Themenüberblick

Allgemeine „Anstandsregeln“ für Academy

Die traditionsreiche Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS), die für die alljährliche Oscar-Verleihung verantwortlich zeichnet, könnte demnächst einige ihrer rund 8.500 Mitglieder ausschließen müssen. Als Reaktion auf den im Oktober bekanntgeworden Missbrauchsskandal um Hollywood-Produzent Harvey Weinstein gilt für sie ab sofort ein verpflichtender Verhaltenskodex. Wer sich nicht daran hält, wird ausgeschlossen.

Die Academy, deren Mitglieder vornehmlich ältere, weiße Männer sind, war in die Kritik geraten, weil sie bis zum Fall Weinstein auch nach schwerwiegenden Vorwürfen nicht Stellung bezogen hatte. „Es gibt in der Academy keinen Platz für Menschen, die ihre Stellung, ihre Macht oder ihren Einfluss in einer Art einsetzen, die gegen die allgemeingültigen Anstandsregeln verstößt“, heißt es in dem Text, der vergangenen Mittwoch per E-Mail an die Academy-Mitglieder verschickt wurde.

Harvey Weinstein

Reuters/Carlo Allegri

Das Verhalten Weinsteins war - obwohl mutmaßlich sogar strafrechtlich relevant - ein offenes Geheimnis in der Branche

Es liege beim Board of Governors, dem Leitungsgremium der Organisation, zu entscheiden, ob in gemeldeten Fällen ein Verstoß vorliege oder ob ein Mitglied die Integrität der Academy verletzt habe. Dann würde über einen Ausschluss oder eine Suspendierung entschieden.

Kurz gehalten, lange ausformuliert

Für die Ausformulierung des bisher nur wenige Zeilen langen und sehr allgemein gehaltenen Kodex sei eine Taskforce einberufen worden, sagte die AMPAS-Vorsitzende Dawn Hudson. „Über mehrere Wochen hinweg hat die Taskforce mit Professoren aus den Bereichen Ethik, Wirtschaft, Philosophie und Recht von den Universitäten Georgetown, Harvard, Notre Dame und Stanford beraten, zusätzlich mit Experten aus dem Personalwesen und zu sexueller Belästigung.“ Man habe sich auch mit den Verantwortlichen anderer Verbände wie der Britischen Filmakademie (BAFTA) und dem Verband der Fernsehschaffenden getroffen sowie die Verhaltenskodizes anderer Organisationen herangezogen.

Die genaue Ausformulierung der Richtlinien, nach denen das Board of Governors über Sanktionen entscheiden soll, würde noch etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen. Die detaillierte Version werde deshalb erst im kommenden Jahr an alle Mitglieder verschickt. Auf die AMPAS könnte nun eine ganze Reihe an Ausschlussanträgen und Beschwerden zukommen - und deren Beurteilung wird genauestens beobachtet werden. Schließlich lässt die Formulierung offen, ob es offizielle Ermittlungen oder gar eine Verurteilung braucht oder schon Anschuldigungen für Maßnahmen reichen könnten.

Polanski und Spacey auf der Abschussliste?

Zu erwarten ist jedenfalls, dass schon demnächst weitere Academy-Angehörige ausgeschlossen werden. So ist etwa Roman Polanski Mitglied - und das, obwohl er den sexuellen Missbrauch einer 13-Jährigen zugegeben hatte und immer wieder neue Missbrauchsvorwürfe gegen ihn laut werden.

Auch Kevin Spacey, gegen den schwerwiegende Vorwürfe wegen sexueller Belästigung laut wurden und gegen den in London ermittelt wird, müsste entsprechend dem Kodex nun der Ausschluss sicher sein. Spacey wird unter anderem von einem seiner früheren Schauspielschüler eines Vergewaltigungsversuchs beschuldigt. Er sei 15 Jahre alt gewesen, als er von Spacey sexuell attackiert worden sei, sagte der Mann. Der Schauspieler Anthony Rapp wiederum berichtete, Spacey habe ihn 1986 auf einer Party sexuell bedrängt, als er 14 Jahre alt war. Auch am Set von „House of Cards“ soll Spacey sexuell übergriffig geworden sein.

Kevin Spacey

Reuters/Stephen Chernin

Die Vorwürfe gegen „House of Cards“-Star Spacey wiegen schwer - bisher ohne Folgen für seine Academy-Mitgliedschaft

Erster Ausschluss wegen unfreiwilliger Filmpiraterie

In der 90-jährigen Geschichte der Academy wurden erst zwei Mitglieder ausgeschlossen. Der erste Fall stand nicht in Zusammenhang mit Missbrauch oder Belästigung: Der heute 83-jährige Schauspieler Carmine Caridi hatte seine Jurorenkopien der für den Oscar nominierten Filme („Screener“) weitergegeben, woraufhin sie als Raubkopien im Internet auftauchten. Caridi - der stets beteuerte, seine DVDs gutgläubig einem Filmfan gegeben zu haben - wurde von zwei Filmstudios geklagt und musste die Academy verlassen.

Weinstein, gegen den mittlerweile sechs Frauen Klage eingereicht haben, war das zweite Mitglied, das aus der Academy ausgeschlossen wurde. Die ersten Vorwürfe gegen ihn waren im Oktober nach einem Bericht der „New York Times“ ans Licht gekommen. Weinstein, der von seiner Firma entlassen wurde, hatte teilweise Fehlverhalten zugegeben. Durch einen Sprecher ließ der Produzent aber erklären, keinen nicht einvernehmlichen Sex gehabt zu haben.

Weinstein und sein Netzwerk

In der nun eingereichten Sammelklage wird ein Netzwerk beschrieben, das die Anwälte der Kanzleien die „Weinstein Sexual Enterprise“ nennen, wie die „New York Times“ berichtet. Das Netzwerk bestehe aus Mitarbeitern, Vorstands- und Aufsichtsratsmitgliedern, Anwälten, Casting-Chefs, Agenturen und Autoren der US-Illustrierten „National Enquirer“, die miteinander geschäftlich, vertraglich oder durch Aktivitäten verbunden gewesen seien. Dieses Netzwerk habe die Übergriffe Weinsteins ermöglicht. Die Klägerinnen seien von Weinstein oder seinen Mitarbeitern unter dem Vorwand beruflicher Treffen, Vorsprechterminen oder Besprechungen von Filmrollen in die Falle „gelockt“ worden.

Links: