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„Das meiste hat sich verschlechtert“

Zeitgleich zur heißen Phase der UNO-Klimakonferenz in Bonn, die konkrete Maßnahmen hervorbringen soll, legt die Weltforschergemeinde ihr ganzes Gewicht in die Waagschale: Am Montag ist ein drastischer Aufruf zu stärkeren Umweltanstrengungen veröffentlicht worden, unterzeichnet von mehr als 15.000 Wissenschaftlern auf der ganzen Welt. Sie warnen, dass die derzeitigen Ansätze bei Weitem nicht ausreichen.

Die Wissenschaftler waren einer Aufforderung im Fachjournal „BioScience“ gefolgt und pochen in ihrer „Warnung an die Menschheit“ auf konsequenteren Umweltschutz. „Das ist eine überwältigende Resonanz, die wir nicht erwartet haben“, sagte Koautor Thomas Newsome von der University of Sydney.

Zweiter Versuch nach 25 Jahren

Der Appell ist vor allem an die Weltklimakonferenz gerichtet. Sie geht diese Woche in die entscheidende Runde: Bis Freitag wird darum gerungen, auf welche Fortschritte sich die 195 Länder einigen können. Dabei geht es um die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens von 2015. Die Delegationen sollen Textentwürfe für ein Regelwerk erarbeiten.

Demonstration in Bonn

Reuters/Wolfgang Rattay

In Bonn findet derzeit die UNO-Klimakonferenz statt - auf der Straße wird Druck für konkrete Ergebnisse gemacht

Vor 25 Jahren schon hatten rund 1.700 Experten, darunter etliche Nobelpreisträger, vor den Folgen der Klimaveränderungen und Umweltkatastrophen gewarnt. Seither, so die ernüchternde Bilanz, habe sich wenig zum Guten gewandelt: „Seit 1992 hat die Menschheit darin versagt, ausreichend Fortschritte zu verzeichnen, um die vorhergesagten Umweltprobleme zu lösen, mit Ausnahme der Stabilisierung der Ozonschicht. Alarmierenderweise hat sich das meiste sogar verschlechtert“, heißt es im Aufruf, der von einem achtköpfigen Autorenteam verfasst wurde.

Globale Trends angeführt

Die Wissenschaftler greifen dabei auf Daten von nationalen Behörden, Organisationen und wissenschaftlichen Einrichtungen zurück. Dabei gibt es einige große Trends, die für den Umweltschutz besondere Herausforderungen darstellen: So könnten bis 2100 mehr als zwölf Milliarden Menschen auf der Erde leben. Gleichzeitig zum Bevölkerungswachstum sinke aber die Menge des pro Kopf verfügbaren Trinkwassers: seit 1992 bereits um etwa ein Viertel. Darüber hinaus seien zwischen 1990 und 2015 mehr als 120 Millionen Hektar Wald abgeholzt worden, ein Gebiet etwa so groß wie Südafrika. Seit 1992 sei zudem die Zahl der Säugetiere, Reptilien, Amphibien, Vögel und Fische um 29 Prozent gesunken.

Treibhausgasausstoß steigt auf Rekordhoch

Auch der Kohlendioxidausstoß stieg weltweit um 62 Prozent. Diese Bilanz wurde am Montag auch durch neue Zahlen unterstrichen. Die Wissenschaftlergruppe Global Carbon Project sagte ein neues Rekordhoch voraus, nach drei Jahren der Stagnation. „Das Plateau der vergangenen Jahre war nicht der Höhepunkt der Emissionen“, so die Gruppe. Bis Jahresende würden insgesamt 41 Gigatonnen Kohlendioxid (CO2) in die Atmosphäre gelangt sein. Das entspricht einem Anstieg von etwa zwei Prozent. Und auch für 2018 rechnen die Experten insgesamt mit einem Anstieg der Emissionen.

Grafik zur Entwicklung der CO2-Emissionen

Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA/globalcarbonproject.org

Der Großteil davon entfällt auf die Nutzung fossiler Brennstoffe. „Der weltweite CO2-Ausstoß scheint wieder stark zu steigen. Das ist sehr enttäuschend“, sagte Corinne Le Quere, Direktorin des britischen Tyndall Centers für Klimaforschung. „Dieses Jahr haben wir gesehen, wie der Klimawandel die Auswirkung von Hurrikans verstärken kann, wenn stärkere Regenfälle, höhere Meeresspiegel und wärmere Ozeane die Entstehung stärkerer Stürme begünstigen. Das ist ein Fenster in die Zukunft.“

Große Player lassen aus

Im Appell der 15.000 Wissenschaftler wird konstatiert, dass es vereinzelt auch Fortschritte gebe. So werde inzwischen vielerorts auf Chemikalien verzichtet, die die Ozonschicht schädigen. Erneuerbare Energien seien im Aufwind, und in Regionen, in denen in Bildung von Mädchen und Frauen investiert werde, sinke die Geburtenrate. Für mehr Veränderungen brauche es aber eine breite Welle öffentlichen Drucks auf die Politik, so die Autoren.

Gerade die großen Player liegen jedoch oftmals hinter den Erwartungen zurück. Vor allem China trägt laut Global Carbon Project zum Anstieg der CO2-Emissionen bei. In Europa und den USA gingen die Emissionen zurück, mit einer Abnahme von geschätzt 0,2 und 0,4 Prozent allerdings viel zu langsam, um dem Anstieg in anderen Regionen der Welt etwas entgegenzusetzen. Zudem kündigten die USA unter Präsident Donald Trump ihren Ausstieg aus dem Pariser Abkommen an. Bei der Bonner Klimakonferenz waren zumindest Teilnehmer wie der demokratische ehemalige US-Vizepräsident Al Gore dennoch optimistisch. Der Austritt der USA kann erst am 4. November 2020 erfolgen, einen Tag nach der nächsten US-Präsidentschaftswahl.

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