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Auch Weinhandel in Mafia-Hand

Deutsche und italienische Ermittler sind in einer gemeinsamen Aktion gegen die kalabrische Mafia, die ’Ndrangheta, vorgegangen: In der Nacht auf Dienstag vollstreckten sie etwa 170 Haftbefehle, darunter elf mit Bezug zu Deutschland. Die Polizei konfiszierte Besitztümer im Wert von 50 Millionen Euro. Die Festnahmen betrafen vor allem den einflussreichen Clan Farao-Marincola.

Der Mafia-Clan aus der kalabrischen Gemeinde Ciro gilt als übergeordnete Gruppierung mit großem Einfluss über die benachbarten Regionen hinaus. Laut den Ermittlern haben die Mitglieder mehrere Wirtschaftssektoren infiltriert und eine „kriminelle Holding“ mit einem Umsatz in Höhe von mehreren Millionen Euro strukturiert. Zudem werde eine Reihe von Beamten der Korruption verdächtigt, hieß es vonseiten der paramilitärischen Carabinieri.

Italienische Carabinieri

APTN

Die Carabinieri haben in Italien rund 160 Mitglieder der kalabrischen Mafia festgenommen

So wurden ein Bürgermeister in Kalabrien, der Präsident der Provinz Crotone sowie rund ein Dutzend weitere Lokalpolitiker verhaftet. Die einzelnen Strafvorwürfe gegen den Clan reichen von versuchtem Mord, Erpressung, Geldwäsche und Verstößen gegen das Waffengesetz über internationale Autoschiebung, illegalen Handel und illegale Verschiebung von Müll bis zu unlauterem Wettbewerb.

Erpressung und Geldwäsche in Deutschland

Dass der ’Ndrangheta-Clan Farao-Marincola auch in Deutschland präsent ist, ist länger bekannt. Nun wurden elf mutmaßliche Mitglieder in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen verhaftet. Die Polizei wirft den Tatverdächtigen im Alter von 36 bis 61 Jahren vor, mit ihren kriminellen Machenschaften Geschäfte unterwandert zu haben - dazu zählen Erpressung und Geldwäsche, wie das deutsche Bundeskriminalamt (BKA) mitteilte.

Die Festnahmen in Deutschland standen in Zusammenhang mit den Ermittlungen der italienischen Strafverfolgungsbehörden und erfolgten auf Grundlage von EU-Haftbefehlen. Italienische Ermittler hatten zuvor ein Rechtshilfeersuchen an Deutschland gerichtet. Die Ermittlungen hätten ein weit verzweigtes Netz von Gewerbetreibenden aufgedeckt, die in die Mafia-Aktivitäten verwickelt seien oder die Kriminellen zumindest gewähren ließen, teilten die Carabinieri mit.

In Deutschland habe der Clan „operative Zellen“ in Frankfurt, Wiesbaden, München und Stuttgart gehabt, von wo aus unter anderem das Geschäft mit Wein, Molkereiprodukten und Öl organisiert worden sei. Der Clan habe etwa kalabrische Restaurants dazu gebracht, Weinprodukte lediglich von Unternehmen anzukaufen, die von der kriminellen Vereinigung kontrolliert wurden.

Mafia-Mitglieder meist blutsverwandt

Die ’Ndrangheta gilt mit einem geschätzten jährlich Umsatz zwischen 50 und 100 Milliarden Euro zu den mächtigsten Mafia-Organisationen Europas. Das Syndikat entstand Mitte des 19. Jahrhunderts in der süditalienischen Region Kalabrien. Die Mitgliedschaft in der ’Ndrangheta beruht weitgehend auf Blutsverwandtschaft, Aussteiger oder Kronzeugen gibt es eher selten. Unterschiedlichen Schätzungen zufolge besteht die kalabrische Mafia aus 50 bis 200 Clans - darunter eben auch Farao-Marincola.

Bekannt ist, dass der kalabrische Zweig des organisierten Verbrechens nicht nur in Italien aktiv ist. Niederlassungen lassen sich in Amerika, Australien sowie in mehreren europäischen Staaten finden. Medienberichten zufolge hat sich die ’Ndrangheta in den 1970er Jahre in Deutschland festgesetzt. Überwiegend leben die Mitglieder und Unterstützer in Baden-Württemberg, Hessen, Bayern und Nordrhein-Westfalen.

Laut dem deutschen „Spiegel“ stellten deutsche Behörden fest, dass nach der Wende einige ’Ndrangheta-Angehörige in den Raum Erfurt, Leipzig und Dresden gezogen waren und dort Restaurants eröffnet hatten. Dabei handelt es sich vorwiegend um die Clans Romeo-Pelle-Vottari und Nirta-Strangio sowie Farao-Marincola, der unter der Kontrolle des zu lebenslanger Haft verurteilten Bosses Giuseppe Farao steht.

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