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Der Sand, aus dem Stadien gebaut werden

Als Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft 2022 benötigt Katar Unmengen an Beton. Stadien und Straßen müssen gebaut, Hotels renoviert werden. Weil der Bauboom aber mehr Sand schluckt, als im Emirat überhaupt vorhanden ist, muss das Material importiert werden. Doch gerade jene Länder, die Katar bisher mit reichlich Sand versorgten, kappten im Sommer ihre Beziehungen zum Wüstenstaat.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet einem Wüstenstaat der Sand ausgeht. Millionen Tonnen liegen gratis und griffbereit vor der eigenen Haustür. Allerdings eignet sich dieser kaum für die Betonproduktion. Dem Wind ausgesetzt, runden sich Sandkörner in der Wüste ab und verfestigen sich nicht als Baustoff – im Gegensatz zum rauen Sand aus dem Meer, der mit Zement zu Beton vermischt und zusammen mit Stahl verbaut wird.

Eine Grafik zeigt die Sandimporte nach Katar in Prozenten aufgeteilt nach Ländern

Grafik: ORF.at; Quelle: OEC

Das erklärt, warum Katar im Jahr 2016 trotz seiner Wüsten den Baurohstoff im Wert von 7,5 Millionen Dollar einführen musste. Vor allem Saudi-Arabien gilt laut Daten des Massachusetts Institute of Technology (MIT) mit knapp der Hälfte des Imports als wichtigster Sandgeschäftspartner.

Die Sandkammer des Emirats

Jedoch hat sich die Stimmung zwischen den Staaten verschlechtert. Im Juni 2017 verhängten Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Ägypten gegen das kleine Golfemirat eine Verkehrs- und Handelsblockade. Der offizielle Grund: Katar unterstütze Terroristen und arbeite zu eng mit dem Iran zusammen. Ein Embargo war die Folge. Wie viele andere Staaten im mittleren Osten ist Katar aber stark von Importen abhängig. So werden Lebensmittel wie Eier, Milch und Fleisch importiert, aber auch Sand für die wichtige Bauindustrie.

Baustelle eines Stadions

ReutersNaseem Zeitoon

Das Al-Bayt-Stadion in Doha soll 2018 fertiggestellt werden und 65.000 Fans Platz bieten

Wegen der Handelsblockade, so berichtet die in Dubai angesiedelte Nachrichtenagentur al-Arabija, muss Katar auf seine Sandreserven zurückgreifen, um die bis zu zwölf WM-Stadien bauen oder renovieren zu können. Wie groß die Sandkammer des Golfemirats tatsächlich ist, weiß niemand so recht. Einem Bericht zufolge verfügt das Land über Lagerbestände für ein Jahr, während andere Quellen darauf hindeuten, dass neue Handelsabkommen mit anderen Ländern notwendig sind.

Container statt Sand

Das kleine Emirat Katar dürfte sich der Sandkrise ohnehin bewusst sein. Bereits angekündigte Bauvorhaben wurden verschoben oder werden angesichts des drohenden Mangels adaptiert. Ende November präsentierte der WM-Gastgeber beispielsweise Pläne eines neuartigen Stadions, das wegen seiner modularen Bauweise weniger Material benötigt als herkömmliche Arenen. Das mit 40.000 Sitzplätzen ausgestattete Ras-Abu-Abud-Stadion soll fast ausschließlich aus Schiffscontainern bestehen, die nach der WM abgebaut werden.

Sand wird aber auch für Straßen und Hotels benötigt. Woher Doha künftig das Baumaterial beziehen wird, ist noch unklar. Oman oder China werden als Partner genannt. Dabei könnte sich Katar auch an Dubai orientieren. Die Luxusmetropole benötigt für ihre Wolkenkratzer, Krankenhäuser und Einkaufszentren seit Jahren Unmengen an Beton. Der Sand dafür kommt aus dem fernen Australien. Das Burdsch Chalifa, das mit 830 Metern höchste Gebäude der Welt, ist sozusagen eine australische Sandburg.

Globale Nachfrage

Der Haken für Katar: Der Transport aus fernen Ländern kostet mehr als Sand vom Nachbarn Saudi-Arabien. Solange die Handelsblockade gegen Katar aufrecht bleibt, werden nicht nur erhebliche Mehrkosten erwartet, sondern auch Verzögerungen beim Bau der für die Fußballweltmeisterschaft benötigten Infrastruktur.

Aber nicht nur Katar hat an dem wertvollen Rohstoff Interesse. Sand ist weltweit begehrt. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen beschreibt in dem 2014 veröffentlichten Bericht mit dem Titel „Sand - seltener, als man denkt“, dass der Abbau von Sand und Kies „die natürlichen Erneuerungsraten weit übersteigt“. Sand, erklären die Autoren, ist nach Wasser der meistgenutzte Rohstoff weltweit.

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