangenen Jahren als Nachfolger des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat entwickelt, gegen den sich zunehmend Resistenzen gebildet haben.

Der Konzern geht davon aus, dass 2019 die Hälfte aller in den USA angebauten Sojabohnen aus Saatgut stammt, das für den Einsatz von Dicamba gentechnisch aufgerüstet ist. Das Pflanzenschutzmittel wird neben Monsanto auch vom deutschen Chemiekonzern BASF sowie von DowDuPont unter anderem Namen hergestellt.

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