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Eisdecke so dünn wie nie zuvor

Die Temperatur steigt, das Eis im Norden schmilzt, Grünflächen wachsen. Das ist die „neue“ Arktis und es gibt keine Anzeichen, dass sich dieses Bild in naher Zukunft ändern wird. Das geht zumindest aus dem jüngsten Bericht der US-amerikanischen Nationalen Ozean- und Atmosphärenbehörde (NOAA) hervor. Die arktische Eisfläche, wie wie wir sie kennen, wird immer dünner und kurzlebiger.

Trotz der relativ kühlen Sommertemperaturen deuten Beobachtungen der Experten darauf hin, dass das arktische Umweltsystem eine „neue Normalität“ erreicht hat. Wegen der arktischen Lufttemparatur, die laut Bericht doppelt so schnell steigt wie im globalen Durchschnitt, schmelzen sowohl Meereisdecke als auch der Grönländische Eisschild mit Rekordgeschwindigkeit ab.

Das dicke Eis, das mehr als ein Jahr alt ist, ist von 45 Prozent im Jahr 1985 auf 21 Prozent im Jahr 2017 gesunken. Und Eis, das mehr als vier Jahre alt ist, ist schon fast verschwunden. Laut Forschungsbericht hatte die Arktis ihr zweitwärmstes Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1900.

Abnehmender Trend eindeutig

Jeremy Mathis, Leiter des NOAA-Forschungsprogramms und Mitautor des 93-seitigen Berichts, erklärt gegenüber BBC, dass die Arktis gerade eine beispiellose Veränderung in der Geschichte der Menschheit durchläuft. Lange Zeit habe die Region als kühlender Ort dem Planeten einen großen Dienst erwiesen. Aber nun habe man den „Kühlschrank offen gelassen“.

Eisberg

APA/AP/David Goldman

Die Temperatur in der Arktis steigt doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt

Jedes Jahr kurz vor Ende des Winters erreicht das Meereis der Arktis seine größte Ausbreitung, doch die Eisdecke war bei einer Messung zu diesem Zeitpunkt noch nie so klein wie im März 2017. Laut Messungen hat sich das Eis nur auf 14,42 Millionen Quadratkilometer ausgebreitet. Zwar unterliege die Größe der Meereisfläche natürlichen Schwankungen. In den vergangenen drei Jahrzehnten folgten sie aber einem dramatischen Abwärtstrend, wie es ihn jahrtausendelang nicht gegeben habe, sagt Mathis.

Auch im September, wenn das Meereis traditionell sein Minimum erreicht, vermeldeten die Wissenschaftler einen ungewöhnlichen Eisschwund. Das arktische Eis hatte am Ende der Sommersaison die zweitkleinste Ausdehnung, die jemals verzeichnet wurde.

Gemessen wird die Meereisfläche mit Hilfe von Satelliten, insbesondere mit Mikrowellenstrahlung. Da Eis mehr und andere Mikrowellenstrahlung aussendet als Wasser, lässt sich mit Hilfe solcher Daten erkennen, wo Eis das Meer bedeckt. Sogar zwischen ein- und mehrjährigem Eis kann man auf diese Weise unterscheiden.

Eine beschleunigende Entwicklung

Der Rückgang des arktischen Meereises gilt als Folge des globalen Klimawandels, der das Abschmelzen im Sommer beschleunigt und die Neubildung im Winter verlangsamt. Der Prozess wird von Forschern auch als ein möglicher Kipppunkt betrachtet - eine sich selbst beschleunigende Entwicklung, die den Klimawandel und seine Folgen unumkehrbar machen könnte.

Eisbär

APA/AP/David Goldman

Wo früher die Eisfläche durchgängig war, treiben nunmehr nur noch Schollen

Das liegt daran, dass eisfreies dunkles Wasser sich durch Sonneneinstrahlung stärker erwärmt als durch Eis bedecktes. Die schneller steigende Wassertemperatur beschleunigt wiederum die Eisschmelze. Die neue Entwicklung könnte deshalb den Klimawandel beschleunigen, warnt das Team rund um Mathis.

„Das sind Fakten“

Das schmelzende Meereis ebnet aber offenbar auch den Weg für unerwartetes Leben. Weil mehr Sonnenlicht durch die weniger dicken Eisschollen dringt, breitet sich unter der Masse zunehmend Phytoplankton aus. Die winzigen Algen treiben biologische, chemische und geologische Kreisläufe an. Außerdem hat sich die Begrünung der Tundra-Region weiter fortgesetzt, heißt es im Bericht.

Klimaforscher warnen davor, dass der Eisrückgang den Wärmeaustausch zwischen Ozean und Atmosphäre beschleunige und großräumige Windfelder beeinflusse. Das könne zu mehr extrem kalten oder schneereichen Wintern in Europa führen. Bezogen auf den jüngsten Bericht der NOAA sagt Mathis, dass das Abschmelzen am Nordpol Fakt sei.

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