Themenüberblick

Opposition sieht „Peinlichkeit“

Mit einem Video will die nationalkonservative Regierung Polens die Bürgerinnen und Bürger zu mehr Nachwuchs animieren. Doch mit der Idee, in dem kurzen Clip Hasen als Protagonisten und Vorbilder zu nehmen, hat sich das verantwortliche Gesundheitsministerium wohl eher in die Nesseln gesetzt.

Man solle sich Kaninchen als Vorbild nehmen, wenn man Kinder haben möchte, heißt es in dem Clip, in dem fröhlich durch die Welt hoppelnde Kaninchen zu sehen sind. Das Video wird im nationalen Fernsehen zur besten Programmzeit eingesetzt.

Das „Geheimnis“ für viele Kinder

Hasen wüssten, wie man sich um zahlreichen Nachwuchs kümmere: Das Geheimnis sei viel Bewegung, gesunde Ernährung und wenig Stress. Wenn man Elternteil werden wolle, solle man sich ein Beispiel an Hasen nehmen. „Ich weiß, wovon ich rede“, legt der Sprecher aus dem Off einen Hasen in den Mund: „Mein Vater hatte 63 von uns.“

Menschen kommen in dem Clip nur am Rande vor, neben dem Sprecher, der am Ende neben dem Logo des Gesundheitsministeriums zu sehen ist, sieht man zu Beginn kurz ein Paar bei einem Picknick. Der Hintergrund der Kampagne im Rahmen des Nationalen Gesundheitsprogramms 2016 bis 2020 ist die geringe Fertilitätsrate in Polen. Sie liegt bei 1,32 Kinder pro Frau - in Österreich sind es 1,53.

Kritik an Kosten

Von der Opposition setzte es - wie auch in Sozialen Netzwerken - Kritik. Der ehemalige Gesundheitsminister Bartosz Arlukowicz von der oppositionellen Bürgerplattform (PO) sprach von einem „peinlichen“ Vorschlag und erinnerte daran, dass die polnische Regierung das Programm zur finanziellen Unterstützung von In-vitro-Fertilisation gestoppt hatte. Auch stößt er sich an den Kosten von 2,7 Millionen Zloty (rund 640.000 Euro) für das Video.

Noch schärfer formulierte es der PO-Senator Tomasz Grodzki: „In diesem peinlichen Spot zeigt die Regierung ihre wahren Absichten: Wir sollen wie Kaninchen geboren werden, essen wie die Ochsen, abstimmen wie Böcke und still wie Mäuschen sein.“

Auch Wissenschaftler skeptisch

Auch nach Ansicht von Wissenschaftlern, die von polnischen Medien befragt wurden, ist der Hasenvergleich eher in die Hose gegangen: „Es ist eine verhängnisvolle Idee: Sprachkonnotationen mit Kaninchen und Fruchtbarkeit sind eindeutig negativ besetzt“, sagte der Sprachwissenschaftler Jerzy Bralczyk der Tageszeitung „Dziennik Gazeta Prawna“.

Sich zu „vermehren wie die Karnickel“ gilt ja auch in der deutschen Sprache nicht unbedingt als Kompliment. Für Männer gälten Hasen nicht unbedingt als Vorbild, meint Bralczyk. Und Frauen würden objektifiziert und in die Nähe von „Playboy-Bunnys“ gerückt. Der Zoologe Lukasz Depa von der Universität in Katowice verwies zudem darauf, dass Hasen deswegen auf viele Nachkommen setzen müssen, weil die Lebenserwartung angesichts vieler Fressfeinde recht gering ist.

Gesundheitsminister findet Aufmerksamkeit gut

Gesundheitsminister Konstanty Radziwill verteidigte am Mittwoch im Parlament die Kampagne: Die Macher des Clips seien PR-Experten: „Ich glaube, dass, auch wenn der Spot ein bisschen umstritten ist, er Aufmerksamkeit auf ein Thema lenkt, das in Polen ein Problem ist.“ Dass die Emotionen hochgehen, findet er gut: Die Debatte über das Thema sei einfach wichtig. Angekündigt wurden weitere Clips und auch Werbung im Radio. Allerdings gab es auch Hinweise, dass die anhaltende Kritik auch Wirkung hat. Das ursprünglich auf YouTube hochgeladene Video ist mittlerweile nicht mehr aufzufinden - nur noch eine Kopie davon auf einem Privataccount.

Hohes Kindergeld

Polen kämpft schon seit längerer Zweit mit der niedrigen Geburtenrate: Bereits 2013 hatte die Koalition aus der Bürgerplattform und der Bauernpartei (PSL) die Karenzregelung verbessert und bis zu ein Jahr 80 Prozent des Durchschnittsgehalts bezahlt. 2016 führte die nationalkonservative Partei für Recht und Gerechtigkeit (PiS) ein Kindergeld von 500 Zloty (etwa 120 Euro) ab dem zweiten Kind ein. Der recht hohe Betrag war auch eines ihrer zentralen Wahlkampfversprechen. Eine der Hürden ist allerdings die Kinderbetreuung: Laut Experten gibt es Nachholbedarf bei Kinderkrippen- und Kindergärten.

Links: