Themenüberblick

Smart Import für Linz

Als Aktionskünstlerin ist Valie Export skandalisiert worden, sie hat in Österreich keine Professur erhalten und hiesige Museen haben nur wenige Werke angekauft. Ihre Heimatstadt Linz erwarb jedoch 2015 das Archiv der international bekannten Avantgardistin und eröffnete jetzt das Valie Export Center. Parallel gibt eine Schau im Kunstmuseum Lentos einen kleinen Vorgeschmack darauf, was im Vorlass alles schlummert.

Dass sie mit Künstlernamen „Export“ heißen wollte, das wusste die geborene Waltraud Lehner schon am Beginn ihrer Karriere. Eines Abends 1970 fiel ihr Blick zufällig auf die Aufschrift „Smart Export“ ihrer Zigarettenpackung. „Da wusste ich, dass mein Gesicht auf die dort abgebildete Weltkugel sollte“, erzählte die Künstlerin jetzt im Lentos. Das originale Tschickpackerl besitzt heute das Museum of Modern Art in New York. Dafür ist in der Linzer Tabakfabrik am Freitag das Valie Export Center eröffnet worden.

Valie Export

Violetta Wakolbinger, VALIE EXPORT Center Linz

Medienkünstlerin Valie Export wird mit einem Forschungszentrum gewürdigt

Weit mehr als „Genitalpanik“

Noch sind die schwarzen Regale dieser neuen Institution leer, aber bald werden dort Valie Exports über 6.000 Bücher sowie ihre Zigtausenden Fotos, Filme, Zeichnungen, Skizzen, Entwürfe und Zeitungsartikel für die Forschung bereitstehen. Der um 700.000 Euro von der Stadt Linz erworbene Vorlass besteht nicht aus Werken, sondern aus gesammelten Materialien. Sie erlauben ein vertieftes Verständnis - von Valie Exports Oeuvre ebenso wie von den gesellschaftlichen Ideologien, gegen die sie ankämpfte.

Die 1940 geborene Künstlerin ist einer breiteren Öffentlichkeit vor allem als Provokateurin ein Begriff. Etwa durch ihr gewagtes Foto „Aktionshose: Genitalpanik“, für das sie 1969 mit im Schritt aufgeschnittener Jean und erhobener Waffe posierte. Weitere legendäre Auftritte: 1968 führte Valie Export ihren Lebensgefährten Peter Weibel an einer Leine durch Wien; mit ihrem „Tapp- und Tastkino“ lud sie Passanten auf der Straße ein, ihre Brüste zu berühren. Dennoch war sie mehr Konzeptualistin als Bürgerschreck.

Brief an den Kardinal

Davon zeugt auch die Ausstellung „Valie Export. Das Archiv als Ort künstlerischer Forschung“ im Lentos, die auszugsweise Materialien aus den letzten 50 Jahren aufbereitet hat. Die Kuratorin der Schau, Sabine Folie, leitete von 2008 bis 2014 die Generali Foundation in Wien. Diese private Kunstsammlung im Konzernbesitz erwarb - im Gegensatz zu öffentlichen Institutionen wie dem Museum Moderner Kunst - schon früh wichtige Arbeiten der Medienkünstlerin.

Valie Export: „Der Mensch als Ornament“

LENTOS Kunstmuseum/VALIE EXPORT Center Linz

Valie Exports Körperkonfiguration „Der Mensch als Ornament“ aus dem Jahr 1976

Wie viele Schmähungen Export erdulden musste, machen Zeitungsartikel in den Vitrinen deutlich. „Wo man Scheiße subventioniert“ titelte der „Kronen Zeitung“-Kolumnist Staberl über den Film „Unsichtbare Gegner“, für den Valie Export von berufenerer Stelle als „Erbin“ des berühmten Surrealisten Luis Bunuel bezeichnet wurde. Bis in den Vatikan reichten die Klagen: Ein ausgestellter Beschwerdebrief fleht einen Kardinal in Rom an, gegen solch obszöne Kunst tätig zu werden. Als Herausgeber eines Buchs über den Wiener Aktionismus wurden Valie Export und Weibel sogar wegen Pornografie gerichtlich verurteilt.

Ausstellungshinweis

Valie Export. Das Archiv als Ort künstlerischer Forschung" im Lentos Kunstmuseum Linz, bis 28. Jänner 2018

Wider das Patriarchat

Gemäß ihrem Künstlernamen strebte Valie Export früh internationale Vernetzung an. Sie holte aber auch wichtige Künstlerinnen nach Wien. 1975 konzipierte und organisierte sie die wichtige Schau feministischer Kunst, „Magna“, die nicht nur heimischen Kolleginnen wie Renate Bertlmann eine Plattform bot, sondern auch deutsche und amerikanische Kolleginnen präsentierte. Das Katalogcover zeigte eine kauernde, nackte Frau in einer Art Faltkarton, dessen Form als Kreuz, aber auch als Phallus angesehen werden kann.

Valie Export: „Stand up. Sit down“, 1989 (Entwurf)

LENTOS Kunstmuseum/VALIE EXPORT Center Linz

Körper und Architektur verschmelzen: Collage „Stand up. Sit down“, Entwurf von 1989

„Mich hat beeindruckt, wie sehr Valie Export der Öffentlichkeit etwas vermitteln wollte, sie war regelrecht edukativ“, sagt Kuratorin Folie zu dem TV-Programm avantgardistischer Filme, das sie Mitte der 1980er Jahre für den ORF zusammenstellte und auch moderierte. „Das bewaffnete Auge“ hieß der Beitrag; die zweite Sendung „Der virtuelle Körper“ kam nicht zustande. Wie spannend Valie Export Leiblichkeit und Öffentlichkeit zusammen dachte, beweist ihre Fotoserie „Körperfigurationen“, für die sie sich an Gehsteige oder Litfaßsäulen schmiegte.

Verborgenes entdecken

Es sind solche nicht realisierten Konzepte und Ideen, die den Forschern und Forscherinnen noch viel zu tun geben werden. Dem Interesse am Künstlerarchiv, das in den letzten Jahren enorm gestiegen ist, geht auch ein Symposium zur Eröffnung des Zentrums nach. „Bei manchen der Sachen hat es mir wehgetan, sie bereits herzugeben, aber diese Ambivalenz spüre ich heute nicht mehr“, sagt Valie Export über das Loslassen ihres materiellen Gedächtnisses. „Wenn bald junge Künstlerinnen das Archiv sichten, geht der Blick von der Vergangenheit wieder in die Zukunft.“

Links: