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Publikum fährt auf Zug ab

Mit der Sendung „The Ghan“ hat der australische Sender SBS am Sonntag die höchste Einschaltquote seit dem Song Contest im Mai erreicht. Und dabei handelt es sich weder um eine bunte Show noch um eine spannende Serie. Gezeigt wurde eine Zugsfahrt aus der Fahrerperspektive quer durchs Land - drei Stunden ohne Pause und nur mit der Originalgeräuschkulisse.

Der öffentlich-rechtliche Sender hatte zuvor erklärt, mit der gefilmten Zugsfahrt an die Erfolge von Slow TV in Europa anknüpfen zu wollen. Vor allem in Norwegen, wo das Genre seinen Ausgang nahm, erzielte der Sender NRK mit den beschaulichen Formaten völlig ohne dramaturgischen Spannungsbogen große Erfolge.

3.000 Kilometer von Nord nach Süd

Der Name „The Ghan“ stammt eigentlich von „Afghan Express“ und erinnert an Kamelkarawanen mit aus Afghanistan stammenden Führern, die Ende des 19. Jahrhunderts Wege in das Herz Australiens etablierten. Mittlerweile ist „The Ghan“ die bekannteste Zugsstrecke Australiens, sie verbindet seit 1929 Darwin im Norden Australiens zunächst mit Alice Springs in der geographischen Mitte des Lands. Seit 2004 durchquert der Zug das ganze Land und fährt bis Adelaide im Süden.

Luftaufnahme vom australischen Zug "The Ghan"

Reuters/Tim Wimborne

Rundherum viel Landschaft

2.979 Kilometer ist die Strecke lang, mit einer Nettofahrzeit von 54 Stunden wird diese Distanz in drei Tagen zurückgelegt. Die Auswahl der Strecke für die Sendung war angesichts ihrer Bekanntheit kein Wunder. Noch dazu orientierte sich der Sender auch hier am norwegischen Fernsehen: Das hatte mit der Übertragung einer Fahrt der Bergen-Bahn von Bergen bis Oslo den Grundstein für den Erfolg des Formats gelegt.

Drei Stunden ohne Werbepause

SBS kürzte die Fahrt von Adelaide nach Darwin auf drei Stunden und fügte weder Musik noch Kommentare ein. Lediglich per Textinserts wurden einzelne Sehenswürdigkeiten markiert und einige Erläuterungen zu passierten Gegenden eingeblendet. „The Ghan“ lief von 19.30 bis 22.30 Uhr, also zur besten Hauptabendsendezeit - und ohne Werbeunterbrechung. Mehr als 400.000 Zuseher hatte die Zugsfahrt durchgehend. Die Website der Betreiberfirma der Zugsstrecke brach zeitweilig unter den Zugriffen zusammen, der Hashtag #TheGhan dominierte Twitter in Australien.

Fad oder hypnotisch?

Und genau dort waren die Reaktion zwiespältig. „Langweilig“ hieß es dort etwa, „enttäuschend“ fanden es einige Seher. „Wie Farbe beim Trocknen zusehen“ urteilte ein User wenig begeistert. Auch SBS räumte bei einer Zusammenstellung der Reaktionen ein, dass der Beginn der Sendung durchaus mit Skepsis gesehen wurde. „Sind wir schon da?“, lautete etwa die Frage in einem Tweet. Nach und nach dürfte sie Show dann aber Fahrt aufgenommen - und fast so etwas wie hypnotische Wirkung entfaltet haben. „Das ist ein gottverdammtes Meisterwerk“, meinte ein Zuseher.

Andere gaben zu, dass sie nicht einmal Getränke holen wollten, um nichts zu verpassen. Und einige schlugen die Sendung nach während der Ausstrahlung für den Gold Logie, den australischen Fernsehpreis, vor.

17-Stunden-Version ausgestrahlt

Der TV-Programmchef des Senders, Marshall Heald, sagte, SBS sei „begeistert“ vom Erfolg der Sendung. Und er kündigte an, dass man auch weitere Ideen dieses innovativen Formats verfolgen werde. Als ersten Schritt änderte der Sender am Sonntag sein Programm und startete um 2.20 Uhr nachts (Ortszeit) eine 17-stündige Version der Sendung.

Luftaufnahme vom australischen Zug "The Ghan"

Reuters/Tim Wimborne

Zug fährt nochmals ab

„Ein Zug, der das macht, was Züge am besten können“, heißt es in der Ankündigung des Senders. Zu sehen war dann die gesamte bei Tageslicht zurückgelegte Strecke der Fahrt, nur die Nachtpassagen wurden ausgelassen. Einziger Unterschied zur Dreistundenversion: Diesmal gab es Werbepausen, in den Bann Gezogene konnten also auch ohne Entzugserscheinungen Klopausen machen.

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