Themenüberblick

Der Soundtrack für das laufende Jahr

Das BBC-Orakel hat entschieden: Die 21-jährige norwegische Sängerin Sigrid ist der „Sound of 2018“. Das heißt, es wird ihr zugetraut, heuer den Durchbruch zum ganz großen Star zu schaffen.

Man kennt das vom Song Contest: Weil kaum jemand etwas über die Künstler weiß, gibt es ein Video, in dem sie sich in ihrem Umfeld zu Hause dem Publikum vorstellen. Sigrid kommt vom Land, steht am Strand, hüpft herum, zeigt auf einen dunklen Felsen in der Ferne und macht ihrer Begeisterung Luft: „Ist das nicht großartig?! Dort komme ich her!“ Auf dem Fahrrad, ein Körbchen vorne dran, kurvt sie eine lange, sich windende Straße entlang, singt dazu ein Liedchen wie ein ausgelassener John Lennon auf Urlaub in Bobo-Bullerbü oder Taka-Tuka-Hipster-Land.

Manche Songs kommen im EDM-Trap-Mäntelchen daher, mit Sigrids hoch über den Bässen trällernder Stimme dazu, als hätte sich Joanna Newsom im Elfenkostüm in die Townships von Kapstadt verirrt. Andere Songs docken, ohne Bryan Adams zu verleugnen, an den Indie-Folk der Nullerjahre an, genau wie man es momentan bei zahlreichen Charthits hört. Feist oder Ed Sheeran? Björk oder Enya? Tommy Cash („Surf“) oder Katy Perry? Sigrid kann sich nicht ganz entscheiden - aber das muss sie ja auch nicht.

Die Wahrheit wird sich weisen

Wird Sigrid nun tatsächlich die Durchstarterin des Jahres? Einen Achtungserfolg hatte sie bereits 2017 mit „Don’t Kill My Vibe“ gelandet. Der Power-Song geht auf die fünf Millionen Klicks auf YouTube zu, das Lied hat die Fjorde verlassen und sich nach einem Zwischenstopp (Platz 62 in den UK-Charts) über den großen Teich verbreitet. Sigrid wurde in der Folge von Late-Night-Show zu Late-Night-Show weitergereicht.

Die BBC pusht nun jedoch ein anderes Lied. Stark wie ein Felsen singt sie darin: „I just wanne be a rock“, nicht zu verwechseln mit Rockstar. Wovon Sigrid träumt? In Norwegen ein Häuschen am Strand samt Katze zu haben - und mit 70 Jahren noch Songs zu schreiben. Davon wird die grundsympathische Sängerin niemand abhalten.

Die prophezeiten Stars der Vergangenheit

Die BBC traut sich mit ihren „Sound of“-Prognosen einiges. Die Gefahr danebenzuliegen ist groß - und wer wagt, gewinnt eben nicht immer. Aber die Musikredaktion des britischen öffentlich-rechtlichen Senders ist nicht schlecht. Aus den letzten paar Jahren ist etwa Sam Smith („Sound of 2014“) durchgestartet. Sein erstes Studioalbum landete nur Monate nach der BBC-Prognose in Großbritannien auf Platz eins, in den USA auf Platz zwei, und er lieferte später sogar den 007-Titelsong für „Spectre“.

Einen Bond-Song gibt es auch von einem weiteren von der BBC vorhergesagten Star: Adele („Sound of 2008“). Den großen Durchbruch schaffte auch - wie von der BBC 2010 angekündigt - Ellie Goulding. Wenn man länger zurückblickt, fällt ein großer Volltreffer auf: 50 Cent war der „BBC Sound of 2003“, bevor er international zum Megastar wurde. Eine Frage, die sich beim „Sound of“ naturgemäß stellt: Handelt es sich bei den Prognosen ums „Self-fulfilling Prophecies“? Schließlich blickt die Musikbranche weltweit auf das Ranking, und so mancher wird möglicherweise gerade deshalb zum Star, weil er oder sie diese Liste anführt.

Alle können mitsingen

Der Kreis schließt sich. Als Adele gewählt wurde, war Sigrid elf Jahre alt. Adele scheint Sigrid während ihrer Jugend geprägt zu haben. Als ihr Bruder, der auch Musiker ist, sie einlud, bei einem seiner Konzerte aufzutreten, tat er das unter einer Bedingung: Sie müsse aufhören, ständig Adele-Songs zu covern.

Ein wenig Adele hört man bei Sigrid tatsächlich heraus, auch wenn sie vom Typ her ganz anders ist, wie man auf YouTube-Videos sieht. Sigrid strotzt vor gut gelauntem Selbstbewusstsein. Sie scheint nicht nur mit ihren Videos, sondern auch live zu überzeugen. Bei ihrem Heimatfestival Vinjerock können sogar schon alle mitsingen.

Links: