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Weitere Frau erhebt Belästigungsvorwürfe

Die Affäre um Missbrauchsvorwürfe gegen den republikanischen Senatskandidaten im US-Bundesstaat Alabama, Roy Moore, wird zunehmend zur Belastungsprobe für die Partei. Mittlerweile werfen fünf Frauen dem Rechtsaußen-Politiker vor, sie als Minderjährige sexuell belästigt zu haben.

Der jüngste Vorwurf stammt von Montag: Die 56-jährige Beverly Young Nelson sagte, Moore habe sie in den 1970er Jahren sexuell belästigt. Sie sei damals 16 Jahre alt gewesen und habe in einem Restaurant in Alabama gearbeitet, das Moore in seiner Zeit als Bezirksstaatsanwalt regelmäßig besucht habe. Eines Abends habe er angeboten, sie nach Hause zu fahren. Als sie in seinem Auto saß, habe er sie angegriffen, sagte Nelson auf einer Pressekonferenz.

Wahlkampfteam sieht „Hexenjagd“

Er habe sie unsittlich berührt, ihr an den Hals gegriffen, sie in Richtung seines Unterleibs gezogen und versucht, ihr das Shirt auszuziehen. Sie habe in dem Moment gedacht, er wolle sie vergewaltigen. Irgendwann habe er von ihr abgelassen. Moores Wahlkampfteam wies die neuen Anschuldigungen zurück. Es handle sich um eine „Hexenjagd“, sagte ein Sprecher. Moore sei ein unschuldiger Mann und habe niemanden sexuell belästigt.

Roy Moore

APA/AFP/Getty Images/Scott Olson

Dem ehemaligen Richter Roy Moore wird mittlerweile von fünf Frauen sexuelle Belästigung vorgeworfen

Nelson ist bereits die fünfte Frau, die Vorwürfe gegen den erzkonservativen, evangelikalen ehemaligen Richter erhebt. Die „Washington Post“ hatte in der vergangenen Woche über eine heute 53-Jährige berichtet, die Moore beschuldigt, sie 1979 zweimal mit nach Hause genommen und unsittlich berührt zu haben. Sie war damals 14 Jahre alt. Drei weitere Frauen gaben gegenüber der Zeitung an, Moore habe ihnen nachgestellt, als sie Teenager waren. Der 70-Jährige sprach von einer „Scharade“, die Medien und politische Gegner gestartet hätten, um ihn bei der Wahl in Alabama am 12. Dezember um den Sieg zu bringen. Er kündigte eine Klage gegen die „Washington Post“ an.

Senatsführer: „Ich glaube den Frauen“

Nach Bekanntwerden der Vorwürfe gingen führende Republikaner zunächst auf Distanz zu Moore, nun vollzogen viele den Bruch. Moore „sollte abtreten“, sagte allen voran der Chef der Republikaner-Fraktion im Senat, Mitch McConnell, am Montag (Ortszeit). Er halte die Vorwürfe für glaubwürdig: „Ich glaube den Frauen“, sagte McConnell. Der prominente republikanische Senator Lindsey Graham sagte: „Moore würde sich selbst, dem Bundesstaat, der Partei und dem Land einen Gefallen tun, wenn er abtritt.“ Das Weiße Haus hatte erklärt, Moore solle aufgeben, falls die Vorwürfe gegen ihn zuträfen.

Moore, der ein ohnehin angespanntes Verhältnis zum republikanischen Parteiestablishment hat, wies die Vorwürfe allerdings in Bausch und Bogen zurück. Er konterte seine Washingtoner Parteifeinde auf Twitter: Die Person, die zurücktreten müsste, sei McConnell. Er habe die Konservativen verraten und müsse abgelöst werden. Gekrönt wurde der Tweet mit Trumps Wahlkampfslogan „#draintheswamp“.

Sieg Moores als Rache von Bannon

Moore kandidiert für den Sitz, der durch den Wechsel von Jeff Sessions an die Spitze des Justizministeriums vakant wurde. Mit seiner Kandidatur ging ein Machtkampf einher, der die Gespaltenheit der Republikaner widerspiegelt. Denn Moore hatte sich in den Vorwahlen der Republikaner gegen seinen parteiinternen Kontrahenten und amtierenden Senator Luther Strange durchgesetzt, obwohl dieser der Kandidat des Parteiestablishments war. Auch Präsident Donald Trump hatte sich hinter Strange gestellt.

Steve Bannon

APA/AP/Mary Schwalm

Moore wird von Steve Bannon kräftig unterstützt

Moore ist vielmehr der Kandidat von Trumps ehemaligem Chefstrategen und Betreiber des ultrarechten Onlinemediums Breitbart, Steve Bannon. Moores Sieg in den Vorwahlen gilt als Bannons Rache an jenen, die ihn aus dem Amt gedrängt hatten.

Mit seinen extremen Positionen geht Moore dem moderateren Flügel gegen den Strich. Er ist gegen Muslime und Homosexuelle, tritt für uneingeschränkte Waffenrechte ein und spricht sich dafür aus, „Gottes Gesetz“ über die Verfassung zu stellen. Moore wurde in der Vergangenheit zweimal des Amtes als Vorsitzender Richter des Obersten Gerichtshofs von Alabama enthoben, weil er sich weigerte, geltende Urteile des Supreme Court umzusetzen.

Überlegungen zu „Write-in“-Kandidatur

Die akut schwelende Belästigungsaffäre stürzt viele Republikaner nun in einen noch tieferen Konflikt. Da sie im Senat nur einen Zweistimmenvorsprung vor den Demokraten haben, wäre eine Niederlage des Kandidaten ein herber Rückschlag. Sehr wahrscheinlich ist das aber nicht. Die Demokraten gewannen in dem konservativen Südstaat seit 1992 keine Senatswahl mehr. Trump hatte Alabama letztes Jahr mit mehr als 62 Prozent für sich gewonnen.

Dennoch wittern die Demokraten in Alabama bereits ihre Chance, dass durch die aktuellen Vorwürfe sexueller Übergriffe die Karten neu gemischt werden könnten. Einen Monat vor der Wahl ist es für die Republikaner jedenfalls zu spät, Moores Namen vom Wahlzettel zu streichen. In der Partei gibt es deswegen Überlegungen, eine „Write-in“-Kandidatur zu unterstützen: Die Wählerinnen und Wähler müssten dann den Namen dieses Gegenkandidaten handschriftlich auf dem Wahlzettel vermerken.

Vorwürfe häufen sich

Indes häufen sich auch im US-Kongress die Vorwürfe sexueller Übergriffe. Die Abgeordnete Jackie Speier von den Demokraten sagte am Dienstag bei einer Anhörung im Repräsentantenhaus in Washington, in zahlreichen Telefonaten und Treffen hätten ihr frühere und aktuelle Mitarbeiter von derartigen Vorfällen berichtet.

Speier berichtete, nach ihren Informationen hätten sich mindestens zwei derzeitige Parlamentarier „sexueller Belästigung“ schuldig gemacht. Die Namen wollte sie nicht nennen. Einer der beiden gehöre ihrer eigenen Partei an, der andere sei Republikaner. Unter dem Stichwort „#MeTooCongress“ forderte sie frühere und aktuelle Kongressmitarbeiter auf, ebenfalls derartige Vorfälle publik zu machen. In der Ausschussanhörung am Dienstag ging es um Reformen im Repräsentantenhaus, mit denen es den Opfern erleichtert werden soll, sexuelle Übergriffe zu melden.

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