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Seuche nicht unter Kontrolle

Wildschweinen in Deutschland stehen harte Zeiten bevor. Aus Angst vor der Afrikanischen Schweinepest soll der Wildtierbestand in Deutschland drastisch reduziert werden. Zwar ist die Seuche bisher weder in Deutschland noch in Österreich angekommen. Viele deutsche Bundesländer haben aber bereits die Schonzeit für Wildschweine aufgehoben, um einer möglichen Ausbreitung zuvorzukommen.

Erst kürzlich forderte der Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV) bei einer Pressekonferenz in Berlin, die Politik müsse „zeitnah handeln, um den Jägern eine konsequente Reduktion zu vereinfachen“. Was er darunter versteht, hatte Schwarz zuvor bereits gegenüber der „Rheinischen Post“ erläutert: 70 Prozent aller Wildschweine in Deutschland müssten abgeschossen werden. Auch die Tötung von Muttertieren und Frischlingen müsste erlaubt werden.

Wildschwein

APA/dpa/Lino Mirgeler

Aus Angst vor der Afrikanischen Schweinepest soll es den Wildschweinen in Deutschland an den Kragen gehen

So weit geht die deutsche Regierung zurzeit noch nicht. Dass die Zahl der Tiere sinken muss, ist aber auch für den deutschen Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) ausgemachte Sache. „Eine intelligente Reduzierung des Wildschweinbestandes spielt eine zentrale Rolle bei der Prävention“, sagte Schmidt. Um das Ziel der Bestandsreduzierung zu erreichen, müssten auch die Schonzeiten für Wildschweine aufgehoben werden.

„Emotional überzogene Maßnahmen“

In Österreich gibt sich das Landwirtschaftsministerium entspannter. Zurzeit sehe man „keine akute Bedrohung“ sagte Ministeriumssprecher Daniel Kosak gegenüber ORF.at. „Emotional überzogene Maßnahmen“, wie sie in Deutschland etwa der Bauernverband vorgebracht habe, stünden zurzeit nicht zur Debatte. Laut dem Ministeriumssprecher hat sich die „Gefährdungslage“ seit dem Sommer 2017 nicht verändert.

Für Menschen ungefährlich

Die Afrikanische Schweinepest ist eine per Virus übertragene Krankheit. Für Menschen ist sie ungefährlich, für Schweine endet sie aber fast immer tödlich.

Die Krankheit wurde das erste Mal in den 1920er Jahren in Kenia dokumentiert. Mitte des vergangenen Jahrhunderts traten die ersten Fälle in Europa auf.

Damals wurde im Südosten Tschechiens, 80 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt, ein an der Afrikanischen Schweinepest verendetes Wildschwein entdeckt. Die tschechischen Behörden sperrten daraufhin ein rund 50 Quadratkilometer großes Gebiet ab. Jäger und Scharfschützen der Polizei versuchten, alle Wildschweine in der Sperrzone abzuschießen.

Teile Niederösterreichs und der Norden Wiens sind seither als Gefährdungsgebiet definiert. Wer Hausschweine im Freien hält, muss diese melden. Die Weide muss mit einem doppelten Zaun gesichert oder die Schweine in der Nacht eingesperrt werden. Das soll verhindern, dass Hausschweine mit einem - womöglich erkrankten - Wildschwein in Kontakt kommen.

In neun von zehn Fällen tödlich

Von Tier zu Tier wird das Virus zumeist über das Blut übertragen. Möglich - wenn auch eher unwahrscheinlich - ist eine Infektion aber auch durch Exkremente. Im subsaharischen Afrika fungieren überdies Lederzecken als Überträger. Diese sind in Europa aber nicht beheimatet. Und anders als bei der klassischen Schweinepest spielt die Tröpfcheninfektion bei der afrikanischen Variante keine Rolle.

Dafür gibt es aber gegen die Afrikanische Schweinepest noch keine Möglichkeit der Impfung. Und auch wenn die Krankheit für den Menschen ungefährlich ist, verläuft sie für Schweine fast immer tödlich. In neun von zehn Fällen endet eine Infektion mit dem Tod des Tiers.

Schwere Folgen für die Landwirtschaft

Sollte es tatsächlich zu einem Ausbruch unter Hausschweinen kommen, blieben „nur drastische Maßnahmen“, so Kosak. Dann müsste der gesamte Mastbestand getötet werden. Darauf sei man vorbereitet, sagt der Ministeriumssprecher. Er verweist auf den entsprechenden Maßnahmenkatalog, den das Landwirtschaftsministerium gemeinsam mit der Österreichischen Agentur für Ernährungssicherheit erarbeitet hat.

Folgen für die Landwirte hätte aber bereits ein Ausbruch unter heimischen Wildschweinen. In den betroffenen Gebieten wären umfassende und großräumige Handelsbeschränkungen die Folge. Darauf einigten sich die EU-Staaten vor vier Jahren, als die ersten Fälle im Baltikum und in Polen bekanntwurden.

Bis heute haben die Länder den Ausbruch nicht unter Kontrolle gebracht. Vielmehr breitete sich die Krankheit in anderen osteuropäischen Ländern aus. Für das Jahr 2017 verzeichnete das Meldesystem für Tierkrankheiten der EU neben dem Baltikum und Polen auch Ausbrüche in der Ukraine, Rumänien und Tschechien. Auch aus dem Westen Russlands wurden Erkrankungen gemeldet. Meistens handelte es sich um Wildschweine, in Dutzenden Fällen waren aber auch Hausschweine betroffen.

Viren reisen mit den Menschen

Zwar sorgen die Wildschweine für die Ausbreitung an Ort und Stelle. Für die Verbreitung des Erregers über weite Distanzen sind die Wildtiere aber kaum verantwortlich. Sie „sind meist ortstreu“, so der Wildtierökologe Sven Herzog gegenüber der deutschen „Zeit“. Viel eher reisen die Viren mit den Menschen. Sie können an Kleidung aber auch Fahrzeugen haften und dort tagelang infektiös bleiben.

Noch problematischer ist laut Experten aber die Übertragung per Lebensmittel: In rohen Fleisch- und Wurstwaren können die Viren monatelang überleben. Zwar sollen die EU-Schlachtregeln grundsätzlich verhindern, dass infiziertes Fleisch in Umlauf gerät. Doch Schlachtung und Weiterverarbeitung für den Eigengebrauch passieren oftmals abseits der behördlichen Kontrolle. Und gerade im Baltikum mehrten sich die Fälle von erkrankten Hausschweinen aus „Hinterhofhaltung“.

Autobahnparkplatz als „All you can eat“-Buffet

Fernfahrer oder Urlauber könnten also ohne es zu wissen, die Viren - verpackt in Wurst und Schinken - Hunderte Kilometer weit transportieren. Auf Raststationen landen Wurstsemmelreste dann vielleicht im Mistkübel oder auch daneben. Und dann kommen wieder die Wildschweine ins Spiel.

Die Allesfresser haben Zivilisationsabfälle schon seit Langem als Nahrungsquelle entdeckt. Orte wie Autobahnparkplätze kommen für die Wildtiere einem „All you can eat“-Buffet gleich. Frisst ein Wildschwein ein kontaminiertes Stück Fleisch, hat das Virus einen neuen Wirt und die Krankheit ein neues mögliches Verbreitungsgebiet.

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