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Energiebedarf steigt weiter

Die Weltklimakonferenz in Bonn geht in ihre letzten heißen Tage: Bis Freitag sucht die Staatengemeinschaft nach verbindlichen Maßnahmen für die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens. Die Aufgabe ist groß - nicht zuletzt wegen des weltweiten Energiehungers. Und der wird auch in Zukunft weiter wachsen.

Um 30 Prozent mehr Energie werde bis 2040 benötigt, prognostiziert die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrem am Dienstag veröffentlichten World Energy Outlook. Der Anstieg geht laut der Agentur zu großen Teilen auf das Konto Indiens und Chinas. Allein Indien werde für rund ein Drittel des Anstiegs verantwortlich sein, so der Bericht. Nur wenig geringer fällt laut IEA der absolute Mehrbedarf in China aus.

Dabei hat die IEA in ihr Modell durchaus Sparmaßnahmen mit eingerechnet. Ohne solche würde der Anstieg doppelt so stark ausfallen, heißt es im Bericht. Für die im Pariser Abkommen vereinbarten Klimaziele könnte das allerdings zu wenig sein. Auf deutlich unter zwei Grad soll der globale Temperaturanstieg begrenzt werden. Darauf hat sich die Staatengemeinschaft vor zwei Jahren geeinigt. Konkret bedeutet das: Etwa bis 2060 (die Berechnungsmodelle gehen bisweilen etwas auseinander) dürfte kein CO2 mehr aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe in die Atmosphäre gelangen.

40 Prozent durch erneuerbare Energien

Stimmt die Prognose der IEA, wird das beinahe unmöglich. Dabei ortet der Bericht durchaus ein „Ende der Boomjahre der Kohle“. In Indien werde sich etwa der Anteil der Kohlekraftwerke am Energiemix von drei Vierteln auf weniger als die Hälfte reduzieren. Auch bei Erdöl geht der World Energy Outlook zumindest von einem verlangsamtes Wachstum aus. Der Verbrauch von Erdgas werde dafür um 45 Prozent steigen, schätzt die Agentur.

Weltweiter Energieverbrauch 2015 und Prognose 2040, Veränderung nach Regionen - Weltkarte

Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA/IEA

Immerhin 40 Prozent des weltweiten Anstiegs beim Energiebedarf würden durch erneuerbare Energieträger gedeckt, so die Berechnungen der IEA. Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings, dass noch immer mehr als die Hälfte der zusätzlich benötigten Energie weiterhin aus fossilen Brennstoffen stammt.

Wenig optimistisch lesen sich auch die von der IEA präsentierten Zahlen zum Personenverkehr. Die Agentur geht in ihrem wahrscheinlichsten Szenario von weltweit 280 Mio. E-Autos im Jahr 2040 aus. Das wären zwar 140-mal so viele wie heute. Allerdings würde ihr Anteil laut IEA dennoch nicht über 14 Prozent der dann voraussichtlich zwei Mrd. Pkws hinauskommen.

Kritik an konservativen Annahmen

Die Zahlen der Energieagentur blieben in der Vergangenheit allerdings nicht ohne Kritik. Umweltschutzorganisationen, aber auch Forscher beurteilten die Prognosen als zu konservativ. Die IEA messe in ihren Vorhersagen fossilen Energieträgern wie Öl, Gas und Kohle zu viel Bedeutung zu und unterschätze das Potenzial der erneuerbaren Energie, so das Urteil.

Zu den Kritikern der Agentur zählt auch die Energy Watch Group (EWG). Das internationale Netzwerk aus Wissenschaftlern und Politikern sieht sich als Advokat für eine globale Energiewende. Erst vor wenigen Tagen veröffentlichte die EWG selbst gemeinsam mit der Technischen Universität von Lappeenranta eine neue Studie.

Laut Studie 100 Prozent Ökostrom möglich

Der vergangene Woche präsentierte Bericht hält eine hundertprozentige Stromversorgung aus erneuerbaren Energieträgern bis 2050 für möglich - sogar wenn sich der Energiebedarf in den kommenden 32 Jahren verdoppelt. Die Studienautoren und -autorinnen sehen sogar das Potenzial, die gesamte Energiegewinnung bis 2050 emissionsfrei zu gestalten - vorausgesetzt, die Politik setzt die richtigen Anreize.

Ein hundertprozentiger Anteil an erneuerbaren Energien auf der ganzen Welt bis zur Jahrhundertmitte sei „sehr ambitioniert“, sagt Claudia Kemfert gegenüber ORF.at. Aber „unmöglich ist grundsätzlich gar nichts“. Die Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung untersucht in ihrer Arbeit unter anderem die wirtschaftlichen Einflüsse der Klima- und Energiepolitik. Und sie hat selbst an der EWG-Studie mitgearbeitet.

IEA-Prognose „meilenweit entfernt“

Die IEA-Modelle beurteilt die Ökonomin denn auch entsprechend vorsichtig. Gerade im Blick auf die Kostensenkungen bei erneuerbaren Energien sei die Agentur in der Vergangenheit von der tatsächlichen Entwicklung „meilenweit entfernt gelegen“, sagt Kemfert. Bereits jetzt ist laut ihr der „Tipping Point“ bei erneuerbaren Energien überschritten. Das heißt, Energie aus solchen Quellen ist nicht mehr zwingend teurer als die aus fossilen Brennstoffen.

Die Wissenschaftlerin geht davon aus, dass sich dieser Trend in Zukunft noch deutlich beschleunigen werde. Eine solche Entwicklung prognostiziert zwar auch die IEA in ihren Modellen, allerdings deutlich verhaltener. „Es passiert wahnsinnig viel“, meint Kemfert. Sie rechnet in Zukunft mit weitreichenden Vorgaben durch die Staaten - sowohl bei der Investition in erneuerbare Energien als auch beim Energiesparen. Das zeichne sich zurzeit auch bei der Klimakonferenz in Bonn ab. Und auf den Finanzmärkten gälten fossile Brennstoffe bereits als „High-Risk-Investment“, sagt die Ökonomin.

Appell des UNO-Generalsekretärs

„Sollten die Regierungen Ernst machen, wird das IEA-Szenario sehr schnell von der Realität überholt werden“, so Kemferts Einschätzung. Ein erster Einblick, ob die Ökonomin damit recht behält, wird sich Ende der Woche eröffnen. Dann wird feststehen, auf welche ersten konkreten Schritte in Richtung Pariser Klimaziele sich die Staaten geeinigt haben.

UNO-Generalsekretär Antonio Guterres redete den Teilnehmern der Weltklimakonferenz jedenfalls noch einmal ins Gewissen. „Die CO2-Emissionen steigen wieder, und das Pariser Abkommen ist in Gefahr“, schrieb er auf Twitter. „Wir müssen mehr tun!“ Der Generalsekretär machte sich am Dienstag selbst auf den Weg nach Bonn.

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