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Zweifel an „System“ ÖSV

Die Vorwürfe sexueller Gewalt werden den Österreichischen Skiverband (ÖSV) wohl noch länger beschäftigen. Inzwischen ist eine Reihe an Untersuchungen angelaufen. Auch der ÖSV richtete eine eigene Anlaufstelle ein. Doch gerade Nicola Werdenigg, die mit ihren Berichten die Debatte angestoßen hatte, zweifelt an deren Unabhängigkeit.

Anfang der Woche teilte ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel mit, dass Waltraud Klasnic mit der Einrichtung einer Anlaufstelle beauftragt worden sei. Die ehemalige steirische Landeshauptfrau arbeitete bereits für die katholische Kirche Missbrauchsfälle auf - jetzt soll sie diese Aufgabe auch für den ÖSV übernehmen.

Daran, dass das wirklich unabhängig passieren kann, zweifelt Werdenigg. Es sei positiv, dass im ÖSV das Bewusstsein entstehe, dass man etwas tun muss, sagte sie gegenüber des Ö1-Morgenjournals. Es werde „schon frei gestaltet“ sein, „dass die Frau Klasnic nicht weisungsgebunden ist“. Dennoch halte sie es für „undenkbar, dass eine betroffene Organisation eine interne Aufklärungsstelle veranlasst“ und eine externe Stelle fehle, so die ehemalige Athletin - Audio dazu in oe1.ORF.at.

„Fälle, die nicht ans Tageslicht kommen“

Vertuschung wolle sie keine unterstellen, sagte Werdenigg. „Aber es könnte Fälle geben, die nicht ans Tageslicht kommen.“ Die ehemalige Skirennläuferin stellte ebenfalls in den Raum, dass Personen, „die möglicherweise etwas getan haben, nicht belangt werden, weil das System sie nicht anpatzen will“. Ohne strafrechtliche Verfolgung könnten beschuldigte Trainer zu einem anderen Verband oder in eine andere Nation wechseln, so die ehemalige ÖSV-Athletin.

Werdenigg sagt vor Staatsanwaltschaft aus

Zumindest in Tirol ermittelt mittlerweile die Staatsanwaltschaft - und wird offenbar auch Werdenigg als Zeugin einvernehmen. „Wer, was, wann, wie & wo beantworte ich am 5.12. der Staatsanwaltschaft“, teilte sie auf Twitter mit. Auf Facebook schrieb Werdenigg überdies, dass „meine Zeugeneinvernahme im Zusammenhang mit den von mir angesprochenen Fällen sexualisierter Gewalt“ durch das Landeskriminalamt Tirol stattfinden werde.

„Ich vertraue auf die österreichische Rechtsstaatlichkeit als eine der wichtigsten Forderungen an ein politisches Gemeinwesen.“ In diesem Sinn werde sie alle Fragen mit höchster Sorgfalt beantworten, so Werdenigg, die bei der vergangenen Nationalratswahl für die Liste Pilz (LP) kandidiert hatte. „Alle weiteren Nachfragen nach Namensnennung und Zusammenhängen sind somit obsolet“, fügte sie hinzu. Schröcknsadel hatte Werdenigg aufgefordert, Namen zu nennen, weil sie auch von einem ihr bekannten Missbrauchsfall aus dem Jahr 2005 sprach, von dem die ÖSV-Führung gewusst haben soll.

Zweifel für Klasnic „eine Zumutung“

Gar nicht erfreut über die Kritik Werdeniggs zeigte sich Klasnic. Ihre Opferschutzanwaltschaft habe im Bereich der katholischen Kirche mehrere Personen und Institutionen angezeigt. „Selbstverständlich“ stelle sie „jedem, der sich an uns wendet“, zu allererst auch die Frage: „Haben Sie einen Anwalt, wollen Sie zur Staatsanwaltschaft?“ Sie empfinde „es eigentlich als Zumutung, wenn man meint, Waltraud Klasnic lässt sich von irgendjemandem in der Unabhängigkeit und der Vertrauenswürdigkeit etwas wegnehmen“, so die ehemalige steirische Landeshauptfrau gegenüber Ö1.

Waltraud Klasnic

APA/Roland Schlager

Klasnic soll nun neben kirchlichen auch Missbrauchsfälle im ÖSV aufarbeiten

Auch der Geschäftsführer der Bundessportorganisation (BSO) nahm Klasnic und die Opferanwaltschaft in Schutz. Die Stelle habe gute Arbeit geleistet und sich „in den letzten Jahren ihre Meriten erworben“, sagte Rainer Rößlhuber. Noch heuer will die BSO Organisationen wie Kinderanwaltschaft, Kinderschutzzentren und Weißen Ring zu einem Vernetzungstreffen einladen, um eine einheitliche Vorgangsweise zu besprechen. Auch Klasnic wird eingeladen. Im Fall des ÖSV würden sich letztlich die Betroffenen entscheiden, an wen sie sich wenden - und an wen sie das meiste Vertrauen haben, so Rößlhuber.

Eine eigene Anlaufstelle richtete auch die Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt ein. Die kirchenkritische Organisation warf Klasnic und deren Opferschutzkommsission bereits in der Vergangenheit mehrfach Vertuschung vor. Wie sie in einer Aussendung am Dienstag bekanntgab, können sich nun auch „Betroffene sexualisierter Gewalt im ÖSV“ telefonisch und per Mail an die Plattform wenden.

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