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Differenzierung in Debatte nötig

„#MeToo“ - unter diesem Hashtag hat die US-Schauspielerin Alyssa Milano Mitte Oktober dazu aufgerufen, möglichst offen über erlebte sexuelle Belästigung und Gewalt zu berichten. Doch der Umgang mit den seither zahlreich publizierten Berichten fällt offenbar schwer. In Debatten wird laut Experten vieles nicht selten marginalisiert und zu viele Dinge in einen Topf geworfen.

Sexuelle Belästigung ist auch in Österreich beileibe kein Randthema: Drei Viertel aller Frauen in Österreich wurden zumindest einmal sexuell belästigt, ein Drittel hat die Situation persönlich als bedrohlich empfunden. Jeder vierte Mann wurde laut einer Studie des Österreichischen Instituts für Familienforschung ebenfalls zumindest einmal sexuell belästigt.

Die Dunkelziffer bei sexueller Belästigung und sexueller Gewalt sei sehr hoch, so Olaf Kapella, Mitautor der qualitativen und tiefgehenden Studie, gegenüber ORF.at. Die aktuelle Diskussion zeige, dass die Gesellschaft über weite Strecken zuschaue, wie Belästigung und Gewalt ausgeübt werden. Oft gehe es um lange gefestigte Machtstrukturen - es stelle sich grundsätzlich die Frage, wie sich Strukturen, in denen Gewalt dermaßen toleriert wird, überhaupt etablieren konnten.

Vor allem Frauen erleben Gewalt

Primär seien es Frauen, die Gewalt erfahren, so Kapella, auch wenn Männer ebenfalls von Gewalt betroffen seien - die laut einer deutschen Studie vor allem wiederum von Männern ausgeht. Man dürfe in der Diskussion aber weder die Frauen noch die Männer marginalisieren und wegdiskutieren, sondern müsse zuerst einmal grundsätzlich „gesellschaftlich akzeptieren, dass Gewalt erlebt wird“. Es sollten alle Opfer ernst genommen werden.

Hilfe im Krisenfall

Opfer sexueller Belästigung und Gewalt können telefonisch und im Internet Hilfe finden. Unter 0800 222 555 ist die Frauenhelpline gegen Gewalt erreichbar, die Männerberatung unter 01/603 28 28. Auf den jeweiligen Websites gibt es zudem viele Infos und Links. Im beruflichen Umfeld berät und unterstützt die Gleichbehandlungsanwaltschaft.

In weiterer Folge müsse man über die vielfältigen Formen von Gewalt und Belästigung reden, vom Klaps auf den Hintern über anzügliche Witze und intime Berührungen bis zur Vergewaltigung und auch darüber, wo sie verübt wird, etwa in der Arbeit oder in Beziehungen. Dabei gebe es Unterschiede in den subjektiven Empfindungen, also darin, wie schlimm eine Person etwas erlebt. Das bedeute aber nicht, dass man nivellieren dürfe. Dabei stelle sich die Frage nach der Institutionalisierung: „Warum ist es im Gastgewerbe in Ordnung, dass Frauen einen Klaps auf den Hintern bekommen?“, so Kapella.

Gewalt ist nicht gleich Gewalt

Schwierig in der „#MeToo“-Debatte sei, dass meist zu viele Dinge in einen Topf geworfen würden, meint Andrea Brem, Leiterin der Wiener Frauenhäuser. Es sei sehr wichtig, dass die Frauen benennen würden, wo überall ihnen Gewalt widerfahren ist. Es sei doch meist ein Unterschied, ob einer Person in der U-Bahn einmal an den Hintern gegriffen oder ob sie laufend am Arbeitsplatz belästigt wird. Man müsse in der Debatte auch nach den jeweiligen Folgen für die Opfer von Gewalt und Belästigung differenzieren.

Es gebe zudem Bereiche, in denen gerade Frauen besonders ausgeliefert seien, dazu gehöre auch die Paarbeziehung, wo viele Frauen extreme Gewalt erleben. Wichtig an „#MeToo“ ist für Brem, dass viele Frauen nun erkennen würden, „dass sie nicht allein sind“. Viele würden auch ermutigt „dagegenzuhalten“. Sie finde es toll, was losgetreten und nun breit diskutiert wird. Dass beide Seiten dabei emotionalisiert und polarisiert werden, sei klar.

Zivilcourage gefordert

Brem ist überzeugt, dass sich Stimmung und Einstellung in der Gesellschaft ändern, wenn auch nicht von heute auf morgen. Jeder Mann wisse ohnedies, wenn er zu weit gehe und Grenzen überschreite. Es sei gut, wenn die Diskussion dazu führe, dass die Männer nun vorsichtiger werden.

Kapella hofft, dass auch Zivilcourage und soziale Kontrolle bei Gewalt im öffentlichen Umfeld steigen: „Ich wünsche mir, dass wir uns unserer eigenen Verantwortung bewusst werden.“ Dazu zähle etwa, bei anzüglichen Witzen einzuschreiten und zu sagen: „Ich finde das nicht lustig“, und bei Tätlichkeiten zu sagen: „Ich finde das nicht in Ordnung.“ Gerade Männer sollten dabei gezielt einschreiten.

Opferschutz im Vordergrund

Gesetze seien nur ein Teil der Gegenmaßnahmen, so Kapella weiter, der Österreich grundsätzlich gut aufgestellt sieht. Wichtig sei, dass die Norm in den Köpfen verankert werde und die Opfer unterstützt würden. Den Opferschutz unterstreicht auch Brem, die allerdings gerade bei Gewalt in der Beziehung noch viele Hürden sieht, etwa in Strafverfahren. Bei jeder Schilderung der Tat würden die Opfer immer wieder erniedrigt, denn eine möglichst genaue Erzählung des Tathergangs rufe beim Gegenüber genau jene Bilder hervor, für die sich das Opfer oft schämt.

Die Scham über das Erlebte sei mit ein Grund, warum es auch bei extremer Gewalt seltener zu Anzeigen komme, zudem gebe es eine hohe Einstellungsquote bei den Verfahren, sagt Brem. Bei einer Verfahrenseinstellung bleibe schließlich im Umfeld hängen, dass „eh nix war“. Dabei sei oft jahrelange Gewalt in der Ehe ein Thema, das in den vielen Debatten zu häufig untergehe, so Brem. „Vergessen wir nicht die Opfer, die schwer traumatisiert werden und das aushalten müssen und nicht rauskommen“, sagte Kapella.

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