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Gib dem Pferd genug Hafer

Statt Entwicklungshilfen von außen braucht Afrika mehr Millionäre, die einen Teil ihres Vermögens in die heimische Privatwirtschaft investieren: Afrikapitalismus nennt sich das Konzept, eine ethische Spielart des Kapitalismus, die nicht nur hohe Rendite als Ziel hat, sondern auch den sozialen Frieden.

Der nigerianische Unternehmer Tony Elumelu prägte den Ausdruck, erstmals erwähnt hat er ihn in einem Manifest aus dem Jahr 2010. Seitdem hält der afrikanische Magnat, der mit knapp einer Milliarde Dollar zu den reichsten Personen des Kontinents zählt, Vorträge über seine Wirtschaftsphilosophie, die er selbst als „Mittelweg zwischen Kapitalismus und Philanthropie“ bezeichnet.

Tony Elumelu

APA/AFP/Eric Piermont

Der Unternehmer und Philanthrop Tony Elumelu gehört zu den reichsten Personen Afrikas

Die Idee dahinter ist, dass Afrikas Millionäre ihr Kapital nicht wie bisher ins Ausland schaffen, um etwa Steuern zu sparen, sondern in private Unternehmen ihrer jeweiligen Länder investieren. Explizit in „Schlüsselsektoren“ wie Gesundheits- und Bildungsprogramme sowie den Ausbau der Stromnetze. Das bringe zwar nicht die höchste Rendite, könne aber die Massenarmut in Teilen Afrikas lindern. Entwicklung könne nur gelingen, wenn die Reichsten der Gemeinschaft einen Teil zurückgeben, sagte Elumelu zur „Le Monde“.

„Tote Entwicklungshilfen“

Elumelu, der nicht nur an der Spitze der United Bank for Africa (UBA) steht, sondern auch einen eigenen Investmentfonds (Heirs Holding) besitzt, startete deshalb 2015 mit Hilfe seiner Stiftung (The Tony Elumelu Foundation) ein Start-up-Programm. 10.000 afrikanische Unternehmer aus Branchen wie Gesundheit und Landwirtschaft sollen ausgebildet und betreut werden. Zehn Jahre lang stehen dafür 85 Millionen Euro zur Verfügung, am Ende sollen zehn Milliarden Dollar für die Wirtschaft rausschauen.

„Dies ist nicht länger der Kontinent der Verzweiflung, der Hungersnöte und der Aids-Epidemie“, so der Nigerianer, der nach eigenen Angaben bisher 3.000 Jungunternehmer mit mehr als 14 Millionen Dollar unterstützt hat. Auf die korrupte Politik könne man sich nicht verlassen, auf „internationale Bevormundung von privater und öffentlicher Seite“ soll man verzichten. Hilfsorganisationen müssten ihr Engagement in Afrika für das 21. Jahrhundert evaluieren, sagte Elumelu.

Liniengrafik über den prognostizierten Bevölkerungswachstum Afrikas bis 2050

Grafik: ORF.at; Quelle: UNICEF

Wolfram Schaffar, Entwicklungsforscher an der Universität Wien, stimmt dem zwar zu, gibt aber im Gespräch mit ORF.at zu bedenken, dass manche afrikanische Staaten die Unterstützung von außen brauchten, weil ihre Strukturen zu schwach seien. Ganz anders sieht es die sambische Ökonomin Dambisa Moyo in ihrem Buch „Dead Aid“. Durch Entwicklungshilfe sei eine Almosenkultur entstanden, die den Antrieb der Afrikaner lähme, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Am Kontinent selbst müsse Geld akquiriert werden, aus eigener Kraft und mit seinen eigenen Mitteln.

Bevölkerung wird weiter wachsen

Die Herausforderungen sind aber enorm. Laut Prognosen des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF) wird es in Afrika bis 2030 rund 170 Millionen Kinder und Jugendliche mehr geben als heute. Bis 2050 wird sich die Bevölkerung von derzeit 1,2 Milliarden auf 2,5 Milliarden Menschen mehr als verdoppeln. Und im Jahr 2100 werden bereits 4,5 Milliarden Menschen auf dem Kontinent leben. Es drohe eine „soziale und wirtschaftliche Katastrophe“, heißt es im Bericht „Generation Africa 2030“.

Die Wirtschaft muss daher schneller und kräftiger wachsen. Darin sind sich Experten einig. Dafür ist es notwendig, dass der Handel zwischen den afrikanischen Ländern gestärkt wird. Nach Angaben der Welthandelsorganisation (WTO) fanden im vergangenen Jahr nur knapp 20 Prozent des afrikanischen Gesamthandels zwischen den Staaten des Kontinents selbst statt. In Europa waren es hingegen 69 Prozent, in Asien und Nordamerika rund die Hälfte.

Tortengrafik über Afrikas Exporte

Grafik: ORF.at; Quelle: WTO

Mit dem Afrikapitalismus sei das möglich, schreibt der nigerianische Magnat Elumelu in seinem Manifest. Es müsse mehr in Unternehmen investiert werden, die Produkte herstellen, die anschließend wieder von Afrikanern konsumiert werden. In die Verantwortung nimmt der Milliardär unter anderem eben jene, die in den vergangenen Jahren Reichtum angehäuft haben.

Reichtum sickert nicht durch

Elumelu strebt zwar eine Kooperation mit der öffentlichen Hand an, aber im Grunde handelt es sich beim Afrikapitalismus um eine Variante des Trickle-down-Effekts, wonach der Reichtum der Wenigen von oben bis in die unteren Schichten der Gesellschaft einsickert. Personen mit großem Vermögen investieren, die breite Masse profitiert durch Aufträge und Löhne. Bekannt ist der Ausspruch: Wenn man einem Pferd genug Hafer gibt, wird auch etwas auf der Straße landen, um die Spatzen zu füttern.

Liberale Politiker fühlten sich in ihrer Annahme bestätigt, dass der Staat sich nicht um die Frage der Umverteilung kümmern muss, weil der Markt alles richten wird. Namhafte Ökonomen wie Joseph Stiglitz und Paul Krugman bezweifeln aber die Gültigkeit der Trickle-down-Theorie. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) hat in seinen Berechnungen nachgewiesen, dass der Reichtum nicht von oben nach unten tröpfelt.

Dass der Afrikapitalismus keine Wunder bewirken kann, weiß Elumelu. In Afrika hätten Staaten nicht dieselben Mittel wie der Westen, um alle Erfordernisse der sozialen Entwicklung zu schultern. „Wir geben keine Almosen und befolgen das alte Sprichwort: ‚Gib dem Hungernden nicht einen Fisch zu essen, sondern lehre ihn fischen.‘“

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