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Laut Experten keine Gefahr

Im Oktober ist über Europa eine leichte radioaktive Strahlung gemessen worden. Wie die britische Tageszeitung „The Guardian“ am Donnerstag berichtete, konnte das französische Institut für nukleare Sicherheit (IRSN) nun aber erste Antworten zur Ursache geben: Die erhöhten Messwerte von Ruthenium 106 gehen auf einen Nuklearunfall in Russland oder Kasachstan in der letzten September-Woche zurück.

Es handle sich laut IRSN um einen Zwischenfall in einer Fabrik für Kernbrennstoff oder einem Zentrum für Nuklearmedizin. Zwar könne man den genauen Unfallort nicht lokalisieren, schaue man sich jedoch die Wetterkarten der vergangenen Wochen an, so könne ein Gebiet südlich des Ural-Gebirges - und zwar zwischen Ural und dem Fluss Wolga - ausgemacht werden.

Ursache wahrscheinlich in Russland

Demnach müsse es sich um ein Areal in Russland oder möglicherweise Kasachstan handeln, so ein Mitarbeiter von IRSN zum „Guardian“. Konkrete Rückmeldungen aus den jeweiligen Ländern habe es noch nicht gegeben. „Die russischen Behörden haben gesagt, sie seien sich eines Unfalls in dieser Gegend nicht bewusst“, so Jean-Marc Peres, der Direktor von IRSN, zur Nachrichtenagentur Reuters.

Mit Kasachstan sei man noch nicht in Kontakt getreten, auch sei es schwierig gewesen, die kasachische Botschaft in Russland zu erreichen. Eine Sprecherin des russischen Katastrophenschutzministeriums sagte lediglich, sie könne die Vorwürfe nicht weiter kommentieren.

Erhöhte Werte von Ruthenium 106 gemessen

Diverse Nuklearforschungsinstitute in Europa hatten im Oktober erhöhte Messwerte von Ruthenium 106 gemessen. Das radioaktive Nuklid ist ein Produkt, das bei der Kernspaltung entsteht - einem mechanischen Prozess. Daher sei es unmöglich, dass dieser Vorgang natürlich vonstattenging, so Peres und sein Team. Das Institut berechnete, dass die Menge des bei dem Unfall freigesetzten Ruthenium 106 in dem Gebiet selbst nicht zu unterschätzen sei.

Es handle sich dabei um 100 bis 300 Terabecquerel (Becquerel gibt die mittlere Anzahl der Atomkerne an, die pro Sekunde radioaktiv zerfallen, Anm.). Die Zahl ist deshalb bedenklich, da eine großräumige Evakuierung des betroffenen Gebiets in Russland oder Kasachstan hätte folgen müssen, wenn eine derart große Menge an radioaktivem Material in die Luft gelangen konnte. Wegen seiner vergleichsweise kurzen Halbwertszeit von etwa einem Jahr wird Ruthenium 106 in der Nuklearmedizin zur Krebstherapie eingesetzt - deshalb auch die Annahme, dass es sich beim Unfallort wohl um ein medizinisches Zentrum handelt.

IRSN: Unfall in Atomkraftwerk ausgeschlossen

IRSN konnte einen Zwischenfall in einem Atomkraftwerk ausschließen, da die Wissenschaftler in diesem Fall auch andere Verunreinigungen in der Luft festgestellt hätten. Auch ein Absturz eines mit Ruthenium angetriebenen Satelliten konnte ausgeschlossen werden, weil es keine Aufzeichnung über einen abgestürzten Satelliten in diesem Zeitraum gab. Selten kommt Ruthenium 106 nämlich in Radionuklidbatterien zum Einsatz, die Satelliten und Raumsonden mit Strom versorgen.

Vermutungen bestätigt

Messstationen in mehreren europäischen Städten, unter anderem auch in Österreich, Deutschland und Italien, hatten vor einem Monat über erhöhte Strahlenwerte berichtet. Angaben zufolge habe sich der Wert seit dem 6. Oktober gesteigert. Schon damals vermuteten diverse Forschungsinstitutionen, dass die Quelle im südlichen Ural liege. Die Ursache war jedoch bisher unklar, wie etwa das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz bei München und das deutsche Umweltministerium mitteilten. Auch zu diesem Zeitpunkt schloss man einen Unfall in einem Atomkraftwerk bereits aus.

Keine Bedenken für die menschliche Gesundheit

Die höchste in Görlitz, Deutschland, gemessene Konzentration von Ruthenium 106 lag bei circa fünf Millibecquerel pro Kubikmeter Luft - also eine äußerst geringe Konzentration des Stoffes. „Selbst bei konstanter Einatmung über den Zeitraum von einer Woche ergibt sich daraus eine Dosis, die niedriger ist als die, die durch die natürliche Umgebungsstrahlung in einer Stunde aufgenommen wird“, hieß es aus dem deutschen Umweltministerium. Auch das österreichische Umweltministerium konnte Auswirkungen auf Bevölkerung und Umwelt ausschließen.

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